und Zahl und Kraft beruhend findet , daß sie in dieser abgerundeten und geschlossenen natürlichen Vollkommenheit einen Grund zu finden wähnt , um mit dem Astronomen Lalande zu erklären : » Ich habe den Himmel durchsucht und nirgends die Spur Gottes gefunden . « Dies ist nun gar nicht überraschend ; mit Lupe und Fernrohr entdeckt man Gott nicht . Sehr überraschend ist aber der Schluß , den jene Schule daraus macht : Also gibt es keinen persönlichen , außerweltlichen Gott , Schöpfer und Gesetzgeber dieser Natur . Ebensogut könnte ein Kind sagen , nachdem es das Einmaleins durchgerechnet hat : Das ist ganz richtig und keine Spur von Gott ist darin ; also gibt es keinen Gott . Am allerüberraschendsten würde es sein , daß eine solche Schule gläubige Adepten findet , wüßte man nicht , daß der Erdgeist , der in jeder Menschenbrust sich regt , wenn er nicht von geheiligter Willenskraft gebändigt wird , die Brücke schlägt , auf der die Lehren , die ihm zusagen , ins Menschenherz einziehen . Aber geheiligt wird der Wille nur dadurch , daß er sich aus freiem Entschluß Gott unterwirft , und solche Unterwerfung bewirkt nur der Glaube an eine göttliche Offenbarung , weil in dieser eine göttliche Liebe sich offenbart . Doch von der wußte Judith nichts . Sie lebte unter dem Einflusse einer tiefen Glaubenslosigkeit , die ihr Innerstes zu einer Felsenöde , starr , kalt und einsam machte . » Haben Sie viel Leid im Leben gehabt , Herr Ernest ? « fragte Judith , nachdem sie eine Weile schweigend gearbeitet und den Schluß des Gespräches überdacht hatte . » Nicht der Rede wert , Fräulein Judith ! Das Leid , das vor uns liegt , erscheint uns hoch wie ein Berg ; hinter uns - ist ' s ein Maulwurfshaufen . « » Doch nannten Sie es vorhin eine Lebensbedingung . « » Gewiß ! Wenn ' s kein Leid gäbe , woran sollte es sich bilden , das selbstsüchtige Menschenherz ? Leid tut ihm weh und im Weh denkt ' s an Gott ; und je mehr es eingenommen wird von diesem Gedanken , desto heilsamer ist ihm das Leid gewesen . Sie meinen aber wohl , weil ich ein Maler bin , so ein Stückchen von einem Genie , müßt ' ich ganz idealische Leiden gehabt haben . Fehlgeschossen ! Ein bischen Hunger und Kummer , einige Ängste und Nöten - Punktum . « » Auch Hunger , Herr Ernest ? « » Warum nicht , Fräulein Judith ? Ich bin ein armer Bauernbube , der älteste von elf lebenden Kindern , aus Berchtesgaden , wo man gar geschickt ist im Holzschnitzen . Das trieb auch der Vater und ich half ihm fleißig , suchte aber immer mein Schnitzwerk zu kolorieren , was mir verboten wurde . Allmählig entdeckte man Talent in mir ; ich fand Gönner und Beschützer ; ich kam nach München , lernte , arbeitete . Ich ging nach Italien , wie es alle Künstler zu machen pflegen , studierte dort in den verschiedenen Städten die verschiedenen Malerschulen ; schlug mich durch , manchmal mühselig genug , mußte Geld verdienen und in die Heimat schicken , denn ein Schlagfluß lähmte den Vater , die Mutter konnte mit all ' den Kindern nicht ohne meine Hilfe fertig werden , und als sie starb , die brave , fromme Mutter , konnten ' s die armen Kinder noch weniger werden . Da hieß es denn arbeiten , Fräulein Judith , vom Morgen zum Abend , bei knapper Kost , bis mir die Augenlider und der Arm schwer wie Blei waren , und Gott danken , wenn ich nur immer Arbeit hatte . Deshalb verlegte ich mich auf ' s Porträtieren ; die Arbeit geht so leicht nicht aus , denn die Leute sind so erpicht darauf , ihr Gesicht gemalt zu sehen , als ob sie nie in den Spiegel geschaut und nie die Wahrheit von ihm erfahren hätten , daß es eigentlich nicht der Mühe wert sei , solch ein Alltagsgesicht zu verewigen . Nun , ich danke dem lieben Gott für diese allgemein grassierende Ophthalmie und malte , malte , malte .... « » Aber das muß ja sehr Ihr schöpferisches Talent gehemmt haben , « unterbrach ihn Judith . » Ganz recht , mein Fräulein , und das war vielleicht mein größtes Leid , mein schwerster Kampf ; denn es war ein Etwas in mir , das sich zu höherem Schaffen erschwingen wollte und sich ducken mußte ; mußte , weil Gott von mir verlangte , nicht daß ich ein großer Maler , sondern ein treuer Sohn und Bruder sei . Und sehen Sie , Fräulein Judith , den Willen Gottes zu tun ist süßer , als des heiligen Vaters Vatikan mit Fresken auszumalen wie ein zweiter Rafael . Kurz , ich sorgte für meine ganze Familie und half sieben Brüdern und drei Schwestern zu einem ehrlichen Fortkommen . Alle sind rechtschaffene Leute geworden und hängen an mir wie an einem zweiten Vater . Einige sitzen auf einem grünen Zweig , andere auf einem dürren - wie das so geht in einer zahlreichen Familie ! Mein Pinsel tut noch immer seine Schuldigkeit . Aber meine jüngste Schwester , die Klara , hat mich auch königlich belohnt . « » Das glaub ' ich nimmermehr ! « rief Judith . » Dann würden Sie nicht in diesem kalten Nebelwetter ohne Paletot im Sommerrock gehen . « » Was Rock ! was Paletot ! Nein , Fräulein Judith , einen Lohn , der durch Schneiderhände - unbeschadet dem Respekt vor dem ehrsamen Handwerk ! - einen Umweg macht , hat die Klara zu gering für mich erachtet . O nein ! die Klara ist ein Nönnchen geworden bei den ehrwürdigen Frauen Benediktinerinnen auf dem Nonnberg zu Salzburg , und betet Tag und Nacht für mich armen Sünder . « Judith sah ihn starr an , als erwarte sie einen Aufschluß , eine