Fenster . Wo ist es geblieben ? Die Stimme drüben , die plötzlich mitten in ihrem Gesang abbricht , gibt Antwort darauf . Ein wohlbekanntes , wenig verändertes , braunes Gesicht , von dunkeln Locken umwallt , erscheint in Nr. zwölf am Fenster ; es ist der junge Maler Gustav Berg , der Vetter Gustav , der einstige Taugenichts der Gasse , jetzt ein » denkender « Künstler und , wie man munkelt , oft genug der » Taugenichts des Ateliers « beim Meister Frey in der Rosenstraße . » Kusine , Kusine Elise ! Onkel Wachholder ! « ruft er . » Die Mama ist außer sich ! Flämmchen hat ein Leinölglas umgestoßen und - Unordnung über Unordnung - nicht nur eine sehr angenehme Verschönerung auf dem Fußboden , sondern auch eine sehr unangenehme Verbesserung auf meiner Zeichnung angebracht . Es ist keine Möglichkeit , weiterzuarbeiten ! Wie wär ' s mit einem Spaziergang ? « Ich denke lächelnd an den Doktor Wimmer , der auch einst oft genug Ähnliches von drüben herüberrief ; die Chronik der Sperlingsgasse hat ihre Wiederholungen wie alles in der Welt . - Elise setzt ihren Strohhut auf , und wir gehen hinüber . Auf der Treppe schon empfängt uns Gustav , noch im leichten farbebeschmutzten Malrock , den Kanarienvogel auf dem Finger . » Da ist der Verbrecher « , lacht er . » Sieh , Lieschen , wie unschuldig er aussieht , grade wie du , die doch auch um kein Haarbreit besser ist als er . « » Was ? - Was hab ich denn verbrochen ? « fragt Elise . » Höre nicht auf den bösen Menschen « , sagt die Tante Helene , die jetzt in der Tür erscheint . » So ; - das ist ja prächtig , Mama ! Höre nicht auf den bösen Menschen ! Das ist himmlisch ! Onkel Wachholder , das Frauenzimmervolk hängt wie Pech zusammen ; ich rufe Sie zum Richter auf . Aber kommen Sie herein , die Sache ist zu wichtig , als daß man sie auf der Treppe abmachen könnte . « Wir treten ein , jeder sucht sich einen Platz , und Gustav beginnt : » Hören Sie zu , Onkel ! Heute morgen gehe ich , mit meiner Zeichenmappe unter dem Arm , ganz solide von hier weg . Die besten Vorsätze und Gesinnungen bewegten meinen Busen , und ich rechnete mir innerlich für den immensen Fleiß , den ich heute beweisen wollte , verschiedene Bummeleien zugute . Ich wollte , ich hätte das Selbstgespräch , welches ich hielt , stenographieren können , es würde mir jetzt von großem Nutzen sein . An mancher Scylla und Charybdis , wo meine guten Vorsätze sonst dann und wann gescheitert waren , war ich diesmal glücklich vorbeigesegelt . Als mich Thomas Helldorf aus seinem Fenster anbrüllte , hatte ich mich taub gestellt , als aus Schnollys Konditorei Leopold Dunkel mir zuwinkte , hatte ich mich blind gestellt ; gefühllos zu sein , hatte ich geheuchelt , als Richard Breimüller mich in die Seite stieß und mir den Arm fast ausrenkte , um mich mit zu einem großartigen Frühstück zu ziehen , welches die unmoralischen Menschen , die Freiwilligen von den Zweiunddreißigern , gaben . Ich entwickelte eine riesige Moral ! Da biege ich im vollen Gefühl meiner Sittlichkeit um , die Ecke , die auf den Gemüsemarkt führt , und - renne gegen einen Korb oder vielmehr eine Korbträgerin , die mir entgegenkommt und mir ohne weiteres mit ihrem Sonnenschirm den Weg versperrt ... « » O dieser Lügner ! « fällt hier Elise ein . » Wer hat dir den Weg versperrt ? Hast du mich nicht angehalten ? Hast du mir nicht meinen Korb weggenommen ? Du ... « » ... die mir also den Weg versperrt und ... « » Verleumder ! - Hast du mir nicht meinen ganzen Korb umgekramt und die größte Mohrrübe hervorgezogen , um sie auf der Stelle mit deinem Messer ... « » ... die mir , wie gesagt , den Weg versperrt und sagt : .Sieh , das ist prächtig . Gustav ; jetzt sollst du wider deinen Willen einmal zu etwas nützlich sein ; hier , nimm meinen Korb ! - Kannst du das leugnen , Liese ? « » Onkel , er lügt entsetzlich « , sagt Elise , » er verdreht die ganze Geschichte . Ich hätte ihn doch nicht den Korb tragen lassen ? ! Er war es , der ihn nicht wieder herausgab , und da er noch dazu zwischen jedem Biß , den er an seine Mohrrübe tat , an einem Rosenstrauch roch , welchen er ebenfalls herausgewühlt hatte , so sagte ich : Ich habe keine Zeit mehr ... « » Onkel Wachholder « , unterbricht jetzt Gustav , » ich verband das Schöne mit dem Nützlichen ! Mama , sind rohe Mohrrüben nicht etwa gut gegen - gegen alles mögliche ? « » ... ich habe keine Zeit mehr , und wenn du den Korb einmal nicht wieder herausgehen willst , so behalte ihn und schleppe ihn meinetwegen ! « » Siehst du ! Seht ihr ! Da gesteht sie ihre Schlechtigkeit selbst ein . Denken Sie , Onkel Wachholder , auf einmal dreht sie sich um , rennt davon wie eine Gazelle und läßt mich an der Ecke stehen wie ein Kamel , beladen mit Rosen von Schiras und Gemüse aus dem Tal von Schâm . Elise , Lieschen , Kusine Ralff ! rufe ich aus vollem Halse ; Liese , mit dem Korb kann ich doch nicht ins Atelier gehen ! Himmlische Kusine Lieschen , befreie mich von diesem Stilleben ! - Wer aber nicht hört , ist Elise . Was war zu tun ? Ich setze mich in Trab ; mit Korb und Mappe , mit Rüben und Rosen hinter ihr her . Solch eine Jagd ! - Von Zeit zu Zeit sehe ich ihren Strohhut oder ihr blaues Kleid zwischen