Ruhe begeben . « Landsfeld , welcher fühlte , daß er in diesem Augenblick die beiden Frauen einander überlassen müsse , stand auf und ging in das Nebenzimmer , in welchem er die noch brennenden Lichter eines nach dem andern bis auf ' s letzte auslöschte und , dann an ' s Fenster tretend , auf die Straße hinabsah . Lydia folgte ihm nach einigen Minuten . » Die Mutter ist nach ihrem Zimmer gegangen « - sagte sie , sich an ihn schmiegend . - » Sie grüßt Dich herzlich . « » So laß uns auf die unseren gehen « - erwiederte er , sie umfassend . - » Komm , Geliebte , komm , jetzt gehören wir ganz einander an . Verstehst Du , Lydia , was das heißt ? « - Statt aller Antwort umschlang sie weinend seinen Hals und lehnte ihre Stirn an seine Brust . Einen Augenblick betrachtete er sie aufmerksam , und leise den Kopf schüttelnd ; dann führte er sie mit sich fort , indem er das letzte Licht auf dem Tische mit sich nahm . Das Schlafzimmer der Neuvermählten lag nach dem Garten heraus . Es war einfach aber höchst geschmackvoll und behaglich eingerichtet . Durch ein schmales Kabinet nach der einen Seite von dem Schlaf- und Arbeitszimmer Landsfelds , nach der andern von dem Speisesaal getrennt , aus dem eine Thür nach dem ebenfalls mit seinem Arbeitszimmer zusammenhängenden Wohnzimmer Lydiens , die andere nach den auf der anderen Seite liegenden Gemächern der Forsträthin . Um die Mutter nicht zu stören , gingen sie , statt direkt durch den Speisesaal , durch das Arbeitszimmer Landsfelds . » Geh ' , Geliebte « - sagte Landsfeld , sie mit Innigkeit umschlingend , nachdem sie das letztgenannte Zimmer betreten . - » Geh ' , laß Dich von Gertrud entkleiden . « - Gertrud war Lydiens Amme gewesen und jetzt als Wirthschafterin in den neuen Hausstand mit eingetreten . - » Bist Du nicht allzu müd ' , mein Herz , so komme ich noch auf ein paar Minuten mit Dir zu plaudern . « Wieder ruhte nach diesen mit unbefangener Herzlichkeit gesprochenen Worten sein forschender Blick auf dem Gesicht seiner jungen Gattin . Vielleicht hoffte er , daß sie ihm antworten werde , aber auch diesmal umarmte sie ihn nur unter schamhaftem Erröthen und eilte schnell zur Thüre hinaus . Er blickte ihr lange sinnend nach , als suche er den Grund von Etwas , das er sich nicht erklären könne . » Wer mir doch Gewißheit geben könnte « - sagte er vor sich hin . » Zwar erstaunte sie nicht über das , was ich ihr sagte , sie schien es ganz natürlich zu finden - aber warum erröthete sie denn ? - Und endlich frage ich : Kann eine solche Unschuld , wie sie sie zu haben scheint - vielleicht nur scheint - möglich sein bei einem Mädchen von 19 Jahren ? Ist es denkbar , daß der Zufall sie vor jedem zweideutigen Worte , vor jeder verschleierten Anspielung , vor jedem - « Bilde , wollte er sagen , aber er sprach das Wort nicht aus , sondern schloß mit einem bittern Lachen , da ihm einfiel , daß man sich durch dergleichen Fragen in der keuschen Residenz , dem züchtigen Berlin - nur lächerlich machen könnte . Und dennoch that er ihr durch diese Zweifel unrecht . Lydiens Phantasie war in der That völlig rein und fleckenlos . Noch hatte sie keine Ahnung - oder doch gewiß keine Vorstellung von einer andern als wie geistigen und gemüthlichen Gemeinschaft und Einigung der Gatten . Vielleicht war es nicht klug gehandelt von der Forsträthin , daß sie ihre erwachsene Tochter über die Ehe nie aufgeklärt hatte . Aber sie konnte es nicht über ' s Herz bringen , den Kindeshimmel dieses reinen Gemüths zu zerstören . Daß Lydia durch andere zufällige Anlässe zu einer Kenntniß in dieser Beziehung kommen könnte , ohne daß es von dem mütterlichen Auge wahrgenommen würde , hielt sie für unmöglich . Denn sie wußte , daß , wenn ein jungfräuliches Herz seine Reinheit so lange ungefährdet erhalten hat , es in dieser Reinheit selbst den besten Schild gegen jede Verunreinigung besitzt und daß übrigens , sollte doch ein unvorhergesehener Zufall eine ihr bisher fremde Vorstellung gleichsam gewaltsam hineinschleudern , seine Verwirrung und sein Schmerz zu tief und groß sein würde , als daß es ihn vor dem Scharfblick mütterlicher Liebe verbergen könnte . Die Bedenken , welche Landsfelds Zweifel gegen die Wahrheit von Lydiens weiblicher Unschuld rege erhielten , und welche nur bewiesen , daß er von der wahren Reinheit des weiblichen Gemüths keinen Begriff hatte , ließen sich sämmtlich durch die einfache Thatsache widerlegen , daß Lydiens Ohren und Augen über solche Anspielungen und Anschauungen entweder theilnahmlos fortglitten , weil sie sie nicht verstand , oder aber - waren sie zu deutlich und folglich zu kraß - sie von ihnen , ohne sich eigentlich des Grundes bewußt zu werden , nur einen unangenehmen , wiederwärtigen Eindruck erhielt , den sie so schnell wie möglich wieder los zu werden suchte . Beunruhigt oder gar erregt wurde sie nicht im Geringsten dadurch , höchstens wurde ihr Geschmack beleidigt . Aber jetzt war sie in einer ihr selbst unerklärlichen tiefen Bewegung . Der Gedanke , jener von den Mädchen eben so ersehnte als gefürchtete Augenblick , welcher die Grenze zwischen dem Jungfrauen- und Frauenleben bildet , sei jetzt gekommen , setzte sie vielleicht in desto größere Spannung , und ließ ihren Busen vielleicht um so ängstlicher auf- und abwogen , je weniger sie eine klare Vorstellung von seiner wahren Bedeutung hatte . » Ach , Gertrud « - sagte sie zu ihrer Amme , » sag ' mir nur , warum mir so angst ist . - Fühl ' einmal , wie mir das Herz schlägt . « Bei diesen Worten nahm sie die trockene , harte Hand Gertruds , welche sie bereits entkleidet hatte und