Ich grüßte ihn wieder und sagte : » Ich muß Sie um Verzeihung bitten , daß ich einen Maskenscherz für Ernst genommen habe . In meinem Lande kennt man das nicht , und diese Unkenntniß mag mich entschuldigen . Ich erlaube mir nur eine Frage , mein Herr : haben Sie die Nadel zum Besten der Armen verkauft ? « Ich sprach ernst und ruhig und in demselben Ton antwortete jezt der Kapuziner : » Nein Signora ! ich habe das Doppelte ihres Werthes den Armen gegeben und .... die Nadel behalten . « » Sie legen dadurch ein seltsames Interesse für mich an den Tag , mein Herr , welches nicht von der Art ist um das meine zu wecken . « » Das habe ich auch nie gehoft , Signora . « » Durch diese Aeußerung sprechen Sie wenigstens aus , daß Sie es wenn nicht gehoft .... doch versucht haben . « » Und wenn ich das eingestanden ? « » So würde ich fragen : weshalb diese Blumen , diese Musik , diese Unsichtbarkeit in der Loge , diese Billets , diese gegenwärtige Verkleidung - da es doch unendlich viel einfacher gewesen wäre und unsre Bekanntschaft mehr gefördert hätte , wenn Sie den Zutritt in meinem Hause gesucht hätten , den ich keinem wolerzogenen Mann verweigere . « » Einfacher , d.h. hergebrachter wär ' es gewesen , Signora ; doch ich zweifle daß es unsre Bekanntschaft gefördert hätte . Denn das ist nicht Jemand kennen : seinen Namen wissen und von tausend Gleichgültigkeiten mit ihm sprechen ; sondern das ist es : den Grundzug seines Herzens kennen - und Sie kennen den meinigen . « » Nun gut , mein Herr ! ich kenne ihn also ! - was weiter ? « fragte ich kalt . » Sie interessiren sich für mich . « » Ja , mein Herr , das Menschenherz ist so wunderlich beschaffen , daß es sich vom Geheimniß gelockt fühlt . « » Also Sie denken an mich , Signora , Sie beschäftigen sich mit mir , Sie interessiren sich für mich - folglich nehme ich einen Platz in Ihrem Leben ein ! - Ich sagte Ihnen vorhin , daß ich soviel nie gehoft hätte . « » Mein Herr ! nahm ich entschlossen das Wort , dies Alles hat seine amüsante , seine rührende , seine ridiküle und seine unschickliche Seite . Ich wünsche dringend daß diese mysteriöse Huldigung aufhören möge , und ich wünsche Denjenigen von Angesicht zu Angesicht kennen zu lernen , der sie mir seit dreiviertel Jahren mit so seltsamer Ausdauer darbringt . Nennen Sie das Interesse oder gewöhnliche Weiberneugier ; ich muß es mir gefallen lassen ! aber ich sage Ihnen die Wahrheit . Haben Sie einen Grund meine Bekanntschaft zu meiden , so kommen Sie nicht ; allein hören Sie auf mir Ihre Theilnahme so seltsam und unbegreiflich wie bisher an den Tag zu legen . « » Kann ich die Ehre haben Sie morgen früh um zwölf Uhr allein zu finden , Signora ? und wird Ihre Nadel , die ich dem Portier vorzeige , genügen um mich zu Ihnen zu führen ? « » Ja mein Herr ! « sagte ich , grüßte ihn und verließ die Kirche in der größten Spannung . So sollte ich ihn denn sehen , den Sylf , den Verbannten , den Unsichtbaren , den Flüchtling , der meine Phantasie so lebhaft beschäftigt und mir mehr Theilnahme für ihn , den ich nicht sah , als für Alles was ich sah eingeflößt hatte . Ich schlief in der nächsten Nacht nicht fünf Minuten , ich stand drei Stunden früher als gewöhnlich auf ; ich befahl Denjenigen , der eine goldne Nadel mit blauen Steinen vorzeigen würde ohne Umstände zu mir zu führen ; - und verbrachte darauf in zitternder Erwartung die Stunden . Mit dem Glockenschlag zwölf gingen rasche Schritte durch den Saal - die Thür meines Cabinets flog auf - und Astrau trat ein . » Ah , Otbert ! wie kommen denn Sie hieher ? « rief ich ganz freudig und ahnungslos . » Kraft dieses Talismans ! « entgegnete er und zeigte mir die Nadel , die er wie eine Blume zwischen den Fingern hielt . » Sie .... Otbert ! Sie ? « stammelte ich in der höchsten Ueberraschung und lehnte mich zitternd an einen Stuhl . » Ja , nur Otbert .... sonst Niemand , « sagte er . Spannung , Erwartung , Träume , Phantasien , Ueberraschung , Gewißheit , Freude - alle diese chaotischen Empfindungen , die mir Herz und Nerven vibriren machten - brachen sich urplötzlich in einen Strom von Thränen . » So betrübt sind Sie , daß nur ich es bin , Sibylle ? « fragte Astrau sanft und traurig . » Nein nein ! rief ich hastig ; Sie wissen ja daß ich viel träume ! Vielleicht bin ich jezt erwacht und danke Ihnen mit meinen Thränen . « » Dürfte ich das hoffen , Sibylle ! « » Warum denn nicht ? ich hoffe es ja . « » Gewiß ? fragte Astrau mit stralenden Augen . O Sibylle .... dann wird auch der Glaube nicht fern und die Liebe nah sein .... dann werden Sie mir verzeihen , daß ich trotz Ihres kühlen abwehrenden Briefes aus Würzburg nicht zurücktrat , sondern Ihnen hieher folgte . « » Aber warum beachteten Sie mich nicht in München ? « » Um nicht zudringlich zu erscheinen ! - nur mit meinen Gedanken , nicht mit meiner Person wollte ich einen Platz erringen in Ihrem Leben . Sie sollten gewahr werden , daß unablässig die Richtung meiner Seele zu Ihnen gehe , und daß die Attraction , welche Sie auf mich geübt haben nicht jene gewöhnliche sei , die eine schöne Erscheinung mit sich führt und die aufhört wenn sie verschwindet . « - » Könnte ich das Alles glauben , Otbert , sagte ich zaghaft ; ach ,