war zu dem Aeußersten bereit . Da kamen Sie wie mein guter Engel , wie zu meinem Schutzgeist blicke ich zu Ihnen empor ! « So weit hatte Caroline zitternd gelesen , als sie das Rollen eines Wagens hörte . Sie steckte den Brief in das Couvert , machte dies geschickt wieder zu und eilte , es auf den Schreibtisch ihres Mannes zu legen , der gleich darauf in das Zimmer trat . Er langte hastig nach dem Briefe seiner Frau und sah mit Ueberraschung , daß sie alle seine Vorschläge verwarf . Das hatte er nicht erwartet , er begriff nicht , was sie zu erreichen hoffte , was sie mehr verlangen könne . Die neuen Hindernisse verstimmten ihn , mehr noch die Art , in welcher der Brief geschrieben war . Mit der kalten Gewohnheit des Geschäftsmannes öffnete er das andere Schreiben und las es mit immer wachsender Theilnahme und Rührung . Nach der ersten Einleitung hieß es weiter : » Ich bin in einer Welt erzogen , in der man die hergebrachten Sitten und Gewohnheiten geringschätzt , ich habe sie verachten gelernt . Ich habe Frauen und Männer gekannt , die unter dem Schein der Zucht und Ehrbarkeit all ihren Lüsten fröhnten . Heute sah ich junge Gatten sich vor dem Altare verbinden und schon wenig Wochen darauf kniete der Mann , der einem Engel der Unschuld Treue gelobt , zu den Füßen eines Weibes , das nicht werth war , jenem Engel die Schuhriemen zu lösen . Ehrenmänner vertrauten der Tugend ihrer Frauen , die in den Armen junger Laffen den unbefleckten Namen ihres Gatten preisgaben - und die Welt hielt jene Frauen für rein , jene Männer für untadelhaft ! In meinem Beruf darauf angewiesen , durch den Schein die Wahrheit darzustellen , ist mir der Schein verhaßt geworden und mein ganzes Dasein ist ein Streben nach Wahrheit gewesen . Jene Verbindungen , die aus Habsucht und tausend andern Rücksichten geschlossen , mit dem ehrbaren Namen einer rechtmäßigen Ehe die ungezügelte Freiheit des Lasters heiligen , widerten mich an . Mich dünkte die Fessel unwürdig , die man sich mit einem Eide auferlegt . Waren doch so Viele nur zu bereit , die drückende Kette zu lockern , sich so frei darin zu bewegen , als möglich . Ich habe die Ehe in ihrer jetzigen Form tief verachtet . Man setzt einen Preis für die gegenseitige Liebe fest , man zügelt dies Gefühl bis zu der Stunde , in der ein fremder Mann , ein Priester , erlaubt , daß man sich angehören dürfe . Dann werden fremde Menschen zu festlichem Gelage vereint ; in perlendem Wein erhitzen sich die Geister , freier und kühner werden die Scherze der glückwünschenden Männer vor dem beleidigten Ohre der zitternden Braut , und mitten aus dem wilden Gewühl entführt sie der Bräutigam zu den Mysterien der Liebe , wie ein Sultan die Odaliske , und das freche Lächeln der Hochzeitgäste begrüßt am nächsten Morgen die Neuvermählte . Das nennt man Sitte , das nennt man Keuschheit und Civilisation ! das heiligt die Kirche , das beschützt der Staat ! Wie tief entwürdigt erschien mir in solchen Augenblicken das Weib , wie roh die Menschen , die solche Hochzeitsfeier heilig nennen ! Wie glücklich , wie rein fühlte ich mich in dem Gedanken , einem geliebten Manne zu gehören , ohne Eid und Schwur ; sein geworden zu sein in einer Stunde seligster Entzückung , in der wir die Welt im Herzen trugen , die heiligste Welt der Liebe , die keiner geputzten Hochzeitzeugen bedarf , weil sie das Recht zu gänzlicher Vereinigung in sich selbst besitzt ! Ich habe geglaubt , der Mensch bedürfe keines andern Zwanges ; die Erkenntniß des Wahren , die Liebe , das Recht , das seien die Gesetze , das sei die Religion für den Denkenden . Ich wollte nicht heimlich thun , was ich für Recht hielt , ich wollte nicht geduldet werden durch scheinbare Unterwerfung unter die Sitte . Frei und stolz , habe ich gesagt , so handle ich , und ich handle Recht , weil ich weiß , daß ich nie von dem Wege wahrer Pflicht und wahrer Ehre weichen werde . Ich habe nie verlangt , daß Julian sich mir mit heiligen Schwüren gelobe , ich habe ihm niemals Treue versprochen . Schwört man denn zu halten , was man nicht unterlassen kann , ohne in Verzweiflung unterzugehen ? Hätte ich je aufhören können , Julian zu lieben , so würde ich mich für frei gehalten haben . Oft habe ich ihm das gesagt ; oft ihn versichert , er solle frei sein von jedem Bande , das ihn an mich binde , sobald er mich nicht mehr seiner Liebe würdig fände . Ich war meiner so gewiß ; ich hielt seine Liebe für so unwandelbar als die meine . Ich habe mich getäuscht . Ich habe dem Herkommen , der Sitte Hohn gesprochen , jetzt rächen sie sich an mir . Julian , den ich frei wähnte von den Vorurtheilen der andern Menschen ; Julian , dem ich rückhaltlos vertraute , verläßt mich jetzt . Seine Liebe ist erkaltet . Er läßt sich von mir reißen durch den Tadel , den die thörichte Menge auf mich und auf unsere Verbindung wirft . Ich habe ihn verloren , mein Leben ist damit zu Ende . Ich wollte sterben , weil ich nicht zu leben wußte , weil außer Julian kein Mensch für mich lebte in der Welt ; weil Alles mir gleichgültig war außer ihm . Sterben schien mir das seligste Ruhen nach schwerem Leid . Da kamen Sie ! - Ein Mensch ! rief es in mir . Ihr Wort war mild , Ihr Ton , Ihr Blick Erbarmen . Gott lohne es Ihnen , Sie haben mich vom Tode gerettet ; Sie wollten mich dem Leben der Kunst wiedergeben , ich folgte Ihnen gern , aber ich vermag es nicht . Wie könnte ich heiter schaffen