reicher in meinen Gedanken , und , neben einer unendlich wohlthuenden , warmen Stimmung meiner physischen Natur , empfand ich eine tiefe , ruhige , befriedigte Heiterkeit in der Brust , wie ich mich ihrer nie erinnern konnte . Es war mir , als hätte ich jetzt erst einen kräftigen Blick ins Leben gewonnen . Alles schien an mir klarer , bestimmter , herausgetretener , gerundeter geworden , Alles hatte Ton , Klang und Duft in mir von innen und außen . Ich war mehr geworden , diese Ueberzeugung drängte sich mir lächelnd auf . Kein harmloses Mädchen , kein unschuldiges Kind mehr , aber gewachsen und erwachsen , gereift und gezeitigt . So seltsam war meine Sinnesart , daß ich , in diesem Moment an gar nichts Anderes denkend , mich nur unbeschreiblich glücklich pries . Ja , das eigene Wonnegefühl , das tief aus mir herausschlug , überwältigte mich so sehr , daß ich mich nicht halten konnte , ich sank auf mein Knie nieder , und betete , was ich so lange nicht gethan hatte , zu Gott . Seit jenen guten Kinderworten , mit denen ich ihn um das Leben gefleht , das ich mir noch weit hinter den böhmischen Bergen gedacht , hatte ich nicht aus so voller und hingebender Seele gebetet . Ich betete und dankte , daß er mich nicht verlassen , und daß ich fühle , wie er mit mir sei , und sein geistbeflügelnder Hauch mich im Innersten durchdringe , selbst bis in Fleisch und Blut hinein . Er möge mich glücklich führen und leiten durch das große Labyrinth der Welt . So lange mir gut und fröhlich zu Muthe sei , wolle ich immer glauben , daß ich Alles , was ich auch gethan , recht und mit seinem Willen gethan . So sei ich . Ich sei eine weltliche Seele . Ein Kind der Welt . Und durch die Welt empfände ich ihn , meinen Gott , heraus . Ich könne nicht anders . Jetzt sei mir wohl , sehr wohl . Dank , Dank und Amen ! - Als ich aufstand , fühlte ich , daß meine Gedanken , allmälig wieder nüchtern werdend , zu den Bildern des vorigen Tages in scharfer Erinnerung zurückkehrten . Nur an Mellenberg dachte ich noch einmal mit solchem süßen Zug der Anhänglichkeit und Zugehörigkeit , daß ich mich wie durch geheimnißvolle Fesseln an ihn gebunden empfand . Dann aber verdunkelte und verschüttete sich plötzlich in mir Alles durch die schreckenerregendsten Vorstellungen . Meine Verhältnisse in diesem Hause , was sollte aus ihnen und was aus mir werden ! Ich fürchtete , daß ich gestern meine bisherige sorglose Lage auf immer verändert und zerstört hätte , und zugleich wünschte ich es . Denn wie konnte ich anders gegen den Grafen handeln ! Es empörte mich , an ihn und an die Tante zu denken , und neben der zagenden Besorgniß für meine Zukunft regte sich in mir zugleich der Zorn . Dann schüttelte es mich wieder , wenn ich in die Ferne dachte , mit Grauen und Angst . Niemand ließ sich blicken , und ich war entschlossen , heut allein auf meinem Zimmer zu bleiben , es werde auch wie es wolle . Endlich brachte mir die Aufwärterin mein Frühstück , und ich fragte weder nach der Tante , noch wurde mir etwas von ihr gesagt . Ich kleidete mich um , setzte mich nieder , und wollte erst zeichnen , dann lesen . Nichts gelang mir , und ich vermochte nicht , meine Anschauungen auf einen bestimmten Gegenstand zu fesseln . Die Kreide zitterte mir in der Hand , die Buchstaben verschwammen mir vor den Augen , und Alles , was ich anrührte , benetzte sich bald mit Thränen . So ging die schöne helle Stimmung , mit der ich diesen Morgen erwacht war , bald in immer versunkenere Schmerzen über , und wich dem näher und näher heraufziehenden Schicksal dieses Tages , welcher der entscheidende für mich werden sollte . Indem ich so saß und an den Bildern meiner eigenen Phantasie mich abängstigte , dann wieder hin und her dachte , um meine Gedanken zu zerstreuen , fiel mir plötzlich ein , daß heut ein Festtag sein müsse , über den ich schon früher viel in den Zeitungen gelesen . Freilich kein Festtag für mich . Es war die Jubelfeier der augsburgischen Confession , welche in dieses Jahr und auf diesen Tag fiel , und über deren festliches Begehen man aller Orten sprechen gehört hatte . Es war in der letzten Zeit davon um so mehr die Rede gewesen , und deshalb auch zu meinen , oft mitten im Wirrwarr Manches erlauschenden Ohren gedrungen , weil , wie man sagte , die Protestanten in Dresden zu manchem drückenden Argwohn , welcher sie eine Beeinträchtigung ihrer Glaubensrechte besorgen ließ , damals Anlaß gefunden . Ich erinnerte mich jetzt , da es mir wohlthat , auf andere Vorstellungen zu kommen , aus meinen früheren Geschichtsstunden bei Mellenberg deutlich des ganzen Herganges , den die Reformation genommen , und wodurch eine lebhafte Gedächtnisfeier jener augsburgischen Confession für die Anhänger dieser Kirchenpartei so bedeutend werden mußte . Daß aber die Feier in Dresden keineswegs mit solchem Glanz vor sich gehen werde , als es dieser historischen Bedeutung würdig gewesen , hatten die Protestanten , die sich in ihrer Stellung zu der herrschenden katholischen Partei nichts weniger als in ihrem Rechte glaubten , gefürchtet . Mir fiel manches Wort wieder ein , was Mellenberg in unsern damaligen Unterhaltungen über diesen Gegenstand gesagt . Ich wiederholte mir ordentlich Alles , soweit ich es noch im Gedächtniß hatte , um jetzt alle andern Gedanken nur immer weiter von mir zu scheuchen . Zugleich war es mir süß , weil es mit Mellenberg zusammenhing . Bald aber dachte ich bloß an ihn selbst , und jedes übrige Bild verwischte sich dagegen in mir . Da klopfte es leise an meine Thür , und ein kleiner Knabe brachte mir