dem Glauben , der junge Philadelphier komme recta nach Weimar , und gehe von da wieder heim ; übrigens hatte er richtig prophezeit : Doctor legens Supfer , wie ich mich nannte , und Forthill aus Amerika , waren auf fünf Uhr bestellt . Endlich schlug die Stunde , wir machten uns auf den Weg . Der Dichter wohnt sehr schön . Eine sanfte , geschmackvolle , mit Statüen dekorierte Treppe führt zu ihm ; eine tiefe , geheimnisvolle Stille lag auf dem Hausgang , den wir betraten ; schweigend führte uns der Diener in das Besuchzimmer . Behagliche Eleganz , Zierlichkeit und Feinheit , verbunden mit Würde , zeichneten dieses Zimmer aus . Mein junger Gefährte betrachtete staunend diese Wände , diese Bilder , diese Meubles . So hatte er sich wohl das » Stübchen des Dichters « nicht vorgestellt . Mit der Bewunderung dieser Umgebungen schien auch die Angst vor der Größe des Erwarteten zu steigen . Alle Nüancen von Rot wechselten auf seinem angenehmen Gesicht ; sein Herz pochte hörbar , sein Auge war starr an die Türe geheftet , durch welche der Gefeierte eintreten mußte . Ich hatte indes Muße genug , über den großen Mann nachzudenken . Wieviel weiter , sagte ich mir , wie unendlich weiter helfen dem Sterblichen Gaben des Geistes als der zufällige Glanz der Geburt . Der Sohn eines unscheinbaren Bürgers von Frankfurt hat hier die höchste Stufe erreicht , die dem Menschen , nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge , offensteht . Es hat schon mancher diese Stufe erstiegen . Geschäftsmänner vom Fach haben vom bescheidenen Plätzchen an der Türe alle Sitze ihrer Kollegien durchlaufen , bis endlich der Stuhl , der zunächst am Throne steht , sie in seine Arme aufnahm . Mancher hat sich auf dem Schlachtfeld das Portefeuille erkämpft . - Goethe hat sich seine eigene Bahn gebrochen , auf welcher ihm noch keiner voranging , noch keiner gefolgt ist ; er hat bewiesen , daß der Mensch kann , was er will ; denn man sage mir nichts von einem das All umfassenden Genie , von einem Geist , der sein Zeitalter gebildet , es stufenweise zu dem Höheren geführt habe - das Zeitalter hat ihn gebildet . Ich kann mir noch wohl denken , welch heilloses Leben » Werther « in das liebe Deutschland machte . Die Lotten schienen wie durch einen Zauberschlag aus dem Boden zu wachsen ; die Zahl der Werther war Legion . Aber was war hierin Goethes Verdienst ? Hatte es wirklich nur daran gefehlt , daß er das Hörnchen an den Mund setzte , und bei dem ersten Ton , den er angab , mußte Pfaffe und Laie , Nönnchen und Dämchen in wunderlichen Kapriolen ihren Sankt-Veits-Tanz beginnen ? Wie heißt dieses große schöpferische Geheimnis ? Alles zu rechter Zeit . Der » Siegwart « hatte die harten Herzen aufgetaut und sie für allen möglichen Jammer , für Mondschein und Gräber empfänglich gemacht , da kommt Goethe . Die Türe ging auf - er kam . Dreimal bückten wir uns tief , und wagten es dann an ihm hinauf zu blinzeln . Ein schöner , stattlicher Greis ! Augen so klar und helle , wie die eines Jünglings , die Stirne voll Hoheit , der Mund voll Würde und Anmut ; er war angetan mit einem feinen schwarzen Kleid , und auf seiner Brust glänzte ein schöner Stern . - Doch er ließ uns nicht lange Zeit zu solchen Betrachtungen ; mit der feinen Wendung eines Weltmannes , der täglich so viele Bewunderer bei sich sieht , lud er uns zum Sitzen ein . Was war ich doch für ein Esel gewesen , in dieser so gewöhnlichen Maske zu ihm zu gehen . Doctores legentes mochte er schon viele Hunderte gesehen haben . Amerikaner , die , wie unser Wirt meinte , ihm zulieb auf die See gingen , gewiß wenige ; daher kam es auch , daß er sich meist mit meinem Gefährten unterhielt . Hätte ich mich doch für einen gelehrten Irokesen oder einen schönen Geist vom Mississippi ausgegeben . Hätte ich ihm nicht Wunderdinge erzählen können , wie sein Ruhm bis jenseits des Ohio gedrungen , wie man in den Kapanen von Louisiana über ihn und seinen » Wilhelm Meister « sich unterhalte ? - So wurden mir einige unbedeutende Floskeln zuteil , und mein glücklicherer Gefährte durfte den großen Mann unterhalten . Wie falsch sind aber oft die Begriffe , die man sich von der Unterhaltung mit einem großen Manne macht ! Ist er als witziger Kopf bekannt , so wähnt man , wenn man ihn zum erstenmal besucht , einer Art von Elektrisiermaschine zu nahen . Man schmeichelt ihm , man glaubt , er müsse dann Witzfunken von sich strahlen , wie die schwarzen Katzen , wenn man ihnen bei Nacht den Rücken streichelt ; ist er ein Romandichter , so spitzt man sich auf eine interessante Novelle , die der Berühmte zur Unterhaltung nur geschwind aus dem Ärmel schütteln werde ; ist er gar ein Dramatiker , so teilt er uns vielleicht freundschaftlich den Plan zu einem neuen Trauerspiel mit , den wir dann ganz warm unseren Bekannten wieder vorsetzen können . Ist er nun gar ein umfassender Kopf wie Goethe , einer der , sozusagen , in allen Sätteln gerecht ist - wie interessant , wie belehrend muß die Unterhaltung werden ; wie sehr muß man sich aber auch zusammennehmen , um ihm zu genügen . Der Amerikaner dachte auch so , ehe er neben Goethe saß ; sein Ich fuhr , wie das des guten Walt , als er zum Flitte kam9 , ängstlich oben in allen vier Gehirnkammern , und darauf unten in beiden Herzkammern wie eine Maus umher , um darin ein schmackhaftes Ideenkörnchen aufzutreiben , das er ihm zutragen , und vorlegen könnte zum Imbiß . Er blickte angstvoll auf die Lippen des Dichters , damit ihm kein Wörtchen entfalle , wie der Kanditat auf den strengen Examinator ,