Leuen mich im väterlichen Hause so ganz verschieden von dem fand , was ich in der Nähe und den Umgebungen der Fürstin gewesen war . Doch leider war ich thöricht und verwöhnt genug , die sichtbare Bewegung , in die er bei dieser Entdeckung getieth , für ein Zeichen bewundernder Ueberraschung anzusehen , und mein Betragen ward von nun an mit jedem Tage übermüthiger und kecker . Neben der Freude an meines Vaters Beifall riß theils die überlaute Bewunderung unsers Kreises mich hin , theils wollte ich vor Bernhards Augen recht glänzend und liebenswürdig mich zeigen , und so überbot ich denn mit jedem Tage mich selbst bis zur höchsten Anstrengung meiner geistigen Kräfte . Ich witzelte mit Jenem , neckte mich mit diesem , entschied überall , oft über Dinge , von denen ich nichts wissen konnte , und lachte mich selbst zuerst aus , wenn ich dabei in grobe Irrthümer verfiel , was wohl zuweilen vorkam . Ich war nicht verblendet genug , den tiefen leidenschaftlichen Schmerz zu übersehen , der jezt Bernhards schöne Züge nur zu oft umdüsterte , doch ein paar an ihn gerichtete freundliche Worte , wenn er sich dessen am wenigsten versah , ein unbedeutender Vorzug , den ich unerbeten und zuvorkommend ihm vor den Uebrigen einräumte , verfehlten es nie , diesen schmerzlichen Ausdruck seines Gesichts in den der innigsten Liebe umzuwandeln . So glaubte ich , in seinem momentanen Trübsinne nur die Wirkung einer Eifersucht zu sehen , die mir nicht anders als schmeichelhaft sein konnte . Ich fühlte , wie er mit ganzer Seele an mir hieng , und hatte eine wahrhaft kindische Freude daran , ihn nach Belieben an einem seidenen Faden flattern zu lassen . Ich glaubte weder , daß er diese leichte Fessel zerreissen , noch daß sie ihm drückend werden könne , denn er schien sie so gern zu tragen , und ich hatte keine Mutter , keinen Freund ; gütig und weise genug , um mich aufmerksam darauf zu machen , wie sehr dieser Misbrauch der Gewalt , die ein freundliches Geschick mir über das edelste Gemüth gegeben , seiner und meiner unwürdig sei . Indessen verband ich mit diesem wunderlichen Betragen auch noch ganz insgeheim die Absicht , meinem Freunde dadurch mehr gesellige Leichtigkeit anzubilden , das Einzige , was ihm in meinen Augen noch zur Vollkommenheit fehlte . Bei dem grosartigeren , ernster gehaltenen Tone , der in den Umgebungen der Herzogin vorherrschend war , hatte ich an ihm nicht das geringste auszusetzen gefunden ; doch in meinem eigenen Kreise erschien er mir jezt oft nicht gewandt genug , und ich war zuweilen in meinem Herzen recht trostlos darüber , wenn ich ihn in dieser Hinsicht von übrigens ganz unbedeutenden Gesellen übertroffen zu sehen glaubte . Ich selbst war ja vor allen Dingen brillant , und alles , was zu mir gehören wollte , mußte es auch sein . Bernhard schien indessen wenig geneigt , sich hierin meinen Wünschen zu fügen , und dem wesenlosen Schimmer nachzujagen , den ich an ihm vermißte . Wie er von jeher gewesen , so blieb er , und wenn die Gecken um ihn her ihr loses Spiel ihm ein wenig zu nahe trieben , so wußte er , schroff und imponirend genug , sich vor ihren Augen zu erheben , um sie in gehöriger Entfernung von sich abzuhalten . Dies war es nun wohl nicht , was ich eigentlich gewollt hatte , doch konnte es mich nicht verdriessen ; ich ward nur heimlich um so stolzer auf meinen Freund . Bernhard bemerkte meine Zufriedenheit in solchen Augenblicken , wenn gleich ich sie mir selbst kaum gestand , und diese Entdeckung gab ihm sogar einst den Muth , einen günstigen Augenblick zu benutzen , um mir über das Schaale und Zwecklose unsers Treibens recht ernstliche und eindringende Vorstellungen zu machen . Wie können Sie , theures Fräulein , sprach er zu mir , wie können Sie , die Sie so reich begabt sind , an der geistigen Armuth dieser Leute Freude finden ? Wie ist es möglich , daß der Wirbel dieser Geselligkeit Sie so hinreißt ? Ich selbst , glauben Sie es nur , ich selbst könnte in diesem nichtigen Treiben , dem Sie viel zu nachsichtig sich hingeben , Sie verkennen , wenn jene ersten schönen Tage , die ich in Ihrer Nähe verlebte , mir nicht noch in zu heller Glorie vorschwebten . Nie werde ich jener Zeit vergessen , lassen Sie sie wiederkehren , Sie können es , sobald Sie es wollen , sein Sie nur wieder Sie selbst ! Das bin ich allemal , erwiederte ich ihm lachend , ein fröhliches Geschöpf , das wohl zuweilen recht ernsthaft sein mag , das sich aber auch herzlich gerne amüsirt , und zum Amüsiren schicken die Thoren sich am besten . Sich amüsirt , wiederholte Leuen , ein ganz klein wenig erbittert , was heißt denn amüsiren ? Das Leben zu vergessen suchen , von den Tagen einen dem andern , in nichts sagendem und nichts wollendem Spiel so rasch als möglich nachjagen , damit nur von Keinem eine Spur übrig bleibe , damit man nur gar nicht zur Besinnung komme . O Fräulein , Sie , die Sie so glücklich sein könnten , indem Sie andere beglücken , rief er mit hohem Erröthen ; hingerissen von seinem Gefühl , und ergriff dabei meine Hand . Theure , theure Anna , mögen Sie des Lebens immer , immer sich freuen , das Köstlichste , das es bieten kann , möge es zu Ihrem Ergötzen stets bereit sein ; möchten alle Ihre Tage eine ununterbrochene Kette Ihrer würdigen Freuden werden und - hier stockte er ein wenig , dann sezte er in gelassenem Tone hinzu : doch amüsiren ? Liebes Fräulein , überlassen Sie diesen nüchternen Rausch allen denen , die nicht minder tief unter Ihnen stehen , als jene Menschen , denen Sie es erlauben , Sie , ihrer Unbedeutenheit unerachtet , zu umflattern .