, daß ich den Weg des Rechten verfehlt hatte , ich sah das Ziel vor mir , aber die Mittel , mich auf der rechten Bahn dahin zu erhalten , waren mir noch unklar . Kleinliche Gebetsübungen , Bußen , Entsagungen , quälten mich eine Zeit lang , konnten aber im Beisammenleben mit meiner ehrwürdigen Freundin , deren Frömmigkeit diesen Zwangsmitteln so fremd war , nicht lange bestehen . Miß Mortimer blieb ihrem ersten Versprechen , meinem Aufenthalt bei ihr gar keinen Zwang aufzulegen , getreu ; sie forderte mich nie auf , mein Zimmer zu verlassen , aber das Zusammenseyn mit ihr ward mir lieber in dem Maas , wie meine Begriffe über Leben und Bestimmung sich läuterten . Ich fing an ihren Krankenbesuchen und ihren Andachtsübungen beizuwohnen , ich arbeitete mit ihr an Kleidungsstücken für die Armen - aber wie verschieden war noch der Sinn , in dem sie dieses alles that , von dem meinen ! Sie erfüllte mit kindlichem Herzen ihren Beruf , so weit es ihre Kräfte erlaubten , das Beste des großen Haushalts ihres himmlischen Vaters zu befördern , ich strebte bänglich den gerechten Unwillen dieses Vaters zu versöhnen ; sie sprach Dankgebete aus , ich verehrte den beleidigten Herrn . Die nähere Bekanntschaft , die ich bei den Krankenbesuchen mit den Armen machte , trug nicht dazu bei , meinen Empfindungen Milde zu geben . Ich hatte bisher ihren Zustand nur aus Schauspielen und Romanen gekannt , Almosen gab ich nur von meinem Ueberfluß dem Bettelnden , der mein Auge beleidigt , mein Ohr ermüdet hatte , und mit dessen traurigem Anblick ich keinen Begriff , als den des schnell vergeßnen Ekels , verband . Nun fand ich unter dieser Menschenclasse Laster , Schuld , halsstarriges Unrecht , Undankbarkeit , wie unter dem übrigen Menschengeschlecht . Mein Mitleid verlor den Sinn der Liebe , es bedurfte einer Zeit , um mich zu belehren , daß Almosen nicht gegeben werden , um Tugend zu lohnen , sondern oft um das Laster , welches Folge des äußersten Bedürfnisses ist , zu entfernen ; daß wir aber nie vernachlässigen sollen , mit gleichem Eifer einen guten Gedanken in dem Armen zu erwecken , als einem seiner physischen Bedürfnisse zu steuern . Wie sich mir nach und nach die Ueberzeugung aufdrängte , daß so mancher der Unglücklichen , die meine Freundin , indem sie sich manche Bequemlichkeit versagte , dem Untergang entriß , durch den Leichtsinn , die Unbilligkeit Reicher , wie ich noch vor kurzem war , in physisches und moralisches Elend gestürzt wurden , fing ich an mit Schmerz auf die Zeit zu blicken , wo ich Mittel hatte , so vielen zu helfen , und theilnahmelos vor den Hülfsbedürftigen vorüberging . Eines Tages führte mich Miß Mortimer in ihr Gärtchen hinaus , die warme Herbstsonne zu genießen ; da bemerkte sie ein magres , barfüßiges kleines Mädchen , das seine braune Hand durch den Gartenzaun steckte und in echt bergschottischer Sprache ein Almosen erbat . Meine Freundin fragte nach den Umständen des Kindes , dessen Antworten aber durch seine fremde Mundart und große Schüchternheit ganz unverständlich wurden . Miß Mortimer nahm mein Anerbieten , lieber selbst die Wohnung des kleinen Mädchens zu besuchen , um sie in Stand zu setzen , von der Anwendung ihrer Gabe zu urtheilen , dankbar an , und so folgte ich diesem bis zu einem elenden Häuschen , das in einer der entlegensten Straßen von Greenwich lag . Wie mein Auge in der mich empfangenden Finsterniß die Gegenstände zu unterscheiden begann , erblickte ich auf einem elenden Lager eine abgemagerte Gestalt , deren Todtenblässe bei dem Anfall eines furchtbaren Hustens einer dunkeln Röthe wich , wobei sein glänzendes Auge und unruhiger Blick ein verzehrendes Fieber verkündigte . Ganz in den mephitischen Dunstkreis des niedern Zimmers gehüllt , saß eine Frau an dem niedern Heerd und bemühte sich das rauhe , matte Geschrei eines kleinen Kindes zu beschwichtigen . Bei meinem Anblick sprang sie auf , mir ihren Schemel - den einzigen Sitz in dieser Wohnung , anzubieten , und der Kranke versuchte mit schottischer Höflichkeit , sich im Bette zu erheben , um mich zu begrüßen . Unfähig zu dieser Anstrengung , forderte er die Hülfe seiner Frau , die nach dem kleinen Mädchen , meiner Führerin , rief , ihr den Säugling abzunehmen , damit sie freie Hände bekäme , ihren Gatten zu unterstützen . Der Gedanke , dem schwachen Mädchen das Kind anvertraut zu sehen , erschreckte mich ; unbedacht bot ich die Arme dar , es selbst zu übernehmen , und freudig überrascht reichte die Mutter mir es hin , als ich voll Entsetzen seinen Zustand erblickte . - Es war von Kinderblattern wie mit einer Eiterkruste überdeckt , seine Augen , seine Nase waren verschwunden , sein Mund nur an den rauhen Klagetönen kenntlich , in denen er stöhnte - ein pestartiger Geruch umgab das elende Wesen - die arme Mutter hatte ihm , den Vorurtheilen ihres Landes gemäß , um , wie sie sagte , das Gift vom Herzen zu treiben , so viele Wärme wie möglich verschafft , sie sich selbst die nothwendigste Nahrung entzogen , um durch geistige Mittel den Ausbruch der Blattern zu befördern . Der Abscheu , den ich gegen das Kind bezeigte , kränkte sie bitter , sie mahnte mich an die flüchtige Dauer der Schönheit , denn auch ihr Knabe sey vor wenigen Tagen noch lieblich gewesen , und zeigte einen so anständigen , vom Elend ungedemüthigten Geist , daß ich beschämt dastand , Kummer in der Hütte verbreitet zu haben , wohin Trost zu bringen , meine Absicht gewesen . Es gelang mir , sie zu begütigen . Nach mancher Verständigung erfuhr ich endlich , daß der wackre Mann ein Schotte sey , der in seinem Vaterlande ganz erträglich als Gärtner gelebt hatte ; die Hoffnung , in England sein Glück zu machen , wo schottische Gärtner gesucht werden , lockte ihn an . Da es ihm