fort , da wir selbst ungeduldig sind , das obwaltende Rätsel endlich aufgeklärt zu sehen . Enthalten können wir uns aber doch nicht , ferner einiges zu erwähnen , was noch vor dem abendlichen Scheiden dieser edlen Gesellschaft zur Sprache kam . Wilhelm , nachdem er jener Vorlesung aufmerksam zugehört , äußerte ganz unbewunden : » Hier vernehme ich von großen Naturgaben , Fähigkeiten und Fertigkeiten , und doch zuletzt , bei ihrer Anwendung , manches Bedenken . Sollte ich mich darüber ins Kurze fassen , so würde ich ausrufen : Große Gedanken und ein reines Herz , das ist ' s , was wir uns von Gott erbitten sollten ! « Diesen verständigen Worten Beifall gebend , löste die Versammlung sich auf ; der Astronom aber versprach , Wilhelmen in dieser herrlichen , klaren Nacht an den Wundern des gestirnten Himmels vollkommen teilnehmen zu lassen . Nach einigen Stunden ließ der Astronom seinen Gast die Treppen zur Sternwarte sich hinaufwinden und zuletzt allein auf die völlig freie Fläche eines runden , hohen Turmes heraustreten . Die heiterste Nacht , von allen Sternen leuchtend und funkelnd , umgab den Schauenden , welcher zum erstenmale das hohe Himmelsgewölbe in seiner ganzen Herrlichkeit zu erblicken glaubte . Denn im gemeinen Leben , abgerechnet die ungünstige Witterung , die uns so oft den Glanzraum des Äthers verbirgt , hindern uns zu Hause bald Dächer und Giebel , auswärts bald Wälder und Felsen , am meisten aber überall die inneren Beunruhigungen des Gemüts , die , uns alle Umwelt mehr als Nebel und Mißwetter zu verdüstern , sich hin und her bewegen . Ergriffen und erstaunt hielt er sich beide Augen zu . Das Ungeheure hört auf , erhaben zu sein , es überreicht unsre Fassungskraft , es droht , uns zu vernichten . » Was bin ich denn gegen das All ? « sprach er zu seinem Geiste ; » wie kann ich ihm gegenüber , wie kann ich in seiner Mitte stehen ? « Nach einem kurzen Überdenken jedoch fuhr er fort : » Das Resultat unsres heutigen Abends löst ja auch das Rätsel des gegenwärtigen Augenblicks . Wie kann sich der Mensch gegen das Unendliche stellen , als wenn er alle geistigen Kräfte , die nach vielen Seiten hingezogen werden , in seinem Innersten , Tiefsten versammelt , wenn er sich fragt : Darfst du dich in der Mitte dieser ewig lebendigen Ordnung auch nur denken , sobald sich nicht gleichfalls in dir ein beharrlich Bewegtes , um einen reinen Mittelpunkt kreisend , hervortut ? Und selbst wenn es dir schwer würde , diesen Mittelpunkt in deinem Busen aufzufinden , so würdest du ihn daran erkennen , daß eine wohlwollende , wohltätige Wirkung von ihm ausgeht und von ihm Zeugnis gibt . Wer soll , wer kann aber auf sein vergangenes Leben zurückblicken , ohne gewissermaßen irre zu werden , da er meistens finden wird , daß sein Wollen richtig , sein Tun falsch , sein Begehren tadelhaft und sein Erlangen dennoch erwünscht gewesen ? Wie oft hast du diese Gestirne leuchten gesehen , und haben sie dich nicht jederzeit anders gefunden ? sie aber sind immer dieselbigen und sagen immer dasselbige : Wir bezeichnen , wiederholen sie : durch unsern gesetzmäßigen Gang Tag und Stunde ; frage dich auch , wie verhältst du dich zu Tag und Stunde ? - Und so kann ich denn diesmal antworten : Des gegenwärtigen Verhältnisses hab ' ich mich nicht zu schämen , meine Absicht ist , einen edlen Familienkreis in allen seinen Gliedern erwünscht verbunden herzustellen ; der Weg ist bezeichnet . Ich soll erforschen , was edle Seelen auseinanderhält , soll Hindernisse wegräumen , von welcher Art sie auch seien . Dies darfst du vor diesen himmlischen Heerscharen bekennen ; achteten sie deiner , sie würden zwar über deine Beschränktheit lächeln , aber sie ehrten gewiß deinen Vorsatz und begünstigten dessen Erfüllung . « Bei diesen Worten oder Gedanken wendete er sich , umherzusehen , da fiel ihm Jupiter in die Augen , das Glücksgestirn , so herrlich leuchtend als je ; er nahm das Omen als günstig auf und verharrte freudig in diesem Anschauen eine Zeitlang . Hierauf sogleich berief ihn der Astronom herabzukommen und ließ ihn eben dieses Gestirn durch ein vollkommenes Fernrohr in bedeutender Größe , begleitet von seinen Monden , als ein himmlisches Wunder anschauen . Als unser Freund lange darin versunken geblieben , wendete er sich um und sprach zu dem Sternfreunde : » Ich weiß nicht , ob ich Ihnen danken soll , daß Sie mir dieses Gestirn so über alles Maß näher gerückt . Als ich es vorhin sah , stand es im Verhältnis zu dem übrigen Unzähligen des Himmels und zu mir selbst ; jetzt aber tritt es in meiner Einbildungskraft unverhältnismäßig hervor , und ich weiß nicht , ob ich die übrigen Scharen gleicherweise heranzuführen wünschen sollte . Sie werden mich einengen , mich beängstigen . « So erging sich unser Freund nach seiner Gewohnheit weiter , und es kam bei dieser Gelegenheit manches Unerwartete zur Sprache . Auf einiges Erwidern des Kunstverständigen versetzte Wilhelm : » Ich begreife recht gut , daß es euch Himmelskundigen die größte Freude gewähren muß , das ungeheure Weltall nach und nach so heranzuziehen , wie ich hier den Planeten sah und sehe . Aber erlauben Sie mir , es auszusprechen : ich habe im Leben überhaupt und im Durchschnitt gefunden , daß diese Mittel , wodurch wir unsern Sinnen zu Hülfe kommen , keine sittlich günstige Wirkung auf den Menschen ausüben . Wer durch Brillen sieht , hält sich für klüger , als er ist , denn sein äußerer Sinn wird dadurch mit seiner innern Urteilsfähigkeit außer Gleichgewicht gesetzt ; es gehört eine höhere Kultur dazu , deren nur vorzügliche Menschen fähig sind , ihr Inneres , Wahres mit diesem von außen herangerückten Falschen einigermaßen auszugleichen . Sooft ich durch eine Brille sehe , bin ich ein anderer Mensch und gefalle mir selbst nicht ; ich