Mutter . Herzliebste Mutter ! Ich danke ihr tausendmal für ihre schleunige Antwort . Der Herr Pfarrer hat mir ins Herz gesehen . Ach , es ist so , wie er sagt ! Schon oft bin ich erröthet , nicht weil ich etwas Böses gethan hatte , oder thun wollte ; sondern weil ich mir lebhaft vorstellte , daß ich es gethan haben könnte . O wie schön , wie unaussprechlich schön sind die Worte : nur fleckenlos genießt sich ganz das Herz ! Mit Freudenthränen und mit gefalteten Händen hab ' ich sie mir unzähligemale wiederholt . Mir war , als sey diese himmlische Wahrheit erst jetzt gefunden , die Menschen auf ewig durch sie geadelt , und ihres göttlichen Ursprunges vergewissert . Sie klingen mir , wie Triumphgesang . So ruf ' ich sie Morgens der Sonne entgegen , so wiederhol ' ich sie , wenn die Sterne mir leuchten . Mein ganzes Daseyn enträthseln sie mir , und ich brauche nichts mehr , als sie , um Alles zu begreifen , was mir dunkel war . Es sind Zauberworte . Versuch ' sie es nur , herzliebste Mutter ! Sprech ' sie sie laut aus , und , was sie auch ängstigt , plötzlich wird ein himmlischer Friede über sie kommen , im tiefen Blau des Himmels wird sie Engel lächeln sehen , und ein nie gehörter Wohllaut wird in ihr Ohr dringen . Herzliebste Mutter ; an diesen himmlischen Worten müssen einst die Geister sich selbst und den Grad ihrer Seligkeit erkennen . Ruft einer dem andern zu : nur fleckenlos genießt sich ganz das Herz ! und er ist auf derselben Stufe der Bildung , der Seligkeit , so wird jener ihm dasselbe antworten . Sie fliegen dann auf einander zu , und dringen , mit vereinten Kräften und gestärkten Augen , in Räume des Lichts , welche sie vorher nicht erblickten . O , geliebte Mutter ! ich verliere mich in dieser seligen Vorstellung , und was ich empfinde , ist nicht mehr zu beschreiben . Stephani an seine Verwandten . Sie war nicht mehr zu erwecken . Auf ihrem Grabe blühen jetzt Rosen . Sie liebte mich ! Unglückseliger ! und ich konnte es in ihrem Auge nicht mehr lesen ! - Der Anblick der Himmlischen tödtete sie , und da ich scheinbar ihres Werthes nicht achtete , verachtete sie ihn , und wollte nicht mehr seyn , da sie das Höchste nicht war . Aber , ach ! hat sie nun aufgehört zu empfinden ? - Kann sie das Ewige , wie das Irdische verwerfen ? - und ist es gewiß , daß ein Quell der Vergessenheit dort rinnt ? - Rosamunde ! Rosamunde ! warum eiltest du hinweg und verschmähtest , was dir ewig gehörte ? - Wenn es Verwandschaft der Geister giebt , warum glaubtest du nicht an Verwandschaft der Körper ? - Gretchen an ihre Mutter . Herzliebste Mutter ! Der Fürst war gestern bei uns und fragte mich bitter : ob ich schon herumwandere , den Unglücklichen zu helfen . - Ich erschrak vor seinem Ton , und wußte nicht , was ich antworten sollte . Aber die Frau Präsidentin antwortete für mich , schilderte ihm Herrn Stephani ' s Zustand , und setzte hinzu : daß dieser wohl unglücklicher , als Viele jetzt wäre , und Niemanden , als Fränzchen und mich um sich dulde . Ein sonderbarer Unglücklicher ! - fuhr er mit noch grösserer Bitterkeit fort - da ihm das Beste immer zu Gebote steht , und was nicht für ihn sterben kann , für ihn lebt . Wir sahen , daß ihn jedes Wort mehr aufbringen würde , und schwiegen . Er trat ans Fenster und erblickte ein Paar Hyazinthen , welche die schönsten sind , die ich in meinem Leben gezogen habe , und eben deswegen für ihn bestimmt waren . Wem gehören die Blumen ? - fragte er . - Ihnen gnädigster Herr ! - sagt ' ich nun schnell - Schon gestern wollt ' ich sie bringen ..... Und brachtest sie nicht - fiel er ein - Natürlich ! wie hättest du gekonnt ! - Die Thränen traten mir vor Schmerz und Verlegenheit in die Augen . Ich glaubte aber doch nicht , daß man es meiner Stimme anhören würde , und fragte ihn : darf ich sie ' heute nicht bringen ? - Aber die Worte klangen doch schon wie Weinen , und er sah nun auch die Thränen auf meinem Gesichte . - Bringe sie , wann du willst ! - antwortete er finster - Blumen mit Thränen werden mich nicht glücklicher machen . - Hierauf wandte er sich schnell von mir , und verließ uns . Nun konnt ' ich aber das Weinen nicht mehr zurückhalten , fiel der Frau Präsidentin um den Hals und rief : Ach , was muß ich nun thun ? - Ziehe dich schnell an - sagte sie - und bring ' ihm die Blumen . Aber weine nicht mehr ! sonst wird man es sehen . Ja ! man sah es schon . Und wievielmale ich mich auch wusch , sah man es doch . Endlich kleidete ich mich recht schön an , dachte , es wird schon von der Luft vergehen , und steckte auch meine Haare mit der goldenen Nadel , die ich vom Fürsten bekommen hatte , zusammen . Als ich aber die Blumen Herrn Stephani ' s Zimmer vorbei trug , jammerte es mich , daß er sie nicht einmal gesehen ; da er doch - dacht ' ich - besser als wir Alle weiß , wie schön sie sind . Ich stand wohl still , ging aber nicht hinein ; denn ich hätt ' es dem Fürsten sagen müssen . Auch fiel mir nun bei , daß Herr Stephani einmal sagte : die Hyacinthen seyen zu gradlinicht , und darum nicht malerisch schön . Jetzt eilt ' ich , was ich konnte . Aber beim Eingange überfiel