Überall war der Adel seiner Natur auf eine ganz eigenthümliche Weise mit demjenigen verschwistert , den er seiner Geburt verdankte , und was er am wenigsten ins Reine bringen konnte , war : wie viel von seinem Wesen er sich selbst und wie viel er dem gesellschaftlichen Zustand verdankte ? Nichts wollte er dem letzteren zu verdanken haben , und vielleicht hätte er nie eine Tragödie geschrieben , wenn ihm zeitig genug klar geworden wäre , auf welchen Bedingungen seine ganze geistige Natur beruhete , oder , mit anderen Worten , wenn er sich als Aristokraten hätte zur Anschauung bringen können . Sobald ich den Grafen genauer kennen gelernt hatte , verzieh ich ihm Alles , weil ich in ihm nur den verfehlten Monarchen sah . Ich konnte ihm nicht werden , was die Gräfin d ' Albania ihm gewesen war und noch war ; dazu fehlte es mir an Einbildungskraft . Allein , indem ich mich zwischen beiden in die Mitte stellte , nahm ich der eisernen Nothwendigkeit , in welcher er dastand , das Lästige , das bis dahin von ihr unzertrennlich gewesen war . Er selbst fühlte sich durch mich nicht wenig erleichtert ; und ob er gleich nicht angeben konnte , worin diese Erleichterung bestand , so lag es doch nur allzusehr am Tage , daß er in seinem Wirken durch mich an Freiheit gewonnen hatte . Wir kamen täglich zusammen , bald bei der Gräfin d ' Albania , bald bei der Herzogin . Des Grafen Sache war , uns seine Compositionen mitzutheilen . Was er seine Poesie nannte , war freilich sehr wenig für uns vorhanden ; allein wir fanden dabei dennoch unsere Rechnung auf eine doppelte Weise . Einmal konnten wir nicht umhin , über das reiche Gemüth eines Mannes zu erstaunen , der , unbekümmert um die gewöhnlichen Hülfsmittel der tragischen Kunst , seinen Personen eine solche innere Stärke gab , daß die Handlung sich mit gleichem Interesse zum Ziele fortbewegte , ohne daß mehr als vier bis fünf Werkzeuge dazu beitrugen ; und in der That werden seine Tragödien von dieser Seite immer bewundernswürdig bleiben . Zweitens wurden während der Vorlesung alle die schauerlichen Gefühle in uns geweckt , welche den religiösen so nahe verwandt und doch so wesentlich von ihnen verschieden sind ; wir glaubten uns von lauter Gespenstern umgeben , und ich erinnere mich auf das bestimmteste , daß , als der Graf an einem stürmischen Herbstabend seinen Orestes vorlas , die Herzogin sich fest an ihre Freundin anklammerte und starren Blicks auf den Grafen hinschaute , als wollte sie begreifen , wie eine Elektra oder Clytemnestra sich in seinem Gehirn hätte entwickeln können . Dergleichen Vorlesungen endigten sich in der Regel mit einem Streit über die tragische Kunst . Der Graf sprach gern über diesen Gegenstand , weil er nur etwas Vortreffliches liefern wollte ; allein da sich , wie ich schon oben bemerkt habe , der Künstler in ihm dem Grafen so wesentlich unterordnete , so war über diesen Punkt kein Einverständniß mit ihm möglich ; der eigenthümliche Zweck seiner Tragödien verhinderte die Vortrefflichkeit derselben , ohne daß es möglich war , ihn davon zu überzeugen . Ich hatte schon damals eine Ahnung davon , daß die wahre Tragödie das Gemüth des Zuschauers oder Lesers nicht martern , sondern erheben müsse , und ohne Rückhalt äußerte ich diese Ahnung ; allein der Graf war hierüber durchaus entgegengesetzter Meinung , und ob er gleich die Weinerlichkeit von ganzem Herzen verabscheute , so bestand er doch auf Erzeugung eines großen Unwillens , indem er sich einbildete , daß das Gemüth nur durch Gefühle , nicht durch Ideen , erhoben werden könnte . Dies war ein Punkt , auf welchem er standhaft beharrete ; und auf welchem er freilich beharren mußte , wenn er nicht seinem ganzen Wesen entsagen wollte . Überhaupt war es mehr die Individualität des Grafen , als seine Kunst , was an ihm beschäftigen konnte . Am reinsten sprach sich diese Individualität in seinen Sonnetten aus , welche vielleicht die schönsten sind , die Italien aufweisen kann . Hätte der Graf den Unterschied der lyrischen und dramatischen Poesie in Beziehung auf seine Natur gekannt , so hätte er es schwerlich jemals darauf angelegt , durch die letztere unsterblich zu werden . Zwei Jahre waren auf diese Weise verstrichen , als die Herzogin sich nach Rom zu sehnen begann . Die Gräfin d ' Albania versprach uns dahin zu begleiten ; der Graf Vittorio Alfieri hingegen , welcher seine Mirrha angefangen hatte , wollte sich nach Siena begeben , um seinen republikanischen Ideen in diesem kleinen Freistaat ungehinderter nachhängen zu können . Es wurde die Verabredung genommen , daß der Graf uns , während des nächsten Winters , in Rom auf einen Monat besuchen sollte , und daß wir gegen den nächstfolgenden Winter wieder in Florenz zusammentreffen wollten . Ein florentinischer Maler hatte die Gefälligkeit , uns begleiten zu wollen . Die Reise ging vor sich , wir kamen wohlbehalten in Rom an , und wurden , von der liebenswürdigen Gräfin eingeführt , allenthalben unserem Stande gemäß empfangen . Obgleich der ausschließende Zweck unseres Aufenthalts in Rom die Kunst und nahmentlich die Malerei war ; so konnten wir doch nicht umhin , auch auf die Menschen einzugehen , von welchen wir uns umgeben sahen . Man nennt die Römer schlau und fein ; allein man vergißt , daß sie mit diesen Eigenschaften eine Unschuld verbinden , welche erst dann aufhört , wenn eine gewisse Rohheit Forderungen an sie macht , die sie nicht befriedigen können , ohne ihrem Wesen zu entsagen . Einem vielseitig ausgebildeten Menschen muß , allen meinen Erfahrungen zufolge , in Rom sehr wohl zu Muthe seyn , weil er allenthalben auf seines Gleichen stößt . Dem vornehmeren Theil der Römer besonders ist ein Entwickelungsgrad eigen , wie man ihn , außerhalb des Kirchenstaates , schwerlich auf irgend einem Erdfleck antrifft . Je unbestimmter und schwankender die gesellschaftlichen Verhältnisse in Italien , besonders aber