Albertine , bist schön nach allen Erfordernissen der Kunst , und zugleich auch hübsch , durch den Geist , der so annehmlich aus jedem deiner von ihm belebten Züge spricht . « - Albertine seufzte , ohne zu antworten , lächelte ihm du bout des Levres zu , und sprang bei jedem schwer daher rollenden Wagen ans Fester . Louis bemerkte diese innere Unruhe der Geliebten nicht ohne Bekümmerniß . Was oft in Fällen der Art begegnet , geschah auch hier . Albertine hatte nach ängstlichem Lauschen und Harren und immer gespannter Aufmerksamkeit nach außen hin , den rechten Augenblick doch versäumt . Die Thüre ihres Zimmers ging rasch und weit auf ; und plötzlich herein traten der Bruder und seine schöne Begleiterin ; und dahin war Albertinens Fassung ! Die Wahrheit zu sagen , war in diesem seltsam entscheidenden Momente selbst Lindenhains festes männliches Herz nicht ganz in seinem Gleichgewichte . Wäre Albertine nicht so ganz mit sich selbst beschäftigt gewesen , würde ihr das Schwankende und Ungewisse in ihres Gatten Benehmen nicht entgangen seyn ; die ganze Scene bekam dadurch einen Anstrich von Steifheit und Zwang , welcher der Unbefangensten unter allen , Adelaiden , schmerzlich auffiel ; ihre schönen Augen füllten sich mit Thränen ; sie reichte ihrem Freunde die Hand und sagte mit unwiderstehlichem Ausdruck : » O mein Gott ! ich bin hier nicht willkommen ! Albertine nimmt mich nicht auf ! « Albertinens vortreffliches Herz fühlte sich schnell in die Lage des verlassenen Mädchens hinein , deren Thränen bis in ihr weiches Gemüth lebendig eindrangen . Mit unverkennbarer Gutmüthigkeit drückte sie Adelaiden an ihre Brust und hieß sie von Herzen willkommen . » Die freudige Überraschung macht Ihren Freund stumm ! « sagte sie , und zog Lindenhain zur Umarmung herbei . Er hatte sich indeß gefaßt , umarmte Adelaiden mit brüderlicher Herzlichkeit , und segnete sein Geschick , daß diese wirklich erste Umarmung des schönen Mädchens in Gegenwart und auf Geheiß seiner Gattin geschah . Adelaide war keine der gemeinen Französischen Schönheiten , die dem sinnlichen Mann durch dreisten Blick und ein impertinentes Näschen gefallen . Sie hatte bei sehr sprechenden schönen Augen regelmäßige Züge , eine schöne Farbe , schöne Zähne , eine gefallende Mittelgestalt , die , wenn nicht engelschön , doch höchst elegant und graziös war . Albertine hatte das alles im ersten Augenblick weg , und kam sich bei der Vergleichung , die sie in der Geschwindigkeit anstellte , ganz bescheidentlich wie gar nichts , wie ein kleines Landputchen vor . Adelaide fühlte den untersuchenden Blick Albertinens mit einiger Verlegenheit , und ihn von sich abzuwenden , reichte sie ihr die Hand , und fragte : » Sie weisen mich also nicht von sich , schöne Frau ? Sie wollen meine Beschützerin seyn ? « Lindenhain hatte , weiß Gott , warum , gar keinen Muth , sich in das Gespräch mit einzulassen ; er saß zerstreut da , und als Albertine mit der Antwort zu zögern schien , trat eilig der Bruder dazwischen , und gab in seiner Schwester Seele die bindendsten Zusicherungen , welchen Albertine gleich , ohne Zwang und unbedingt zustimmte . Aber keiner fand die neue Hausgenossin so sehr nach seinem Geschmack , als Onkel Dämmrig . Er suchte in der Eile den ganzen Vorrath seines veralterten Französischen zusammen , sich in den galantesten Floskeln du bon vieux tems mit ihr zu unterhalten , wobei er die Nasentöne recht nationell zu accentuiren , nicht vergaß . Es war eine Freude zu sehen , wie jung er wurde , wie er die Ohren spitzte und sich zusammen nahm . Adelaide war die Höflichkeit und Gefälligkeit selbst ; sie lieh sich allem und allen . Nur in Lauretten schien ihr sonst so biegsamer Sinn nicht eingehen zu können . Laurette gab ihr zweideutige Seitenblicke und an Seitenhieben ließ sie es auch nicht fehlen . Durch sie wurde die Konversation genirt , weil sie durchaus ihr fehlerhaftes Französisch unter dem Vorwand nicht wollte hören lassen , daß sie , eine Deutsche , es lächerlich finde , mitten in Deutschland Französisch zu sprechen ; es sei höflicher , wenn die fremd angekommenen sich bequemten . Adelaide that ' s mit leichter Art , und lachte dann selbst über ihr gebrochnes Deutsch . Laurette beschwerte sich über die Unzulänglichkeit des weiblichen Umgangs für gebildete Geister . » Die Weiber im Allgemeinen « - sprach sie - » haben eine so erbärmliche kleine Ansicht der Welt , werden so breit über Dinge , die der Gebildetere liegen oder ganz fallen läßt , sind entweder zu gespannt , oder vegetiren in der traurigsten Schlaffheit ; wie soll man mit ihnen auskommen ? « Adelaide nahm die Parthie ihres Geschlechts , und behauptete , es sei demselben nicht zu verargen , wenn seine Ansicht der Welt und ihrer Verhältnisse nicht die Kraft und Eindringlichkeit des männlichen Blicks habe . » Bedenken Sie doch , Mademoiselle , in welchem Licht uns die Welt erscheinen muß , da unser Geist nur zu den infiniment petits gebildet wird , und wie jedes rechtliche Weib , das seinem Gatten oder seiner Familie nützlich werden will , sich zu den unedelsten Details des Hauswesens verstehen muß . Wer so sehen muß , der wird doch gewiß zuletzt ein moralischer Myops . « Laurette hatte , wie alle dickhäutige und erdfahle Weiber thun , jedes feinere Kolorit im Verdachte des Schminkens ; sie ließ es sich auf unfeine Art merken , daß sie die Fremde für geschminkt hielt . Adelaide antwortete ganz unbeleidigt : » Und warum nicht , Mademoiselle ? Hätte die Natur mir von der Seite einen Mangel gelassen , würde ich ihm ohne Bedenken nachhelfen , weil ich es für Weibespflicht halte , meine Erscheinung so hübsch als möglich seyn zu lassen , und weil ich das Rothauflegen , in so fern es der Gesundheit unschädlich gemacht wird , für nicht sträflicher halte , als jedes andere Mittel , wodurch wir den Sinnen schmeicheln wollen .