die Athener bewegen könnte , euch zu schützen , und um dazu immer bereit zu seyn , großen Aufwand zu machen , wenn ihr ihnen nichts dagegen thun solltet ? Kritobul . Auch fehlt sehr viel daß wir ihnen etwas schuldig blieben . Wir gehorchen ihren Gesetzen , wir steuern nach unserm Vermögen zu ihren gemeinsamen Ausgaben bei , ziehen in den Krieg oder rüsten eine Galeere aus , wenn sie uns dazu auffordern , und was dergleichen mehr ist . Sokrates . Denkst du aber nicht , die Athener haben damals , da sie es auf sich nahmen , euch bei dem Vermögen , das ihr unter dem Schutz ihrer Gesetze erwarbet , so viel in ihren Mächten ist , zu erhalten , darauf gerechnet , daß auch ihr euch den Pflichten nie entziehen würdet , die euch schon die natürliche Dankbarkeit gegen den Staat , als euern ersten und größten Wohlthäter , auferlegt ? Kritobul . Ich denke in der That , das haben sie . Sokrates . Und wenn nun , z.B. dem Kritobul die Lust ankäme , seinem Vaterlande die Pflicht aufzukünden , könnt ' er das , ohne sich als einen undankbaren und gegen sein Vaterland ungerechten Menschen darzustellen ? Kritobul . Ich sehe , daß ich Unrecht hatte , Sokrates . Sokrates . Ueberlege die Sache noch weiter mit dir selbst , und sage mir deine Meinung , wenn wir uns wiedersehen . So viel , Aristipp , den Punkt der Weltbürgerschaft betreffend . Ueber den andern Hauptpunkt deiner Rechtfertigung habe ich dir noch weniger zu sagen ; denn natürlicher Weise hängt es gänzlich von dir ab , ob du lieber in der Gesellschaft einer schönen und dich angenehm unterhaltenden Hetäre , oder im Umgang mit Sokrates und seinen Freunden leben willst . 19. Aristipp an Ebendenselben . Ich liebe den Lakonism89 im Reden und Schreiben , guter Antisthenes - das will sagen , ich liebe ihn zuweilen , wo Zeit , Ort , Personen und andere Umstände seinen Gebrauch erfordern oder schicklich machen . Ich will mich also , da ich jetzt wirklich so wenig Zeit zu verlieren habe als irgend ein Spartanischer Ephor90 , in der Antwort , die ich euch schuldig zu seyn glaube , so kurz als möglich fassen . Ich gestehe , daß ich mich nicht so leicht überwunden gegeben hätte als Kritobul . Da mir aber die Abwesenheit nicht gestattete , ihm zu Hülfe zu kommen , oder an seinen Platz zu treten , so habe ich über den mitgetheilten Dialog eine Art von Selbstgespräch angestellt , wovon Folgendes das Resultat ist . Die Natur , meine und aller Dinge Mutter , weiß nichts von Cyrene und Athen . Sie machte mich zum Menschen , nicht zum Bürger : aber , um ein Mensch zu seyn , mußt ' ich von jemand gezeugt und irgendwo geboren werden . Das Schicksal wollte , daß es zu Cyrene und von einem Cyrenischen Bürger geschehen sollte . Aber man wird nicht Mensch um Bürger zu seyn , sondern man wird Bürger damit man Mensch seyn könne , d.i. damit man alles das sichrer und besser seyn und werden könne , was der Mensch , seinen Naturanlagen nach , seyn und werden soll . Der Mensch ist also nicht , wie man gemeiniglich zu glauben scheint , dem Bürger , sondern der Bürger dem Menschen untergeordnet . Hingegen steht die Pflicht des Bürgers gegen den Staat , und des Staats gegen den Bürger in genauem Gleichgewicht . Sobald meine Voreltern Bürger von Cyrene wurden , übernahm diese Stadt die Pflicht , sie und ihre Nachkommen bei ihren wesentlichsten Menschenrechten und bei ihrem Eigenthum zu schützen , und wir sind ihr für die Erfüllung dieser ihrer Pflicht keinen Dank schuldig : wir übernahmen dagegen die Leistung der Bürgerpflichten gegen sie , und sie ist uns eben so wenig Dank dafür schuldig ; jeder Theil that was ihm oblag . Der Vertrag aber , den wir darüber mit einander eingingen , war nichts weniger als unbedingt . Cyrene versprach uns zu schützen insofern sie es könnte ; denn gegen den großen König oder eine andere überlegene Macht vermag sie nichts . Wir hingegen behielten uns das Recht vor , mit allem was unser ist auszuwandern , falls wir unter einem andern Schutze sichrer und glücklicher leben zu können vermeinen würden ; ein Vorbehalt , der überhaupt zu unsrer Sicherheit nöthig ist , weil zwar Cyrene uns zu Erfüllung unsrer Pflichten mit Gewalt anhalten kann , wir hingegen nicht vermögend sind , sie hinwieder zu dem , was sie uns schuldig ist , zu zwingen . Was mich selbst persönlich betrifft , so sehe ich meine Menschheit , oder , was mir ebendasselbe ist , meine Weltbürgerschaft , für mein Höchstes und Alles an . Die Cyrener können mir , wenn es ihnen beliebt ( was vielleicht bald genug begegnen wird ) alles nehmen was ich zu Cyrene habe ; so lange sie mir erlauben ein freier Mensch zu seyn , werde ich mich nicht über sie beklagen . Meine guten Dienste , glaube ich , mit gehöriger Einschränkung , jeder besondern Gesellschaft , deren Schutz ich genieße , so wie allen Menschen mit denen ich lebe , schuldig zu seyn . Träte jemals ein besonderer Fall ein , wo ich meinem Vaterlande nützlich seyn könnte , so würde ich mich schon als Weltbürger dazu verbunden halten , insofern nicht etwa eine höhere Pflicht , z.B. nicht Unrecht zu thun , dabei ins Gedränge käme . Denn wenn etwa den Cyrenern einmal die Lust ankäme Sicilien zu erobern91 , so würde ich mich eben so wenig schuldig glauben , ihnen meinen Kopf oder Arm oder auch nur eine Drachme aus meinem Beutel dazu herzugeben , als ihnen den Mond erobern zu helfen . Auch verlangt man zu Cyrene nichts dergleichen von mir . Fordert Athen von ihren Bürgern mehr , so ist das ihre Sache , und geht mich , denke ich , nichts an