und bei alledem - auch die fernwirkende , trügerisch lockende Gewalt Lucindens ! ... Sie hatte den Mönch , ihren ehemaligen Geliebten , in Knabentracht besucht ! Ihr Lächeln , ihre muthige Rede hatte ihn - » um ihn aus meinen Bahnen zu entfernen « , hatte sie ihm frank und frei gebeichtet - zur Flucht überredet ... Sie hatte seinen Muth , seinen Ehrgeiz entflammt zu einer neuen Entwickelung seines immer noch reichen , wenn auch verirrten Geistes ... Eine Gelegenheit zur Flucht bot sich vielleicht ... So , wie er jetzt die gräßliche Stimme hörte , die der eines Ertrinkenden glich , klang ihm in der Erinnerung sein eigener Seelenaufschrei , als an jenem Abend der Abreise ihn plötzlich Lucinde verlassen hatte und ein wilder Sturm durch seine Adern brauste ... Zu ihr ! Zu ihr ! klang es aus Sebastus ' Munde in sein Ohr ... Besinnungslos ergriff er seinen Hut und bat wiederholt : O lassen Sie mich zu ihm ! Herr Domherr ! lehnte der Provinzial fast vorwurfsvoll ab ... Wenn er sich beruhigt hat ! Morgen ! setzte er hinzu ... So bitt ' ich - grüßen Sie ihn von mir ! hauchte der liebevolle Priester , seufzend über die Nothwendigkeit , den Formen und Satzungen seiner Kirche sich ergeben zu müssen . Sagen Sie ihm , daß ich in dieser Gegend weile , daß ich den ersten ruhigen Augenblick , den Sie mir anzeigen werden , benutzen und zu ihm kommen will ! Versprechen Sie mir ' s ! Sehr gern , Herr Domherr ! sagte der Provinzial mit derselben Freundlichkeit , als handelte es sich um die Anzeige eines in völlig natürlicher Weise eintretenden harmlosen Ereignisses ... Und Bruder Hubertus ? drängte Bonaventura , jetzt schon im Gehen ... Vermochte der nicht sonst so viel über ihn ? Auch das ist ein Mitglied unsers Klosters , erwiderte der Provinzial , im Gehen verbindlich die linke Seite nehmend , mit dein wir viel Geduld haben müssen ! Er war in Angelegenheiten einer Erbschaft , die er machte , verreist ... Bonaventura trug als Beichtpriester eine solche Last von Thatsachen in seinem Gedächtniß , daß er nach einem Verhältniß fragte , das er doch schon öfters , von Benno sowol wie von Hammaker , fast vollständig erfahren hatte ... Er fand sich allmählich zurecht und unterbrach die Erläuterungen des Provinzials : Ganz recht ! Ich weiß ! Er wird das von einer Ermordeten geerbte Geld dem Kloster geben ... Doch nicht ! war des Provinzials verdrießliche Antwort . Dieser Hubertus hat wunderliche Seiten . Im Vertrauen gesagt , er hat einen etwas dunkeln Ursprung . Man sagt geradezu : Seine Angehörigen sind auf dem Richtplatz gestorben ! An einem Tage , wo eine Gaunerbande , zu der er als Knabe gehören mußte , aufgehoben , das Haus , in dem sie sich vertheidigte , genommen und angezündet wurde , soll unser Bruder - sagt man , und sei es auch unter uns , Herr Domherr ! - zwei Stock hoch aus dem Fenster gesprungen sein , in jedem Arm mit einem Kinde ... Glücklich kam er mit den beiden Kindern zur Erde nieder , entrann den Flammen , entrann der Verfolgung , machte einen abenteuerlichen Lebenslauf , wurde ein an sich ganz vortrefflicher Mensch , exemplarisch in seiner Aufführung , nur störende Seltsamkeiten hat er . Als Jäger des Kronsyndikus erlebte er einen bittern Verdruß und wurde deshalb Mönch . Mancherlei leistete er schon unter Pater Henricus , meinem Vorgänger . Jetzt hat er sich in den Kopf gesetzt , die zwanzigtausend Thaler , die er von jener Frau Buschbeck - sie nannte sich schon nach seinem Namen , während sie doch nur eine gewisse von Gülpen und seine Verlobte war - ererbte , wenn irgendmöglich , dazu anzuwenden , sie den beiden Kindern zukommen zu lassen , die er einst aus dem Feuer rettete , falls sie sich entdecken ließen . Sie waren ihm , nachdem er sie im stillen erzogen hatte , abgenommen worden . Jetzt correspondirt er nach Holland , Frankreich , Italien , um ihre Spur zu finden . Ich schrieb nach Rom , ob ich ihm auf ein Jahr die Erlaubniß ertheilen kann , scheinbar in irgendeinem andern Auftrage in die Welt hinauszuwandern . Bis die Antwort da ist , gestattete ich ihm vorläufig auf eigene Verantwortung die Reise nach Holland , von der er jetzt zurückgekommen . Unter diesen Mittheilungen waren beide , in der Ferne wieder von dem leise singenden Ivo verfolgt , an die kleine Thür gekommen , die den verborgeneren Eingang zur Kirche bildete . Hier stand Bonaventura ' s Wagen ... Mit einem Abschied , den der Provinzial nahm , als wenn ein Offizier von seinen untergebenen Mannschaften einem andern hohen Militär eine einfache conversationelle Mittheilung gemacht hätte , bestieg Bonaventura seinen Wagen ... Ein Bedienter in Trauerlivree war vom Präsidenten für den Stiefsohn des Hauses zurückgelassen worden ... So fuhr Bonaventura in schon heraufgezogener Dämmerung von dannen . O ihr Klöster , seid ihr denn Zufluchtsstätten des Friedens und der reinen Menschenliebe ? ! ... So tönte es in allseitig schmerzlichster Betrachtung durch Bonaventura ' s Inneres , als er in die schon dunkelnde Ferne hinausfuhr , hin- und hergeschleudert auf den Furchen der Feldwege , die zurückzulegen waren , um in kürzerer Frist auf Schloß Westerhof zurückzukommen , wohin der Kutscher ihn glaubte fahren zu müssen ... Erst nach einer Stunde , während durch sein Herz alle schrillen Accorde des Zweifels , alle klagenden der Wehmuth zogen , entdeckte er in der allmählich ganz hereingebrochenen Nacht die Absicht des Kutschers , klopfte ihm und befahl die Richtung zu nehmen nach Sanct-Libori ins Pfarrhaus ... Wie sollte er Frieden bringen in die stille Abendgemeinschaft des Schlosses ! Wie den schrecklichen Ruf nicht verrathen , der immer noch wie ein : Zu Hülfe ! an sein Ohr tönte - ! Ein anderer Ton schloß sich an , ein hochfeierlicher , wie am Tage des