er wollte ihn noch einmal lesen . Der Brief hatte ihn sehr gerührt , der Seelenzustand der Schreiberin hatte etwas Poetisches für ihn . Er klingelte , befahl dem Diener , ihm die Brille zu reichen , welche er in seinem Schlafzimmer zurückgelassen hatte , ließ sich aus der feinen Krystallflasche ein Glas Orgeade einschenken , und nachdem er getrunken und den goldenen Theelöffel mit weiblicher Genauigkeit quer über den Rand des Glases gelegt hatte , um dem Diener ohne Worte anzuzeigen , daß er das Glas nicht wieder füllen solle , zog er den Brief aus seiner Umhüllung hervor und begann ihn zum zweiten Male zu lesen . Er war aus Pyrmont datirt und von Hildegard geschrieben . » Ich bin unfähig gewesen zu irgend einem Thun , « hob der Brief an , » das mag Ihnen erklären , mein verehrter Freund , weshalb Sie erst heute von mir erfahren , daß ich in Pyrmont bin , daß ich mich vierundzwanzig Stunden in Berlin aufgehalten , ohne Sie , ohne irgend Jemanden davon zu benachrichtigen , und daß ich Richten verlassen habe . Ach , ich habe mehr verlassen , als den Ort ! « Der Brief brach an der Stelle plötzlich ab , und erst am folgenden Tage war die Fortsetzung desselben geschrieben worden . » Es ist eine lange Zeit vergangen , « hieß es in derselben , » ehe ich die Fassung gewann , mir selbst meine Zustände klar zu machen , und gestern , als ich mich stark genug glaubte , Sie , dessen tröstliche Theilnahme mir seit manchem Jahre das Hoffen erleichterte , in meine entmuthigte Seele , in mein gebrochenes Herz blicken zu lassen - gestern übermannte mich die Verzweiflung wieder mit ihrer ganzen Stärke . Jeder meiner Gedanken war wieder nur ein Aufschrei , ein Aufschrei der Klage gegen ihn , dessen Namen zu nennen mir jetzt ein Schmerz ist . Ich habe des Tages nicht vergessen , an welchem ich Ihnen , als wir in Richten zum ersten Male nach dem Kriege die Margarethenhöhe hinaufstiegen , die einfache Geschichte meines Lebens , die unbewußte Weise schilderte , in welcher mein Herz sich , von früher Kindheit an , dem schönen , verwaisten Knaben zugewendet hatte . Meine Liebe ist stets eine Kraft gewesen , die ich nur genoß , wenn ich sie im Dienste für Andere , in der Hingebung an Andere verwerthen konnte . Ich war sein , so lange ich mich meiner selbst erinnern kann , und seit sieben langen Jahren hat jeder meiner Athemzüge ihm gehört . Weshalb soll ich noch leben , da mein Dasein ihn nicht mehr beglückt ? - Schatten der Liebe , welche den Gegensatz zu ihrem Lichte bilden , haben Sie die bangen Zweifel geheißen , von denen meine Seele damals sich beunruhigt fühlte . Ach , ich wußte , daß mein ahnend Herz mich nicht betrog , daß es nicht vergebens sorgte und erbebte ! Der Unglückselige hat sein Blut vergossen für des Vaterlandes Ehre , und während ich in brünstigem Gebete jedes Haar seines Hauptes der Huld des Höchsten anempfahl , ist Renatus nicht nur von mir , ist er von der wahren Ehre abgefallen , ist er sich selbst verloren gegangen , ist er abwendig geworden der Liebe und der Treue , die er mir gelobt hat . Als er heimkehrte ! Wie soll ich sie Ihnen aussprechen , die Wonne und das Glück , die ich empfand , die Seligkeit , mit der ich ihn in meine Arme schloß ! Aber in jenem ersten Aufzucken meines Herzens fühlte ich es - nur ich war glücklich , er war es nicht . Was habe ich nicht alles gethan , ihn wiederzugewinnen , was gelitten , ihn zu sich selbst zurückzuführen ! Es ist Alles vergebens gewesen , und meine Kraft ist erschöpft , meine Lebenslust dahin . Fast fünf Monate sind in diesem stillen Kampfe entschwunden . Der Termin für die neuen Contracte mit seinen Beamten war gekommen . Ich hatte ihn am Morgen heiterer als sonst gesehen , er sprach von seinem Vorsatze , auf seinen Gütern zu leben , ich knüpfte wider meinen Willen meine Hoffnungen daran . Aber der Mittag war nahe , der Amtmann hatte sich schon lange entfernt , und Renatus ließ sich nicht sehen . Seine Sorgen waren stets die meinigen gewesen , ich kannte seine Angelegenheiten besser als er selbst , ich hatte mich darauf vorbereitet , sie leiten zu können , wenn es ihm nach unserer Verheirathung nicht gefallen hätte , sich mit ihnen zu beschäftigen , und eben deßhalb hatte ich dem Rathe beigepflichtet , daß er die beiden andern Güter verkaufen solle . Glücklich mit ihm zu sein , war in dem herrlichen Richten ja immer noch des Raumes genug . Den ganzen Morgen hatte ich mich gefragt : Was wird er thun , wozu wird er sich entschließen ? Die Ungewißheit ließ mir endlich keine Ruhe . Ich schickte nach seinem Zimmer , er war nicht dort . Man sagte , er sei in den Park gegangen . Ich konnte nicht anders , ich mußte ihn sehen . Man reißt nothgedrungen sein Herz von dem geliebten Herzen eines Mannes los und verlernt es doch nicht , um den zu sorgen , der uns von sich stößt . Ich ging in den Park hinab , ich suchte Renatus in den Wegen , welche ihm die liebsten waren , nur seine Fußtapfen sah ich , er war nicht dort .. Er fand die Laune spazieren zu gehen , und sagte sich nicht mehr : Hildegard wird am mich denken , wird um mich sorgen ! Bis an die Wiese folgte ich seiner Spur . Dann ging ich auf die Margarethenhöhe hinauf , und kaum dort angelangt , sah ich ihn von dem Rothenfelder Kirchpfade den Weg in die Höhe kommen . Das Herz schlug mir vor Freude , wie ich ihn in seiner Schönheit so leicht einhergehen sah . Ich