einem Menschen ein Uebel , ein Unrecht zutrauen , wenn man ... Sie hielt inne , denn die Gewohnheit der Schwesterliebe - und die Familienliebe ist ja überhaupt zu einem großen Theile Gewohnheitssache - hielt sie zurück , den Gedanken auszusprechen , der ihr eben erst gekommen war ; aber Vittoria ergänzte ihn sofort . Siehst Du es , siehst Du es nun , mein Kind , daß sie voll Arglist ist ? Weil sie von Jugend auf mit unermüdlicher Beharrlichkeit ihr Netz gesponnen und meinen armen Renatus , als er fast noch ein Knabe war , damit umgarnt hat , darum , darum allein hält sie Dich für fähig , das Gleiche zu thun ; darum traut sie Dir es zu , Du könntest , arglistig wie sie , ihr das Herz des ersehnten Bräutigams abwendig machen wollen . Als ob sie nicht selber alles dazu gethan hätte , ihn von sich zu entfernen , als ob ein Mann , so schön , so gut , so fröhlich und so gesund wie mein Renatus , dazu geschaffen wäre , sie seufzen zu hören und unter ihren kühlen Blicken zu erfrieren ! Per bacco ! Vittoria brauchte , wenn sie heiteren Muthes war , wie eben jetzt , wohl einmal einen heimathlichen Schwur - per bacco , wir werden Ursache haben , diesen Tag zu segnen , und mich verlangt danach , Renatus in seiner neu gewonnenen Freiheit zu umarmen ! Er wird schön aussehen , wenn er wiederkehrt und seinen Willen hat , denn er sehnte sich nach seiner Freiheit . Sie war so aufgeregt , daß sie sich erhob , um einen Gang hinaus in den Garten zu thun , und sie forderte ihren Schützling auf , sie zu begleiten . Anfangs weigerte Cäcilie sich dessen . Die Stunde war nahe , welche man für die Abreise der Schwester anberaumt hatte , sie wollte sie in dieser nicht verlassen , ihr dabei nicht fehlen . Vittoria nahm sie bei der Hand . Lügst Du auch , fragte sie , oder hast auch Du kein Blut in Deinen Adern , kein Feuer in der Brust , das in zorniger Flamme emporschlägt , wenn man Dich beleidigt ? Schäme Dich , Cäcilie , ich hatte besser von Dir gedacht ! Und ihren Arm in den der jungen Gräfin legend , sagte sie , während sie mit ihr die Terrasse entlang und in den Garten hinunter ging : Komm , mein Herz , es wäre nicht hübsch von Dir , Dich an ihrem Schmerze zu weiden , denn leiden - leiden muß man im Verborgenen ! Cäcilie gab endlich nach . Sie war selbst aufgeregter und in sich unentschiedener , als je . Sie hätte nicht sagen können , wie ihr eigentlich zu Muthe sei . Sie hörte auch nur halb auf die Schilderung , welche Vittoria ihr von dem ganzen Zusammenhange zwischen ihrem Stiefsohne und Hildegarden machte , denn Renatus hatte es der Baronin in seinem Mißmuthe einst anvertraut , wie er sich Hildegarden , von ihr dazu angetrieben , gerade in dem Augenblicke versprochen habe , in welchem er gekommen war , sich von ihr los zu sagen . Nur das Eine entging Cäcilien nicht , und die Baronin wiederholte es auch wieder und wieder : Renatus hatte Hildegard niemals geliebt ! Also ist Renatus jetzt nicht zu beklagen ! sagte Cäcilie sich mit einer Genugthuung , die sie überraschte , und gleich darauf fiel ihr die Schwester ein . Sie sah nach der Uhr . Jetzt hatte Hildegard das Schloß bereits verlassen . Wider ihren Willen seufzte Cäcilie tief . Sie dachte daran , daß auch ihres Bleibens jetzt hier nicht mehr lange sein werde , und die Thränen traten ihr bei der Vorstellung in die sonst so fröhlichen Augen . Sie hatte das Schloß und die Baronin Vittoria und Renatus und Valerio so lieb ! Sechstes Capitel Graf Gerhard hatte eine Krankheit überstanden . Mitten in einer Gesellschaft , bei einem Feste , das ein Kreis von alten Junggesellen sich gegeben hatte und bei dem es fröhlich genug hergegangen war , denn die Jugenderinnerungen waren den Herren bei dem Weine reichlich zugeflossen , hatte ein schlimmer Anfall ihn ereilt . Wie ein Schwindel , wie ein plötzliches Vergehen der Sinne war es über ihn gekommen . Man hatte ihn mit dem Beistande eines Arztes nach seiner Wohnung gebracht ; dort hatte er sich bald erholt , und die Krankheit hatte nicht lange gewährt . Jetzt war sie ganz vorüber . Nur eine Schwäche war ihm noch zurückgeblieben , und das Zittern in den Händen , das Renatus bei dem Wiedersehen seines Oheims aufgefallen war , hatte zugenommen , wenngleich der Graf es mit großer Geschicklichkeit zu verbergen wußte . Die Fenster seines Zimmers waren geöffnet , die Wärme des Tages drang voll herein , obschon man mit den heruntergelassenen Markisen das Licht abdämpfte . In den großen Vasen auf den Ecktischen dufteten die schönsten Frühlingsblumen , Früchte , welche die Jahreszeit im Freien noch nicht darbot und die also aus Treibhäusern geliefert sein mußten , standen auf dem Tische vor dem Sopha , und in seinen seidenen Schlafrock gehüllt , genoß der Graf , von Polstern bequem gestützt , einer sehr behaglichen Ruhe . Bald sah er , wie das Sonnenlicht milde über die Bilder an den Wänden hinglitt , dann betrachtete er die Blumen in den Vasen . Ein Schmetterling , der sich in das Zimmer verirrt hatte , flog von der einen Vase zu der anderen , wiegte sich bald auf dieser , bald auf jener Blume und flatterte dann gaukelnd auf und nieder , wo die Sonne ihm am wärmsten schien . Der Graf hätte stundenlang dem Spiele dieser bunten Flügelchen zusehen können , ohne an etwas Anderes zu denken , hätte der Brief , den er in seinen Händen hielt , ihn nicht beschäftigt . Es war ein langer Brief . Er hatte ihn schon am verwichenen Tage erhalten und gelesen , aber