gewiß ganz anders sein , sagte sie sich ; denn sie war doch nicht des jungen Freiherrn Braut , sie liebte er nicht und sie liebte ihn auch nicht , aber es war doch Alles Lust und Freude zwischen ihnen , wenn sie einmal beisammen sein konnten , ohne daß Hildegard ' s ernsthafte Betrachtungen ihnen in ihrem Frohsinne Schranken setzten . Sie begriff es endlich gar nicht mehr , wie Renatus es mit ihrer Schwester nur auszuhalten vermöge ; sie selbst hatte Hildegard nie so quälerisch und so mit sich und ihren kleinen Leiden ausschließlich beschäftigt gesehen , als eben jetzt . Sie war sonst mit der Schwester immer einig gewesen , oder doch gut mit ihr fertig geworden , denn ihre Neigungen und Gewohnheiten hatten sich , eben weil sie so ganz und gar von einander unterschieden waren , nicht gekreuzt ; aber seit Renatus wieder in der Heimath lebte , hatte auch das gute Verhältniß zwischen den beiden Schwestern sich mit Einem Male geändert . Hildegard hatte sich von Anfang an über die laute Fröhlichkeit ihrer jüngeren Schwester wie über die Rastlosigkeit beschwert , mit welcher sie bald Dies , bald Jenes mit Renatus unternehmen wollte , und sich vor Allem darüber beklagt , daß sie es ihr so schwer mache , ihren Verlobten zu irgend einer Sammlung zu bewegen oder auch nur ernsthaft mit ihm zu verkehren . Cäcilie hingegen war empfindlich darüber geworden , daß die Schwester sie wie ein Kind behandle , mit dem oder in dessen Gegenwart man nichts Wichtiges besprechen könne . Sie hatte geklagt , daß Hildegard Alles an ihr tadle , von ihrer Art , sich zu kleiden , bis zu der Weise , in welcher sie mit dem Jugendfreunde , mit dem künftigen Schwager verkehre ; und als Cäcilie allmählich aus Ungeduld die Nähe der Schwester zu meiden angefangen , hatte Renatus sich zu ihr gesellt , um Hildegard zu zeigen , daß er ihr Betragen gegen Cäcilie nicht billige . Laß ihr doch Zeit , über ihre Sorgen nachzudenken ! hatte Cäcilie übermüthig ausgerufen , wenn sie und Valerio den jungen Freiherrn zu irgend einem fröhlichen Unternehmen zu überreden getrachtet hatten ; und nachgebend und von der eigenen Neigung angetrieben , hatte Renatus sich mehr und mehr an Cäcilie angeschlossen , deren blühende Frische ihm das Herz erfreute . Es war ihm ein Vergnügen , Cäcilie laufen zu sehen , sie hatte die Anmuth eines Rehes . Es war ihm ein Vergnügen , sie reiten zu sehen , das Thier selbst schien von ihrer Lebenslust beflügelt zu werden ; und sie mit ihrer hellen Stimme lachen zu hören , war für Renatus vollends ein Genuß . Cäcilie aber gehörte nicht zu denen , die sich Sorgen machen , die Mutter und die Schwester thaten ' s , wie sie meinte , zur Genüge ; sie war immer guter Dinge . Sie lachte mit ihrem reizendsten Lachen , wenn Renatus sich bei ihr über seine Braut beklagte . Sei nicht böse auf sie , sagte sie ; sie ist ein wenig altjüngferlich geworden . Heirathe sie nur bald , dann wird sie eine junge Frau und auch wieder munter und vernünftig werden . Sie hat sich gar zu sehr nach Dir gesehnt . Und hast Du Dich nicht nach mir gesehnt ? fragte Renatus sie dann wohl . Ich ? Wie käme ich dazu ? Ich war ja nicht mit Dir verlobt ! Nur als Du in den Krieg gegangen bist , dachte ich , es würde mir das Herz zerbrechen , wenn Du sterben solltest ! Ich konnte mich damals gar nicht von Dir trennen ! Aber Du hast ' s nicht bemerkt , ich war ja damals auch nur noch ein dummes Kind ! Renatus sah sie betroffen an . Ganz plötzlich kam es ihm in das Gedächtniß zurück . Wie hatte er das vergessen können ? - Deutlich , aber ganz deutlich , erinnerte er sich jetzt , wie die leidenschaftliche Umarmung des kaum vierzehnjährigen Mädchens ihn in jener Abschiedsstunde erschreckt hatte . So hatte Hildegard ihn nie umarmt . Er fühlte unwillkürlich ein lebhaftes Verlangen , einer solchen Umarmung noch einmal , von Cäcilien noch einmal theilhaftig zu werden . Wie bittend hielt er ihr die Hand hin , sie schlug herzhaft ein , er umarmte und küßte sie und sie gab ihm den Kuß mit ihren schwellenden Lippen fröhlich lachend wieder . Weßhalb sollte sie ihrem künftigen Schwager , weßhalb sollte sie Renatus auch einen Kuß versagen ? Sie that es niemals , wenn er sie darum bat , und er küßte sie jetzt oft genug . Nur jene erbebende Leidenschaft , die er wieder einmal , nur einmal wieder noch zu genießen wünschte , jene Leidenschaft nahm er an ihr nie wieder wahr . Es war Alles an und in ihr arglose , auf den Augenblick gestellte Fröhlichkeit , und diese war es auch , was ihre Nähe für Vittoria so angenehm machte , was Valerio an sie fesselte . Heute zum ersten Male in ihrem ganzen Leben hegte Cäcilie einen wahrhaften Zorn , und er war gegen ihre einzige Schwester gerichtet . Sie hatte es Vittoria verschweigen wollen , was oben unter der eigenen Mutter Augen zwischen Hildegard und ihr geschehen war ; aber der Schwester ungerechtes Mißtrauen , ihre Härte und ihre Heftigkeit waren gar zu groß , gar zu grausam gewesen . Vittoria hatte Recht : Hildegard war nicht zum Glück geschaffen , nicht für das eigene , nicht für fremdes Glück . Wie hätte sie sonst die Schwester , die ihr in mitleidvoller Liebe zu helfen und zu dienen bemüht gewesen war , so herzlos , so unnatürlich von sich stoßen können ? Cäcilie klagte , Vittoria hörte ihr ermuthigend zu . Als jene geendet hatte , sagte die Baronin : Und könntest Du jemals so voll Argwohn sein , wie Deine Schwester ? Nein ! nein ! ganz gewiß nicht ! rief Cäcilie . Wie kann man auch