Weinend und bleich , wie Gaetana es dem Kammerdiener geschildert hatte , war Cäcilie in dem Zimmer der Baronin angelangt . Athemlos , in der höchsten Aufregung , erzählte sie derselben , was geschehen war ; aber wider ihr Erwarten machte sie auf die ältere Freundin mit ihrem Berichte nicht den gewünschten Eindruck . Vittoria hatte sich eben erst , dem schönen Wetter zu Liebe , ihr Ruhebett bis hart an die großen Fensterthüren ihres Zimmers tragen lassen und blieb , von den aufgespannten Vorhängen mild beschattet , ruhig liegen , während sie sich langsam und ohne jede Unterbrechung fächelte . Sie zog Cäcilie neben sich auf die Polster nieder , und mit ihrem Tuche die Thränen von der jungen Gräfin Wangen trocknend , sagte sie mit ihrer weichen , tiefen Stimme : Weine nicht , weine nicht , mein Kind ! Die Thränen ziehen Furchen , und aus den Furchen in eines Weibes Antlitz wächst kein Glück hervor ! - Komm , sei heiter , lächle wieder . Sieh mich an ! Sie nahm den Kopf Cäciliens in ihre Hände , schaute ihr in das Auge , küßte dann ihre Augenlider und rief : Hildegard war nicht für das Glück geschaffen , nicht für das eigene , nicht für fremdes ; ihr Blick ist unheilvoll ! Wir werden alle , alle glücklich werden , wenn ihre unheilvollen Augen uns nicht mehr verfolgen ! Cäcilie tröstend und Hildegard anklagend , sich ereifernd und dann wieder schmeichelnd und scherzend , ließ Vittoria Cäcilie nicht zu Worte kommen , als diese ihr Erschrecken über den zwischen ihrer Schwester und dem jungen Freiherrn erfolgten Bruch und ihr Bedauern über Hildegard ' s Schicksal auszusprechen wünschte . Und wenn es immer nicht leicht war , sich Vittoria ' s Einfluß zu entziehen , wo sie es mit Absicht darauf anlegte , Jemanden für sich und ihre augenblickliche Stimmung zu gewinnen , so fand Cäcilie es heute mehr als je unmöglich . Sie sowohl als die Mutter hatten seit Jahren von dem traurigen Verhältnisse zwischen Hildegard und Renatus viel zu leiden gehabt . Daß es ein unhaltbares geworden sei , das hatte Cäcilie gleich an dem Tage gefürchtet , an welchem sie den Jugendgespielen nach so langer Trennung zum ersten Male wiedersah . Es war ihr überhaupt mit Renatus sonderbar ergangen . Von allen den Erinnerungen ihrer ersten Jugend , von denen Hildegard und auch die Mutter zu erzählen liebten , wußte Cäcilie nichts . Sie war um mehr als fünf Jahre jünger denn der junge Freiherr , sie war fast noch ein Kind gewesen , als Renatus in den russischen Feldzug gegangen war ; aber sie hatte es oft behauptet , daß dies eigentlich der Tag sei , dessen sie sich aus ihrem ganzen Leben am deutlichsten entsinne , und daß sie erst von diesem Tage ab völlig klare und zusammenhängende Vorstellungen von ihren Erlebnissen habe , die freilich einfach genug gewesen waren . Sie hatte ihre Kindheit während und nach der Wittwentrauer ihrer Mutter auf dem Lande , in dem Schlosse der ihnen verwandten Familie verlebt , von wo aus sie nach Richten gekommen waren . Dann hatte sie in der Hauptstadt in einer der Erziehungsanstalten einzelne Unterrichtsstunden erhalten , bis man zu Anfang der Freiheitskriege wieder auf das Land und nach Schloß Richten gezogen war , das die Mutter und Hildegard nur verlassen hatten , als sie zur Pflege der Verwundeten und Kranken sich in die Stadt begeben hatten . Cäcilie , die für eine solche Aufgabe noch zu jung gewesen , war unter Vittoria ' s Obhut in Richten geblieben , denn damals hatten die Gräfinnen und Vittoria noch im besten Einvernehmen mit einander gelebt . Die Zerwürfnisse zwischen Hildegard und der Baronin hatten sich erst später , erst als Hildegard , wie sie das nannte , zum Bewußtsein über sich und über ihre Pflichten , und über den Beruf des deutschen Weibes gekommen war , so schroff herausgebildet . Und läugnen konnte Cäcilie es nicht , das viele Nachdenken und die große Tugend hatten ihre Schwester nicht liebenswürdiger gemacht . Cäcilie war Hildegardens völliges Gegentheil . Sie dachte wenig nach . Sie kannte die Welt und die Menschen eigentlich nur aus den Schilderungen ihrer Mutter und aus den wenigen Büchern , welche sie nach der Wahl der Gräfin gelesen hatte . Zwischen die Gefühlsschwärmerei ihrer Schwester und die von leidenschaftlichen Erinnerungen durchglühte Phantasie Vittoria ' s gestellt , hatte sich ihrer nicht etwa ein Verlangen nach ähnlichen Empfindungen , sondern nur die Neugier bemächtigt , ob sie solcher Empfindungen wohl fähig sei ; und weil sie bei ihrer sehr zurückgezogenen Lebensweise nur wenig Männern begegnet war - denn fast die ganze männliche Jugend des Landes stand seit Jahren unter den Waffen - so hatte sie in alle jene Träume , ohne welche kein Mädchen sich entfaltet , das Bild des Jünglings verwebt , den sie am besten kannte , das Bild des jungen Freiherrn , des Verlobten ihrer Schwester . Schlank und schmächtig , schüchtern und ein wenig schweigsam , mit den sanften , blauen Augen freundlich lächelnd , so hatte sie sein Bild in ihrem Gedächtnisse bewahrt , und wie vor einem völlig Fremden hatte sie am Tage seiner Heimkehr vor dem stattlichen Manne gestanden , zu welchem die Jahre , die Strapazen des Krieges und das Leben in der bewegtesten und gewähltesten Gesellschaft von Europa den jungen Freiherrn ausgebildet hatten . Sein Haar war dunkler , seine Gestalt sehr kräftig , sein Blick , seine Sprache waren lebhaft geworden , und Cäcilie hatte in freudiger Bewunderung seiner Schönheit sich gesagt , daß ihre Schwester sehr glücklich sein müsse . Aber das Glück , das sie an dem liebenden Paare zu sehen erwartete , wollte nicht zum Vorschein kommen . Cäcilie bemerkte mit steigender Verwunderung die schwermüthige Zärtlichkeit ihrer Schwester und die Verlegenheit , mit welcher Renatus dieselbe eher zu ertragen als zu suchen schien . Wenn sie sich an die Stelle ihrer Schwester dachte , so mußte es