! Heirathen sei doch etwas Anderes , und an eine Heirath sei hier nicht zu denken ! Die Herren von Arten nähmen sich keine Frauen , deren Hab und Gut man in zwei Wagen und ein paar Koffern von der Stadt nach Richten bringen könne ! Selbst als nach des jungen Freiherrn Heimkehr die äußeren Zärtlichkeitsbeweise zwischen Renatus und Hildegard ihr Verlobtsein für die Schloßinsassen außer Frage stellten , hatte der Kammerdiener immer noch den Kopf geschüttelt und war von seinem verzweifelnden » ich glaub ' s nicht ! « nicht abgegangen ; denn , hatte er zu Gaetana stets gesagt , so wie der gnädige Herr die Gräfin Hildegard anfaßt , so faßt solch ein junger Herr kein Frauenzimmer an , bei dem ihm warm wird ! Mit den Beiden wird es nichts ! Ihm machte es also keinen Kummer , im Gegentheil , er sah es mit der stillen Genugthuung eines Propheten , dessen Vorausverkündigungen sich erfüllen , als man die alten Koffer der Gräfin Rhoden aus der Remise hervorbrachte , als die Kammerjungfer den Sattler vom Hofe herbeiholte , die Riemen und die Schnallen nachzusehen . Er that keine Frage , er ließ die Dinge gehen und an sich kommen . Die Mahlzeit war vorüber . Die Baronin Vittoria und der Junker hatten mit großer Eßlust gespeist , aus den Zimmern der Gräfin waren die Speisen fast unberührt nach der Küche zurückgebracht worden , und in der Stube der Dienerschaft saßen der Kammerdiener , die beiden Kammerfrauen und der alte Kutscher jetzt bei ihrem Mittagbrode , bei welchem die Köchin die Vorschneiderin machte und eine der Küchenmägde die Speisen zutrug . Wird denn oben nicht mehr gepackt ? fragte der Kammerdiener , während er sich zu dem Hammelbraten , den die Köchin ihm vorgelegt hatte , eine tüchtige Portion der Spargel geben ließ , welche für die Tafel der Gräfin bestimmt gewesen waren . Wird denn oben jetzt nicht mehr gepackt ? Wir machen nur eine kleine Pause , entgegnete die Kammerjungfer , welche ihre gute Berliner Sprache , wie sie immer sagte , hier auf dem Lande nicht verlernen wollte . Meine Comtesse hat sich ein wenig hingelegt , sie hat Migräne , und es muß doch auch geschrieben werden . Was denn geschrieben ? erkundigte sich der Kutscher , es ist ja heut ' nicht Posttag ! Sie haben wohl nicht gesehen , daß der Reitknecht von Brasteck in den Hof gekommen ist ? Der soll den Brief an den Herrn Baron gleich mit sich nehmen . Der Kammerdiener fragte , wer den Brief denn schreibe ? Mamsell Caroline entgegnete , die Frau Gräfin schriebe ihn . Da soll sie sich sputen , meinte der Kutscher , indem er das große Bierglas an die Lippen setzte , denn der Reitknecht hat gefüttert und sattelt wieder . So sagen Sie ihm , gebot die Kammerjungfer , daß er warten muß , bis meine Gräfin fertig ist ! Ich will sie aber avertiren gehen . Sie stand auf , besah sich in dem Spiegel , rückte ihre Brilllocken und ihre schwarze Schürze zurecht und sagte der Köchin , sie brauche heute Abend weiter nichts . Also Sie gehen mit , Mamsell ? rief der Kutscher . Nun , da soll mir ' s ein Vergnügen sein , zu fahren - besonders , wenn Sie nicht wiederkommen wollen ! brummte er in seinen Bart. Aber er hatte es nicht so leise gesprochen , um von den Andern nicht verstanden zu werden , wenn schon Mamsell Caroline sich das Ansehen geben konnte , als habe sie nicht gehört , was er gesagt , und als wisse sie nicht , was das Lachen um sie her bedeute . Oben lag Hildegard bleich und regungslos auf ihrem Lager . Die Vorhänge waren niedergelassen , der Geruch von Aether erfüllte das Gemach . Die Gräfin hatte ihren Brief an den Freiherrn eben beendet . Sie wollte ihn der Tochter zu lesen geben , aber Hildegard machte eine matte , abwehrende Bewegung . Die Mutter siegelte ihn also und wollte schellen , um ihn hinunter zu senden . Cäcilie saß müßig in einem der Lehnstühle . Weil sie jedoch wußte , wie empfindlich ihre Schwester während ihrer Anfälle von Kopfweh gegen das geringste Geräusch zu sein pflegte , wollte sie ihr das Schellen und das Kommen des Dieners bereitwillig ersparen . Sie stand leise auf , trat an die Gräfin heran und erbot sich , den Brief selbst hinunter zu tragen . Aber wie von einem elektrischen Schlage getroffen , sprang Hildegard , die anscheinend mit geschlossenen Augen da gelegen hatte , von ihrem Ruhebette empor , und Cäcilie mit so gewaltsamem Griffe um das Handgelenk fassend , daß sie im Schmerze zusammenzuckte , rief sie mit funkelnden Augen in wilder Leidenschaft : Du , rühre den Brief nicht an ! Du nicht ! Ganz erschrocken trat Cäcilie zurück . Sie wollte antworten , die Thränen stürzten ihr aus den Augen , und die Hände entsetzensvoll zusammenschlagend , rief sie : Gott im Himmel , sie ist wahnsinnig ! Hilda ist wahnsinnig geworden ! Hildegard lachte hell auf . Nein , nein , rief sie , noch bin ich ' s nicht , noch sehe ich sie ja , die heuchlerischen Thränen , die Dir über die rothen Backen niederrinnen ! Aber ich werde es werden , wahnsinnig wird es mich machen , wenn ich es sehen muß , wenn ich Dich sehen muß ... Sie war unfähig , den Satz zu vollenden ; sie warf sich der Mutter mit beiden Armen um den Hals und barg ihr Gesicht an deren Brust . Es bricht mir das Herz , es nimmt mir den Verstand ! wiederholte sie immer und immer wieder . Die Gräfin bemühte sich , sie zu besänftigen , Cäcilie war neben der Schwester hingeknieet und küßte ihr die Hände , aber Hildegard stieß sie mit Heftigkeit von sich , und die Gräfin hieß die jüngere Tochter endlich sich entfernen .