freilich nicht , denn des Amtmanns Vorschlag , daß er im Regimente bleiben solle , war im Grunde sehr verständig . Wenn er wirklich im Regimente blieb , wenn er sich künftig nicht für immer in seinem Schlosse aufhielt , brauchte man z.B. auch die Pfarre für ' s Erste nicht fortbestehen zu lassen . Man konnte den Fürstbischof ersuchen , den Pfarrer zurückzuberufen und anderweitig zu verwenden . Die Baronin Vittoria konnte , so oft sie es begehrte , nach einer der Städte , welche eine katholische Kirche hatten , zur Messe fahren , und die Gräber zu bewachen , war der Sakristan genug . Je länger Renatus über die Ersparungsvorschläge , welche der Amtmann ihm im Laufe ihrer Unterredung gethan hatte , nachsann , um so mehr leuchteten ihm dieselben ein . Die Entlassung der sämmtlichen noch im Schlosse vorhandenen Dienerschaft war verständig ; nur Gaetana und der alte Kammerdiener sollten bei der Baronin bleiben . Seinen Bruder Valerio , welcher der weiblichen Hand durchaus entwachsen war , wollte der junge Freiherr mit sich nehmen , um ihn in einer der militärischen Erziehungsanstalten unterzubringen ; und wie er in solcher Weise das Schloß zu entvölkern begann , wurde sein eigenes Verlangen , es zu verlassen , immer größer . Vor wenigen Tagen hatte ihn die Liebe überrascht , welche er für dasselbe , für seine Besitzungen hegte , jetzt erschreckte ihn die Gleichgültigkeit beinahe , in welcher er an die theilweise Zerstörung der Verhältnisse denken konnte , mit denen er sich so unauflöslich verbunden geglaubt hatte ; und wie er tiefer in sein Herz hineinsah , wie er mit dem grübelnden Sinne , der ihm von der Mutter angeboren war , sich fragte : was ist es , das mir die Aussicht in die Ferne plötzlich so erheitert ? da blieb er sich die Antwort schuldig , denn er sah Hildegard den kleinen Seitenpfad von der Margarethenhöhe herunterkommen , und er mußte gehen , sie zu begrüßen . Fünftes Capitel Was nur heute in sie gefahren ist ! sagte an dem Nachmittage der Kammerdiener verdrießlich zu Vittoria ' s Dienerin , mit welcher er in dem Laufe der Jahre eine Freundschaft auf Tod und Leben geschlossen hatte . Seit der junge Herr zu Hause ist , hatte doch Alles wieder eine Manier bekommen , aber heute stieben sie aus einander , als hätte der Blitz dazwischengeschlagen ! Was haben sie denn vor ? Der junge Herr ist fortgeritten ! bedeutete Gaetana geheimnißvoll . Freilich , ich habe ihm ja das Pferd bestellt ! versetzte darauf der Diener . Aber wissen Sie , weßhalb er fortgeritten ist ? fragte die Italienerin , und ihre dunklen Augen blitzten unter den breiten , schwarzen Brauen scharf hervor . Ja , er war ärgerlich , weil er mit dem Amtmanne nicht zu Stande gekommen ist ! sagte der Kammerdiener . Gaetana machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand . Nein , Padrone , Ihr irrt , Ihr irrt Euch ganz und gar ! - Und sich vorsichtig umblickend , fügte sie hinzu : Die Gräfin Cäcilie kam blaß wie eine Leiche zu meiner Signorina in das Zimmer ! Sie schickten den Junker fort , sie schickten auch mich hinaus ! Gleich darauf sendete die Gräfin ihre Jungfer zu uns und ließ sagen , sie und die älteste Comtesse würden auf ihrem Zimmer speisen . Die Gräfin Hildegard reist ab ! Sie konnte ihr Vergnügen bei den Worten nicht verbergen , der Kammerdiener zuckte ungläubig mit den Schultern . Sie denkt nicht daran ! meinte er - die Herzogin , als wir die noch zu des seligen Herrn Zeiten bei uns hatten - ich war damals noch ein Junge , der nur hier und da zur Hand ging - die Herzogin machte es gerade so , wenn sie ihren Willen durchzusetzen dachte ! Packen werden sie und Pferde bestellen auch ! Aber sie werden die Pferde stehen lassen und mit dem Packen nicht zu Ende kommen , bis sie der Herr dabei betrifft , und dann ... Nein , sie geht , sie geht ! versicherte ihm Gaetana , als die Klingel aus dem Zimmer der Baronin Vittoria sie von der Unterhaltung abrief , und fast gleichzeitig der Reitknecht eines benachbarten Edelmannes in den Hof geritten kam . Er brachte einen Zettel von dem jungen Freiherrn , der den Kammerdiener anwies , ihn heute nicht mehr zu erwarten , sondern ihm einen Mantelsack zu packen und ihm denselben durch einen Boten zu übersenden , da er mit seinem gegenwärtigen Wirthe auf einem andern Gute bei andern Freunden noch einen Besuch zu machen denke . Nun ? fragte Gaetana , da sie im Auftrage ihrer Herrin eilig durch den Flur ging . Sie könnten Recht haben , meinte der Kammerdiener ; es ist etwas passirt ! Aber fortgehen ? Ich glaub ' s nicht ! Wo sollen sie denn hin ? fügte er mit einem geringschätzigen Zucken des Mundes hinzu . Er war noch zu den guten Zeiten in die Dienste des verstorbenen Freiherrn getreten , hatte noch die Baronin Angelika in aller ihrer Vornehmheit gekannt und , wie alle Diener reicher Häuser , immer eine große Verachtung gegen unbemittelte Herrschaften gehegt . Es war daher gar nicht nach seinem Sinne gewesen , als nach dem Tode des Freiherrn die Gräfin Rhoden mit ihren Töchtern in das Schloß gekommen war . Er hatte es auch in all den Jahren und bis zu dem Tage von des jungen Freiherrn Rückkehr hartnäckig geläugnet , daß es zwischen seinem jungen Herrn und der Gräfin Hildegard jemals etwas werden könne . Jedem , der ihn darum befragt , hatte er geantwortet , daß sein Herr der Gräfin Rhoden und ihren Töchtern in den schweren Zeiten zu Hülfe gekommen sei und sie so mit durchgehalten habe , und das sei schön und recht von ihm gewesen , denn der verstorbene Herr Baron habe es ja seiner Zeit mit der Frau Herzogin gerade so gehalten ; aber heirathen ? Nein