Am Morgen gleich nach seiner Ankunft kamen Benno , Thiebold , Hedemann . Erstere beide wohnten in einem Müllerhäuschen , das etwas entlegen lag vom donnernden Geräusch der schon von Hedemann selbst betriebenen Mühlen . Das Wiedersehen war hocherfreut . Bei Benno sogar mit ironischem Lächeln , als es der Frage galt nach dem ersten Besuch auf Westerhof ; bei Thiebold mit der scheuen Befangenheit eines schuldbewußten Schülers vor seinem Lehrer ; bei Hedemann mit jener bekannten immer mehr sich bei ihm ausbildenden , lächelndstrengen Sicherheit des Bibelglaubens ; Hedemann hatte in der That ketzerische Grundsätze aus England und Amerika mit heimgebracht und wurde in ihnen durch die Erfahrungen , die seine greisen Aeltern mit dem Pfarrer Langelütje gemacht , in Gedankengängen bestärkt , die zu irgendeinem , vielleicht für ihn verhängnißvollen Ziele führen mußten . Daß der Domherr nicht in Witoborn blieb , wußte man . Bonaventura wollte seinen nominellen Pfarrsitz selbst einnehmen und schon war nach einem Wägelchen geschickt worden , ihn an seinen eigentlichen Wohnsitz zu führen , den er einem alten Brauche gemäß bis gegen Ostern einnehmen mußte . Benno bedauerte diese Trennung . Er schilderte das Haus » Bei Tangermanns « als einen unterhaltenden Rest altdeutscher Gastfreundschaft , der indessen die Trinkgelder und modernen Preise nicht ausschlösse . Seht nur , sagte er , dies alte Mauerwerk mit bunten pariser Tapeten beklebt ! Goldleisten über wurmstichige Balken ! Parquetfußböden neben grünen Kachelöfen ! Thiebold setzte hinzu : Lästern Sie nicht ! Das beste ist ein patriarchalischer Weinkeller , aus dem man nur leider allein durch Schmeichelei einen Niersteiner Gelbsiegel bekommen kann ! Der alte Tangermann hat auf seiner Weinkarte alle nur möglichen Cabinetsauslesen und Dompräsenze , gibt sie aber nicht her , wenn man sie nur so einfach bestellt , wie wahrscheinlich unser Freund Piter Kattendyk gethan hat , als er von witoborner Krätzer sprach ! Erst sagt der Kellner regelmäßig : Der alte Herr Tangermann hat den Schlüssel ! Erst muß man an Herrn Tangermann ' s Stube klopfen , muß erst seine ausgestopften Vögel bewundern , die herrlichen Aquatintas an den Wänden , die Napoleonischen Rührscenen aus Fontainebleau und Sanct-Helena bewundern , ehe man das Gespräch auf seine Jahrgänge bringen und ihn geneigt stimmen kann , eine Probe heraufzuholen , die dann aber dennoch keineswegs zu einem altpatriarchalischen , sondern ganz modernen Preise abgelassen wird , wie nur in irgendeinem Victoriahotel ! Und Hedemann setzte hinzu : In der Kunst , dem alten Tangermann diese guten Stunden abzuschmeicheln , ist niemand bewanderter gewesen als der Landrath von Enckefuß ! Dieser Name gab dann Fernsichten in die betrübenden Eindrücke des Kirchenstreites ... Fernsichten auch auf Schloß Neuhof , auf Bonaventura ' s Stiefvater , seine Mutter , ja zuletzt auf Klingsohr , von dem man wußte , daß er gewaltsam nach dem Kloster Himmelpfort zurückgeführt worden ... Ein Leben im Gasthof stört dann freilich jeden Schmerz ... Hier ein Zimmer , wo ein Trauernder weint , nebenan eins , wo ein Musterreiter die neuesten Modearien singt - Letzteres geschah wenigstens der kleinen Gesellschaft . Nur Zufall war es , daß ein gewisser Mann nebenan , der sich eben rasirte , die Namen seiner Nachbarn nicht zu erfahren begehrte und , verloren in die täglichen Geschäfte , die ihn erst mit Herrn von Terschka , jetzt schon mit allen umwohnenden Adeligen verbanden , ja schon auf Schloß Neuhof riefen , sich nicht als Löb Seligmann aus Kocher am Fall seinen alten Bekannten zu erkennen gab ... Und doch wie sang er sich selber vorm Spiegel an : » Dies Bildniß ist bezaubernd schön ! « wie jodelte er , wenn er plötzlich von Extrapostideen befallen wurde , das damals neue : » Ho , ho ! So schön und froh ! Der Postillon von Lonjumeau ! « Im Pfarrhause bei Norbert Müllenhoff fand Bonaventura zwei Zimmer schon für sich hergerichtet , Zimmer , in deren Ausstattung er die liebende Sorgfalt aller der Menschen erkannte , die ihn hier namentlich auf den Adelssitzen voll hoher Spannung erwarteten . Es waren zwei einfache Wohnzimmer eines allerdings neugebauten massiven Hauses , aber mit einem Comfort ausgestattet , der alle Spuren trug vorzugsweise vom nahen Westerhof und vom Stifte Heiligenkreuz . Die Namen Paula , Benigna , Armgart glänzten unter allen , die der alte Tübbicke als die Stifterinnen dieser Herrlichkeiten nannte ... Norbert Müllenhoff stand mit scheuer Spannung in der Nähe . Er hatte die ihm eigenthümlich derbe Courage mehr nur nach unten hin ; nach obenhin nur dann , wenn er der Masse gegenüberstand ... ein einzelnes gesticktes Damentaschentuch mit dem Geruch von Esbouquet konnte ihn nicht blos im Salon , sondern sogar im Beichtstuhl stutzig machen . In diesem Müllenhoff fand sich Bonaventura bald zurecht . Es war die Richtung , die Michahelles auch bei ihm vorausgesetzt hatte , die neue Richtung einer fast burschikosen Verachtung alles dessen , was mit Bildung und Aufklärung verbunden ist . Müllenhoff ' s jeweiliges grelles Auflachen , wenn er einen seiner Einfälle selbst doch auch allzu schlagend fand , charakterisirte ihn sofort ; denn nichts charakterisirt uns mehr , als die Art , wie wir lachen . Hier fehlte selbst die Koketterie , die doch Beda Hunnius noch mit der Poesie trieb . Diese jungkatholische Richtung renommirt mit der Verachtung jeder Beziehung ihrer täglichen Denk- , Rede- und Thätigkeitsweise mit dem , was dem Geist der Aufklärung angehört . Gleich die Frühstücksbutter , die seine Aufwärterin zu einem zweiten Frühstück für ihn und seinen Gast hereinbrachte , schob Müllenhoff mit den Worten zurück : » Nehm ' Sie die Butter mit ! Ganz frische soll ' s sein ! Die da riecht - toleranzig ! « Schon bei diesem Frühstück erschienen die zuvorkommenden Besuche des Herrn Levinus von Hülleshoven , des Herrn von Terschka , des Grafen Münnich und immer mehr zunehmend einer Anzahl von Adeligen und Geistlichen , die sämmtlich in stattlichen Kutschen kamen ... Selbst die drei ältesten Stiftsdamen von Heiligenkreuz fuhren vor ... So schnell hatte