weil man ihr Vorhandensein als ein Selbstverständliches angenommen hatte . Damals hatte man sich selbst gelebt , man hatte Muße und Freiheit gehabt , sich seinen Neigungen , seinen Gefühlen zu überlassen ; jetzt trat überall die zwingende Nothwendigkeit zwischen ihn und seine Wünsche , und sogar in dem Augenblicke , in welchem er sich enger als je zuvor mit seinem Besitze verwachsen fühlen gelernt , trachteten die Emporkömmlinge ihm von allen Seiten die Ueberzeugung aufzudrängen , daß für ihn die alten Zustände nicht mehr aufrecht zu halten seien , daß er ohne ihren Beistand nothwendig zu Grunde gehen müsse . Er hatte es durchaus vorgehabt , auf seinen Gütern und unter seinen Leuten , die ihm lieb geworden waren , zu weilen und zu leben . Nun sollte er das menschliche Verhältniß , das sich zwischen ihnen zu bilden begonnen hatte , plötzlich wieder zerstören , indem er sie einem fremden Willen überließ ; nun sollte er wieder von seiner Heimath scheiden und das Erbe seiner Väter einzig als den Boden behandeln , von dessen Frucht er sich ernährte - es wollte ihm nicht eingehen ! Es war gegen den Mittag hin , als der Amtmann sich von dem Freiherrn verabschiedete . Renatus blieb eine Weile an seinem Schreibtische sitzen . Das Haupt auf den Arm gestützt , sah er unverwandten Auges auf die Berechnungen nieder , welche der Amtmann ihm vorgelegt hatte . Er zählte die Reihen zusammen , er verglich die verschiedenen Posten , es wurde damit nicht viel für ihn gefördert . War das aber eine Aufgabe , die sich für ihn , für einen Edelmann geziemte ? Tag für Tag nur dem Erwerbe , dem elenden Gelderwerbe leben ! Heute dem Gewinne eine kleine Summe hinzufügen , morgen sie von den Schulden abstreichen ; und das Jahr aus , Jahr ein , und das Alles ohne die bestimmte Aussicht auf einen sicheren Erfolg ? Es dünkte ihn eine sehr untröstliche Beschäftigung . Hinter dem Pfluge herzugehen , die Furche in dem fruchtgebenden Boden aufzureißen , die goldenen Samenkörner dem warmen Schooße der Erde anzuvertrauen , die reife Frucht des Feldes einzuernten , den Kampf mit des Wetters Ungunst zu bestehen , dieses Thun und Erleiden des gemeinen Mannes däuchten ihm ein Genuß neben dem Zuwarten aus der Ferne , zu welchem der Edelmann , zu welchem er selber verdammt war , wenn er sich des persönlichen Eingreifens in seine Angelegenheit durch die Verpachtung seiner Güter mehr noch als bisher begab . Er konnte zu keinem Entschlusse kommen , und von der inneren Ungeduld hinweggetrieben , verließ er sein Gemach . Er stieg die Treppen hinunter und ging in den Garten hinaus . Gleich an der rechten Seite , wo die große Allee sich anschloß , ging er von der Terrasse hinunter und durch den Park . Die Bäume , die Büsche hatten schon ihr volles Laub . Der Schatten war tief und erquicklich , aber die Stille und die Einsamkeit waren ihm heute nicht erwünscht . Er hätte gestört werden mögen in den Gedanken , die auf ihm lasteten , er hätte die Trompeten seines Regimentes einmal wieder schmettern hören mögen , um sich an ihrem muthigen Klange das Herz zu erfrischen . Und während er noch vor wenigen Stunden seinen Besitz als eine Ehrensache angesehen hätte , erschien ihm jetzt der ärmste Soldat , der in seinem Degen sein ganzes Erbe besaß und am Tage den Tag zu leben vermochte , bei Weitem als der Glücklichere . Warum war es gerade ihm denn auferlegt , einzustehen für die Ehre und das Ansehen einer Reihe von Altvordern , deren Genüsse und Befriedigungen er nicht getheilt , und an deren Irrthümern er doch so schwer zu tragen hatte ? Er war jetzt seit einer Reihe von Jahren an ein bewegtes Dasein , an Thätigkeit gewöhnt , er verstand das Waffenhandwerk , das er bisher getrieben hatte . Auch in seinem Regimente kannte man ihn , auch in seinem Regimente vertraute ihm der gemeine Mann und liebte man ihn so gut wie hier auf seinem Grunde und Boden . Auch in seinem Regimente hatte er eine Heimath , eine Bedeutung , eine Wirksamkeit , und sie waren völlig unabhängig von allem , was von seinen Ahnen als Erbe auf ihn gekommen war , sie waren mehr als alles Andere sein eigen . Weßhalb sollte er darauf verzichten ? Weßhalb sollte er sich auf seine Güter zurückziehen , wenn er sich dazu verdammen mußte , auf ihnen als ein Einsiedler und in der halben Abhängigkeit von einem ihm untergebenen geringen Manne zu leben ? Welche Verpflichtungen hatte er gegen den Adel der Nachbarschaft , der ihm so dringend vom Verkaufe der Güter abrieth ? Sie waren ihm im Grunde sammt und sonders fremd , diese Edelleute . In seinem Regimente hatte er Freunde , hatte er die Kameraden , mit denen die Erinnerung an Noth , an Gefahr und Sieg ihn eng verband . Er sehnte sich nach seinem Regimente . Dort hatte er seiner Sorgen nicht in jedem Augenblicke denken müssen , dort hatte er sich jung gefühlt ; hier lastete das Leben schwer auf ihm und drückte ihn hernieder . Er wollte seinen Frohsinn , seine Freunde wieder haben , er wollte sich die schönen Tage der goldenen Jugend nicht verkümmern lassen . Mochte der Ernst beginnen , wenn die Jugend ihm entflohen war . Er hatte den Park verlassen und war hinausgetreten in die Rothenfelder Feldmark . Die Kirche lag in stiller Ruhe vor ihm . Sie sah sehr mächtig aus mit ihrem hohen Thurme , mit dem schönen Eingangsthore ; aber er konnte es sich nicht verbergen , es war für ihre Erbauung keine Nothwendigkeit vorhanden gewesen . Seine Eltern hatten damit einem ganz persönlichen Bedürfen und Belieben nachgegeben und sie hatten , wie es ihm heute erschien , damit auch Recht gehabt . Es sollte Jeder vor allem Anderen sich selbst genug zu thun trachten . Er für seinen Theil bedurfte dieses Gotteshauses