ab und wickelte ihn in ihr Plaid , dann setzte sie sich neben das Kind auf das Sofa und fütterte es mit einer Tasse Schokolade . Ganz still und traulich war es hier . Der Kellner hatte eine Gasflamme angezündet und die Thür geschlossen . — Ein Kind wie dieses — und von der Reise kommen . . . Von Lutz abgeholt werden , in einem geschlossenen Wagen , an die Scheiben schlägt der Regen , in seinen Arm sich drücken , mit dem schläfrigen Kleinen auf dem Schoß . . . Wie trugen denn Menschen nur solche Wonne ? Sie wurde doch manchem zu teil . Aber mehr zu fühlen , als bei der Vorstellung , wie das sein könnte . . . . das war ja nicht möglich . Agathe zog den kleinen Buben an sich — fest — fest , und küßte ihn auf die Stirn , auf das feine blonde Haar , auf die Augenbrauen . Erschrocken ließ sie ihn los , als habe sie etwas Unrechtes gethan , weil die Thür aufgerissen wurde . Zwei Frauen kamen eilig herein . Agathe sah eine diskrete , schwarze Toilette — einen grauen Gazeschleier , von einem blassen , verschminkten Gesichtchen fortgeschoben — Didi sprang vom Sofa , aus dem Plaid und jauchzte ihnen entgegen : “ Mama ! Meine Mama ! ” “ Da ist er , der Unglücksbube ! wahrhaftig ! ” rief die Daniel . “ Mein Schatz ! O Du Schatzerl — haben wir Dich gesucht ! ” Sie hob ihn auf und hielt ihn am Herzen — fest — fest . Küßte ihn auf die Stirn — auf das feine blonde Haar und auf die Augenbrauen . Die Frau , die mit ihr kam , entschuldigte sich bei Agathe , sie habe das Kind nur einen Augenblick allein gelassen , gerade unter der großen Uhr , wo sie die Mama erwarteten , weil sie gern das Unglück sehen wollte — und der Schrecken , als das Kind verschwunden war ! Agathe hörte nichts . Die Daniel — sie , eine Mutter ! Und Adrian Lutz ? Es wurde mit einem Mal hell und klar und eiskalt in ihr . Sie sah alles Vorhergegangene — sie wußte alles . Die Schauspielerin wandte sich mit ausgestreckten Händen zu Agathe , um ihr zu danken . “ Ich bin Ihnen sehr verpflichtet — ” Sie fand ihre Worte nicht weiter vor dem verletzenden Hochmut in Agathes Haltung . “ Sie sind lieb zu dem Kinde gewesen , ” stammelte sie unsicher und erregt . “ Es ist nun einmal . . . . Ich bin immer so in Angst um das Kind , weil ich nicht bei ihm sein kann . . . Wenn ich einen Tag keine Nachricht habe , gebärde ich mich wie eine Unsinnige . ” Sie war ganz verweint und zerstört . Sie sah Agathes stumme , starre Abwehr schon nicht mehr . Sie band dem Kinde das Mäntelchen um , setzte ihm die runde Mütze auf . Die Frau , bei der das Kind in Pflege war , wollte ihr helfen , aber sie ließ es nicht zu . Agathe folgte dem mütterlichen Thun der kleinen Soubrette mit den Blicken , wie sie sie oft auf der Bühne beobachtet hatte . Nicht anders . Alles Empfinden schien plötzlich in ihr ausgelöscht . Der Kleine war bereit zum Gehen . “ Komm , Adrian , küß ' der Dame die Hand und sag ' Adieu ! ” Agathe wich zurück . Aber es war ja gleich — alles war gleichgültig . Und sie bückte sich und berührte des Kindes Wange mit ihren kalten , erstarrten Lippen . Sie reichte auch der Daniel die Hand — ganz mechanisch . Über das erregte Gesichtchen der Schauspielerin ging ein Ausdruck von Erschrecken . Unschlüssig stand sie vor Agathe . “ Ich glaube — kommen wir nicht aus derselben Stadt ? ” “ Wir sind uns wohl öfter begegnet , ” antwortete Agathe . Die Daniel wurde plötzlich sehr rot , ihr Mund begann zu zittern . Auch Agathe errötete und sah zur Seite . Jetzt kam er plötzlich — der Schmerz . “ Fräulein — ich bitte Sie — verraten Sie mein armes Geheimnis nicht ! ” Die Augen der beiden Mädchen blickten ineinander und strömten plötzlich über von Thränen — von einer unendlichen Traurigkeit . Sie verstanden sich in etwas Geheimnisvollem , in einem Leiden , für das es keinen Laut gab — das auch durch kein Wort hätte bezeichnet werden können und das weit hinausging über ihr eigenes Schicksal . “ Sie sind gut , ” flüsterte die Daniel . “ Es ist nicht meinetwegen . Nur er — es ist ihm so peinlich ! ” Bitter und hastig sagte sie , indem sie die Hand auf des Kindes Kopf legte : “ Man begreift eben nicht , wie ein Vater solchen Buben verleugnen will . Alles lernt man vergeben — schließlich , wenn man immer fürchtet , alles zu verlieren . ” Agathe vermochte sich fast nicht mehr aufrecht zu halten . Fröstelnd empfand sie einen Rest von Bühnenroutine in der Art , wie die Daniel ihre Worte betonte . Nur sich selbst nicht verraten — nicht dieser ! Alle ihre Kräfte rangen mit dem Verlangen , das wie ein Schwindel sie überströmte , sich zu entblößen und in armseligen Jammer der , die ihn auch liebte , um den Hals zu fallen , zu schreien , zu verzweifeln . Aber ruhig bleiben — Dame bleiben — das hatte Agathe lebenslang geübt — das wenigstens gelang ihr . Mit ernster , mädchenhafter Würde antwortete sie der Schauspielerin : “ Ich könnte nicht vergeben , wo ich verachten müßte . ” “ Verachten ? Das verstehn Sie ja nicht . — Ach — er — ! Er liebt mich ja nicht mehr . Aber er liebt auch die anderen nicht — keine — keine . Sie werden ihm eben alle so schnell zuwider