kühl . Reinhold ging einige Male im Zimmer auf und nieder . „ Die Eltern sind also todt ? Und Ella und das Kind ? “ „ Ihretwillen brauchst Du nicht in Sorge zu sein . Der Onkel hat ein nicht unbedeutendes Vermögen hinterlassen , weit mehr , als man geglaubt . “ „ Ich wußte , daß er viel reicher war , als er gelten wollte , “ sagte Reinhold rasch . „ Und diese Gewißheit allein gab mir die volle Freiheit des Handelns bei meiner Entfernung . Ich war für Frau und Kind nicht nothwendig . Sie waren gesichert vor jedem Wechselfalle des Schicksals auch ohne meine Nähe . Aber wo sind sie jetzt ? Noch in H. ? “ „ Consul Erlau wurde Vormund des Knaben , “ berichtete Hugo ziemlich kurz und gemessen . „ Er scheint sich auch der jungen , wohl nun sehr vereinsamten Frau thätig angenommen zu haben , denn bereits nach Ablauf der Trauerzeit siedelte sie mit dem Kinde in sein Haus über . Dort lebten Beide noch vor einem halben Jahre ; bis dahin reichen meine Nachrichten . “ „ So ? “ meinte Reinhold gedankenvoll . „ Nun , da begreife ich nur nicht , wie Ella mit ihrer Erziehung und ihrer Persönlichkeit es möglich macht , in dem großartigen Erlau ’ schen Haushalte auch nur zu existiren . Freilich , sie wird sich ein paar Hinterzimmer eingerichtet haben , nie zum Vorschein kommen , oder trotz ihres Vermögens die Stelle einer Wirthschafterin übernehmen . Ueber dieses Niveau war sie ja nun einmal nicht hinaus zu bringen . Wäre das nicht gewesen , ich hätte viel , hätte Alles ertragen – um des Kindes willen . “ Er trat zum Fenster , stieß es auf und lehnte sich weit hinaus . Die Abendluft strömte kühl hinein in das schwüle Zimmer , wo jetzt ein längeres Stillschweigen eintrat , denn auch der Capitain schien keine Lust zu einer weiteren Fortsetzung des Gespräches zu haben ; nach einer Weile erhob er sich . „ Unsere Abreise ist morgen sehr früh angesetzt ; wir werden zeitig wach sein müssen . Gute Nacht , Reinhold ! “ „ Gute Nacht ! “ antwortete Reinhold , ohne sich umzuwenden . Hugo verließ das Gemach . „ Ich wollte , diese Circe von Beatrice sähe ihn einmal in solchen Stunden , “ murmelte er , die Thür in ’ s Schloß werfend . „ Sie haben gesiegt , Signora , und ihn an sich gerissen als Ihr unbestreitbares Eigenthum – glücklich haben Sie ihn nicht gemacht . “ Noch einige Minuten lang verharrte Reinhold unbeweglich an seinem Platze ; dann richtete er sich empor und ging hinüber nach seinem Arbeitszimmer . Er mußte mehrere der Gemächer durchschreiten , um dorthin zu gelangen . Die Wohnung , die das ganze untere Stockwerk der geräumigen Villa einnahm , war nicht so glänzend wie die Signora Biancona ’ s und dennoch verschwenderischer eingerichtet ; denn die Pracht , die dort vorherrschte , wurde hier zehnfach aufgewogen durch den künstlerischen Schmuck der Räume . Da hingen Gemälde an den Wänden , standen Statuen in den Fensternischen , deren Werth nur nach Tausenden berechnet werden konnte ; da waren die herrlichsten Kunstschätze Italiens in meisterhaften Nachbildungen vorhanden . Wohin das Auge nur blickte , traf es auf Vasen , Büsten , Zeichnungen und Prachtwerke , die anderswo schon allein die Zierde eines Salons gebildet hätten und die hier , überall hin zerstreut nur als beiläufiger Schmuck dienten . Es war eine Fülle von Schönheit und Kunst , wie sie in dieser verschwenderischen Art eben nur ein Rinaldo um sich versammeln konnte , dem mit dem Ruhme auch das Gold in nie versiechender Fülle zuströmte und der gewohnt war , das letztere völlig achtlos wieder von sich zu werfen . In der Mitte des Arbeitszimmers stand ein prachtvoller Flügel , das Geschenk eines begeisterten Verehrerkreises , der dem Meister ein sichtbares Zeichen seines Dankes hatte darbringen wollen ; den Schreibtisch bedeckten Karten und Briefe , welche die ersten Namen im Reiche der Geburt und des Geistes trugen und die hier gleichgültig bei Seite geschoben waren , ohne daß der Empfänger den mindesten Werth darauf zu legen schien ; von der Hauptwand aber blickte das lebensgroße Bild Beatrice Biancona ’ s herab , von berühmter Künstlerhand in genialster Auffassung und wahrhaft sprechender Aehnlichkeit gemalt . Sie trug das idealische Costüm einer ihrer Hauptrollen in den Opern Rinaldo ’ s , mit deren hinreißender Darstellung sie diese Werke erst zur vollen Höhe ihrer Berühmtheit emporgehoben hatte , mit der sie selbst erst zu einer Künstlerin ersten Ranges hinaufgestiegen war . Es war dem Maler gelungen , den ganzen berückenden Zauber , den glühenden Reiz des Originals in diesem Portrait zu verkörpern . Die schöne Gestalt schien sich in unnachahmlich graciöser Stellung halb dem Flügel zuzuwenden , und die dunklen Augen blickten mit täuschender Lebenswahrheit herab auf den Mann , den sie nun so lange schon in unlösbaren Banden hielten , als wollten sie ihn selbst hier , im Heiligthume seines Wirkens und Schaffens , nicht allein lassen . [ 491 ] Reinhold saß am Flügel und phantasirte . Das Gemach war nicht erhellt , nur das voll hereinströmende Mondlicht schwebte über dem Meere von Tönen , das hier aufbrauste , als ob der Sturm in seinen Wogen wühle , sie bald anschwellend zu Bergeshöhe , bald wieder eine Abgrundtiefe entschleiernd . Jetzt quollen die Melodien empor , leidenschaftlich , glühend , berauschend , und dann auf einmal zuckte es jäh dazwischen , wie schneidende Dissonanzen , wie grelle Mißlaute . Das waren die Töne , mit denen Rinaldo schon seit Jahren im Reiche der Musik herrschte , mit denen er die Menge zur Bewunderung fortriß , vielleicht weil sie jenem dämonischen Elemente eine Sprache liehen , das in der Brust eines Jeden schlummert , und dessen sich wohl schon Jeder einmal , halb mit Grauen und halb mit süßem Schauer , bewußt geworden ist