und staatsgefährliches Subjekt halte , hätte ihn gern sogleich in den Kanal versenkt . Aber der umständliche alte Herr habe dabei eine kostbare Zeit verloren , die sich der Herzog zunutze gemacht , um seinen neuen Günstling sich wieder zurückliefern zu lassen . Ihm persönlich sei das nicht gerade unlieb , denn er verspreche sich bei den merkwürdigen Lebensumständen des neuen Kameraden noch manchen schlagenden Witz des Zufalls und freue sich besonders darauf , mit dem gewesenen Pfarrer an seinen ehemaligen Kirchen in Bünden vorüberzureiten , wo ihn dann ein Gewisser darüber zur Rede stellen werde , was alles er da drinnen dem Volke vorgemacht . Hier strich sich der Locotenent vergnügt das magere Kinn und schloß das Schreiben an seinen Vetter in Mailand . Drittes Buch Erstes Kapitel Erstes Kapitel Auf einer Erhöhung des linken Rheinufers am Fuße des lieblichen Heinzenbergs überschauen die Mäuerlein und anspruchslosen Gebäude des Frauenklosters Cazis die Hütten eines dem katholischen Glauben zugetan gebliebenen Dorfes . Am schmalen Bogenfenster einer Zelle , die nach dem grauen , jetzt vom Morgenlichte beschienenen Schloßturme von Riedberg hinüberschaute , saß die schöne Lucretia Planta . Der Frühling war vorübergegangen . Auch auf der Nordseite der rätischen Alpen hatte der laue Föhn schon längst den Schnee von den Halden weggeschmolzen und in tobenden Wildbächen dem Rheine zugeführt . Durch die Felsspalten der Via mala hatte der Südsturm gebraust mit dem jugendlich unbändigen Strome um die Wette . Wochenlang hatte der schäumende Rhein zornig an seinen engen Kerkerwänden gerüttelt und herausstürzend die flacheren Ufer verheert . Jetzt führte er ruhiger die gemäßigten Wasser zu Tal , umblüht von den warmen Matten und üppigen Fruchtgärten des gegen die rauhen Nordwinde geschützten Domleschg . Es war ein klarer Morgen zu Anfang des Juni und die älteste Ordensschwester Perpetua hatte eben nach einer längern Unterredung das edle Fräulein verlassen . Die frommen Frauen von Cazis hegten schon längst einen Herzenswunsch . Das Amt ihrer Priorin war während langer Kriegsjahre unbesetzt geblieben und sie sehnten sich danach , daß es endlich wieder würdig bekleidet und geehrt werde von einem bei Gott und Menschen angesehenen Sprößlinge einer großen Familie . Wen konnten die Heiligen dazu auserwählt haben , wenn nicht die im Tale aufgewachsene und begüterte Lucretia Planta ! Das Kloster hatte den Planta schon aus den Zeiten vor der Reformation manche Schenkung zu verdanken . Nun waren mehrere Glieder der berühmten Familie , voran Herr Pompejus , in den Schoß der alleinseligmachenden Kirche zurückgekehrt ; dieser edle Herr aber hatte ohne letzte Wegzehrung einen bösen jähen Tod erlitten . – Was war natürlicher und christlicher als daß seine vereinsamte Tochter den Schleier nehme , um für das Heil seiner Seele zu beten und das Kloster in diesen möglicherweise noch nicht so bald endenden schlimmen Zeiten mit ihrem edeln Namen zu schirmen , es mit ihrem Erbe zu bereichern . Die Zurückgabe ihrer väterlichen Güter , von welcher wegen der Planta Landesverrat und Mitschuld am Veltlinermorde selbst zur Zeit der Unterjochung durch die Spanier nicht die Rede sein konnte , stand jetzt in naher Aussicht , sonderbarerweise durch die Vermittelung des Obersten Georg Jenatsch . Die Taten des jetzt im Veltlin unter Herzog Rohan fechtenden Scharanser Pfarrsohns gingen in seinem Heimatstale von Mund zu Munde und sein Ruhm im ganzen Lande stieg täglich . Zu dieser Fürsprache hatte den Obersten Jenatsch wohl ein nagender Gewissensbiß getrieben , oder wenn sie einen weltlichen , dem Verstande der Frauen von Cazis undurchdringlichen Grund hatte , so wußte Gott von jeher auch die Gedanken der Bösen zu seinen Zwecken zu biegen . Daß aber das edle Fräulein in Cazis eine bleibende Stätte finde und als Priorin die verlassene Herde weide , das war offenbar die Meinung des heiligen Dominikus selber , dessen Regel das Haus befolgte . Lucretia hatte schon im Kloster zu Monza sein himmlisches Wohlgefallen auf sich gezogen . Damals hatten kaiserliche Kriegsbanden die Kirche zu Cazis geplündert und darin so unchristlich gehaust , daß , wie Perpetua dem Fräulein schrieb , von der heiligen Muttergottes nichts als das nackte Holz zurückblieb . Das junge Mädchen hatte dann in der Schule der geschickten italienischen Nonnen ein kostbares Kleid für die beraubte heimische Gottesmutter gestickt und bald Gelegenheit gefunden , es durch den herzhaften und wanderlustigen Pater Pancraz an seine Bestimmung gelangen zu lassen . Seither hatte der heilige Dominikus der unwürdigen Schwester Perpetua seinen Wunsch und Willen in wiederholten Erscheinungen kundgetan . Am deutlichsten und wunderbarsten aber war dieses in der verwichenen Nacht geschehen . Die betrübte Ordensschwester hatte in gottbegnadetem Traume die öde Zelle der Priorin betreten und dort plötzlich Lucretia erblickt , wie sie leibte und lebte , doch mit demütigem Angesichte und gesenkten Augen . Neben ihr aber stand St. Dominikus selbst im Glanze des Himmels und seiner schneeweißen Kutte , der ihr einen Lilienstengel überreichte . Der Träumenden war alsdann vorgekommen , als lege sich ein Abglanz seines Heiligenscheins um Lucretias erwähltes Haupt . Die Schwester öffnete die Augen voller Freude und durchdrungen von dem Gefühle , daß sie diese Offenbarung nicht für sich behalten dürfe . So war sie denn gekommen das Gesicht Lucretia mitzuteilen und mit ihr dessen Bedeutung zu besprechen . Der Eindruck des Traumbildes auf das Fräulein war indessen weniger erfreulich und überzeugend gewesen , als die Nonne gehofft , und sie hatte sich darauf lange bemüht zu ergründen , welche Wurzeln der Weltlust oder der Weltsorge das Fräulein immer noch draußen zurückhielten , denn dieses sprach von dem Kloster , trotz seines Wohlwollens für dasselbe , nur als von seiner einstweiligen Herberge . An irdischem Besitz schien Lucretias Herz nicht zu hangen , noch weniger an irdischer Liebe ; denn einige bescheidene Klosterscherze , die sich Schwester Perpetua einzig in der Absicht das Fräulein zu erforschen in dieser Richtung erlaubte , wurden mit stolzem Lächeln abgewiesen . Noch eine Möglichkeit hatte die Schwester beunruhigt : Lucretia wolle in der Welt bleiben , bis sie einen würdigen Bluträcher finde , der nach altem Landesbrauche den Tod ihres grausam