sei es für ’ s ganze Leben . Für die Anwesenden war das ein hübsches Bild , eine selbstverständliche , harmlose Gruppe . Der Vormund umarmte stolz und hingerissen seine Mündel , das ihm anvertraute Kind seines Schwiegervaters . Nur Henriettens bleiches Gesicht war sehr rot geworden ; sie lächelte so eigenthümlich . Doktor Bruck neben ihr sah nach seiner Uhr , dann reichte er Henriette verstohlen die Hand und benutzte die allgemeine Aufregung , um sich unbemerkt zu entfernen . 10. Seit dem Gesellschaftsabend war eine Woche verstrichen ; „ eine entsetzlich fatiguirende Woche ! “ seufzte erschöpft die Präsidentin und schalt gleich darauf nachdrücklich und energisch ihre Schneiderin , daß sie die Toilette zu dem achten dieser ermüdenden Tage nicht elegant genug arrangiert habe , daß die Schleppe absolut zu kurz , die Spitzen nicht breit genug , die Stoffe allzu leicht seien . Es waren mehrere große Damenthee ’ s und Kaffeegesellschaften in den höchsten Kreisen zu bewältigen gewesen ; außerdem hatte Flora zu lebenden Bildern , die bei einem kleinen Hoffest gestellt wurden , die Verse machen und sprechen müssen , „ man war kaum zu Athem gekommen . “ Henriette mußte aus Rücksicht auf ihr verschlimmertes Kranksein dieses aufregende Treiben streng meiden , und Käthe blieb , obgleich sie stets sehr freundlich mit eingeladen wurde , konsequent bei ihr zu Hause . Dann tranken sie den Thee allein im Musikzimmer , und Käthe erzählte Schnurren und spielte unermüdlich Clavier , um Henriettens Trübsinn zu verscheuchen . So scharf auch die Urtheilskraft der Kranken war , so tief sie auch das Oberflächliche , die wehende Kühle in dem gesellschaftlichen Leben und Treiben empfand , sie war und blieb doch das Kind der vornehmen Welt ; sie war im Salon , unter den aristokratischen Freunden der Großmama aufgewachsen , und so sagte sie oft bitter lächelnd , wenn zur Thee- oder Theaterstunde das Getöse der rollenden Wagen von der Stadt fern herüberscholl , ihr sei zu Mute , wie einem invaliden Streitroß , das , lahm und schwach , beim Signal die Ohren spitze und um Alles gern mitlaufen möchte . Blendend wie eine Fee schwebte Flora abschiednehmend durch das Musikzimmer . Sie hatte meist eine Unmutsfalte zwischen den Brauen und ein Spottlächeln auf den Lippen , das den jugendlich knappen Toiletten der Großmama galt ; sie beklagte die verlorene kostbare Zeit , aber sie warf den schützenden Schleier über die blumengeschmückten Locken , nahm die Schleppe auf und ging , um draußen den wartenden Wagen zu besteigen und – „ sich zu opfern “ . Der Kommerzienrat war vor sechs Tagen in Geschäften nach Berlin gereist . Er schrieb täglich an die Präsidentin „ wahrhaft goldtrunkene Briefe “ , sagte sie bedeutungsvoll lächelnd . Vorgestern aber waren prachtvolle Bouquets an die drei Schwägerinnen gekommen , und da hatte die Frau Präsidentin nicht gelacht . Für Flora und Henriette hatte der galante Schwager Kamellien und Veilchen binden lassen , Käthe ’ s Rosenstrauch dagegen strotzte von Orangenblüthen und Myrthe . Der Präsidentin wäre wahrscheinlich die zarte Sprache aus der Ferne entgangen ; sie nahm achtlos die Bouquets aus der Kiste und war eben im Begriff , die zwei für Henriette und Käthe bestimmten hinaufzuschicken , als Flora , sich schüttelnd vor Lachen , mit dem Finger auf das ausdrucksvolle Blumenarrangement zeigte . Da wurde das Gesicht der alten Dame lang und fahl , wie noch nie in ihrem ganzen , langen Leben . „ Aber , Großmama , hast Du denn wirklich geglaubt , Moritz werde sich den Adel mit solchen Unsummen erkaufen , um dann sein Geschlecht aussterben zu lassen ? “ rief Flora in ihrer übermüthigen , frivolen Scherzweise . „ Du hättest doch wissen müssen , daß ein Mann wie er , noch ziemlich jung , reich und stattlich , nicht zeitlebens Witwer bleiben wird ! Und er freit nicht vergeblich um Käthe – das weiß ich am besten . “ Mit diesem kleinen Zwischenfall trat plötzlich ein Spukwesen in der Villa Baumgarten auf . Käthe ahnte sein Dasein nicht ; sie hatte die auf Draht gebundenen Blumen mit frischem Wasser bespritzt , um sie nicht so rasch verschmachten zu lassen , und das Bouquet auf das Fensterbrett gestellt , ohne die bedeutungsvolle Blumenschrift verstanden zu haben . Durch die Gemächer der Präsidentin aber wandelte die graue dräuende Gestalt ; sie verdüsterte den Glanz der vielfach beneideten Seidensammt-Möbel , der Goldbronzen und der unschätzbaren Meißner Porzellangarnitur ; sie saß im Wintergarten auf dem Lieblingsplatz der Präsidentin und vergällte ihr den Genuß an Allem , was ihr das Leben schmückte . Die alte Dame sorgte um ihre Zukunft , als habe sie erst die Hälfte ihres Lebens hinter sich ; der Kommerzienrat durfte sich nicht wieder verheirathen ; er war ihr das schuldig . Sie hatte ihn durch ihre Konnexionen , ihren gesellschaftlichen Einfluß erst zu dem gemacht , was er geworden war ; sie hatte mit ihrem unvergleichlichen Geschmack sein Haus zu einem kleinen Schloß umgestaltet , das selbst den verwöhntesten Hofleuten imponierte , und war es ihrerseits nicht ein bedeutendes Opfer , ein Act der Selbstüberwindung gewesen , mit welchem sie sich an die Spitze seines damals noch ziemlich simplen , bürgerlichen Hauswesens gestellt ? Und nun , als sich Alles so gefügt , wie sie gewünscht und unablässig erstrebt hatte , nun sollte es plötzlich eine junge Frau von Römer geben , die hier unten in den prachtvollen Räumen empfing – und wer die Frau Präsidentin Urach sehen wollte , der mußte hinaufsteigen in „ das Auszugsstübchen “ , das man „ der Großmama “ eingeräumt . Nicht einmal Flora , das Kind ihrer eigenen Tochter , hätte sie an dieser Stelle sehen mögen , geschweige denn die Enkelin des Schloßmüllers . Die Frau Präsidentin sprach mit einem Mal sehr interessiert von Käthe ’ s Heim in Dresden ; sie zeigte sich so besorgt , daß das wundervolle musikalische Talent vier Wochen lang brach liegen müsse , und ging mit der Idee