der andern über das fahle Gesicht jagte ? Er lehnte wiederholt , als überkomme ihn eine Schwäche , den Kopf mit zugesunkenen Lidern an die Stuhllehne zurück , und als ihm der Hofprediger betroffen näher trat , da breitete er die Hand über das Bild , als wolle er ihm den Anblick vorenthalten . Die junge Frau hatte den tiefen Eindruck , den sie im indischen Hause empfangen , auf dem Papier fixiert , allerdings in etwas idealisierter Weise . » Die Lotosblume « lag nicht auf dem Rohrbette , dem Marterroste , an den sie die Lähmung seit dreizehn Jahren schmiedete – in schwellendes , samtweiches Rasengrün schmiegte sich der zarte Frauenleib , dem der Stift die elastischen Formen der Jugend zurückgegeben hatte . Das war die Bajadere aus Benares , wie sie der deutsche Edelmann über das Meer gebracht hatte . Den Oberkörper halb aufgerichtet , stützte sie den Kopf in die Hand . Angereihte Goldmünzen lagen verstreut über Stirn und Scheitel und hingen neben den langen schwarzen Flechten auf den Busen nieder , auf das goldgesäumte purpurseidene Jäckchen , das nur die Schultern und einen kurzen Teil der Oberarme deckte ; die gewaltigen zerfransten Blätter einer Musa warfen einen günstigen Halbschatten über die liegende Gestalt , während im fernen Hintergrunde das Sonnenlicht auf der Marmortreppe des Hindutempels in dem leichtbewegten Teichwasser glitzerte ... In Wasserfarben ausgeführt , war die Zeichnung , besonders in der Staffage , fast skizzenhaft hingeworfen – man sah , sie wurde aus der Hand gegeben , ohne ganz vollendet zu sein ; aber in den Linien lag die geniale Sicherheit des Meisters . Der Kopf mit den schwermütig dämmernden Augen in dem dämonisch schönen , schmalen Gesichte , die Art und Weise , wie sich die nackten , an den Knöcheln goldberingten Füßchen in den Rasen drückten , so daß einzelne Halme darüber hinschwankten , die unnachahmlich graziöse Biegung der Taille und Hüften unter den weichen Falten des Bajaderenschleiers – das alles war sorgfältig , mit großer Freiheit und doch kräftig ausgeführt und machte das Bild in der That zu einem Kunstwerke , das der Hofmarschall eben noch so sehr angezweifelt hatte . Er gewann übrigens ziemlich rasch seine Fassung wieder . » Ei , sie da – selbst diese junge Frau mit der passiven , kalten Außenseite hat ihre ganz beträchtliche Dosis weiblicher Neugier , die sie daheim in den Familienarchiven und hier im indischen Garten › das Pikante ‹ unseres Hauses aufstöbern läßt , « sagte er beißend . » Sie haben sich ja meisterhaft in die vergangenen Zeiten zu versetzen gewußt – das läßt auf peinlich sorgfältige Studien schließen . Aus eben diesem Grunde aber werden Sie auch begreifen , daß dieses Bild die Mauern von Schönwerth nie verlassen darf . Daß wir Narren wären und ein Stück Schande unseres Hauses – es sei leider gesagt – noch einmal an die große Glocke der Oeffentlichkeit schlagen ließen , und zwar durch eine Frau , die unter dem Vorwande töchterlicher Liebe und Aufopferung als Künstlerin in der Welt brillieren möchte ! ... Meine Liebe , das Bild bleibt in meinen Händen – ich werde der Frau Gräfin Trachenberg so viel Geld zur Badereise schicken , wie sie wünscht . « » Ich danke , Herr Hofmarschall – ich protestiere im Namen meiner Mutter , « rief Liane zum erstenmal mit leidenschaftlicher Heftigkeit . » Sie wird stolz genug sein , lieber zu Hause zu bleiben . « Der Hofmarschall stieß ein schallendes Gelächter aus . Er erhob sich mühsam , schloß einen der Raritätenkästen auf und nahm ein kleines rosenfarbenes Billet heraus , das er entfaltete und ihr hinhielt . » Meine Gnädigste , lesen Sie diese Zeilen und überzeugen Sie sich , daß eine Frau , die einen ehemaligen Anbeter um viertausend Thaler Darlehen zur Tilgung heimlicher Spielschulden bittet , ganz sicher nicht so penibel ist , seine wohlmeinende Freundeshand mit der Unterstützung zu einer heißgewünschten Badereise zurückzuweisen ... Sie hat damals die Viertausend mit glühender Dankbarkeit entgegengenommen , deren Zurückgabe dann leider – der Konkurs verhindert hat . « Automatenhaft , mit versagenden Blicken , ergriff die junge Frau das kompromittierende Papier und schwankte seitwärts nach dem Fenster . Sie konnte und wollte sie ja nicht lesen , die wohlbekannten unschönen Züge von mütterlicher Hand – schon die Aufschrift » mon cher ami « traf sie wie ein Messerstich – sie wollte nur für einen Moment den Augen der zwei Herren entrückt sein und trat in die Nische ; aber erschrocken fuhr sie zurück . Der Fensterflügel war geöffnet , und da draußen auf der Freitreppe , mit dem Rücken nach dem Hause und die Hände auf das Steingeländer gestemmt , keine zwei Schritte von ihr entfernt , stand Mainau unbeweglich – von allem , was im Salon vorgefallen war , konnte ihm kein Wort , auch nicht die leiseste Silbe verloren gegangen sein . Hatte er wirklich den ganzen Wortwechsel mit angehört und sie mit ihrem heimtückischen Gegner allein ringen lassen , dann war er ein Elender . Sie war ja himmelweit entfernt , Liebe von ihm zu heischen , aber den ritterlichen Schutz durfte er ihr nicht versagen , den gewährte ja auch ein Bruder der Schwester . » Eh – geben Sie mir das Papier zurück , kleine Frau ! « rief der Hofmarschall herüber – er mochte fürchten , sie werde es in die Tasche stecken , weil sie unwillkürlich die Hand sinken ließ . » Für Sie , in Ihrer Oppositionslust , muß man einen Dämpfer in den Händen haben – Sie sind eine nicht zu unterschätzende Gegnerin – ich habe Sie heute kennen gelernt ; es steckt Nerv und Rasse in Ihnen – Sie haben mehr Geist , als Sie zu verraten wünschen ... Bitte , bitte , geben Sie mir mein allerliebstes , kleines , rosenfarbenes Briefchen ! « Sie reichte ihm den Brief hin ; er ergriff ihn hastig , um ihn wieder im Kasten zu verschließen . In dem Augenblick