eine schwere Lebensaufgabe wirklich heldenhaft und mutig auf ihre Schultern genommen hatte , sie konnte kein Blut sehen , sie ließ ihr Opfer im Stiche ! ... Er fühlte , daß die Verletzung keine besonders schlimme war , und der kleine Aderlaß konnte ihm nicht schaden – rollte ihm ja doch seit Tagen das Blut so heiß und ungestüm durch die Adern , wie in der schlimmsten Fieberkrankheit , und verwirrte und verdunkelte ihm die Seele ... Schämen mußte er sich ! Er verdiente von seinen Freunden grausam verhöhnt und verspottet zu werden . Hätten sie ihn nur jetzt sehen können , das Urbild des heimgeschickten dummen Jungen ! – An das homerische Gelächter durfte er nicht denken , ohne daß sich ihm die Rechte zur Faust ballte ! – Und mit der Verachtung , in die er sich gehüllt , war es auch nichts gewesen – du lieber Gott , was für ein kläglicher Notbehelf ! Beim ersten Aufblick der verweinten Mädchenaugen war von dieser stolzen Verachtung nichts mehr vorhanden ! ... Und der frische Humor , mit welchem er sich sonst alle Bedrängnisse sofort von Leib und Seele zu schütteln pflegte , er verfing diesmal auch nicht – er brachte es nicht einmal bis zum Galgenhumor . Wie er so dahin ging – den Garten hatte auch er sofort verlassen – auf dem einsamen Weg am Fichtenhölzchen , wo ihn kein menschlicher Blick traf , wo es so still war und die jungen , schaukelnden Triebe der Nadelzweige weich und kühlend über seine entblößte , heiße Stirn glitten , da rang er mächtig mit sich und den Gefühlen schmerzlichster Enttäuschung ... Er hatte einen Augenblick innerlich aufgejubelt , als breche plötzlich der volle Sonnenglanz eines grenzenlosen Glückes über ihn herein – das Mädchen war schuldlos , war frei , kein anderer hatte ein Anrecht auf sie , sie hatte es unwiderleglich bewiesen ; aber was half ihm das ? Er hatte sich ebenso überzeugen müssen , daß auch er keine Aussicht habe , sie zu besitzen ; da half kein Beschönigen , kein Vertrösten auf später , und wie alle diese Vorflunkereien der trügerischen Hoffnung lauten mögen – das Mädchen wollte nichts von ihm wissen , das sagte ihm sein eigener grundehrlicher , gerader Sinn , und da hieß es , mannhaft kämpfen , auf daß » das bißchen Selbstachtung « nicht auch noch verloren gehe ... 14. Im Gartenhausstübchen war es drückend schwül . Es hatte längere Zeit nicht geregnet ; Tag für Tag war die Sonne am wolkenlosen , strahlend blauen Himmel auf- und untergegangen und hatte allmählich alles durchglüht , Dächer und Wände , Waldwipfel und Dickicht , und die Fruchtfelder bis in das Mark hinein . Herr Markus meinte , daß Frau Griebel recht habe , wenn sie , höchst unpoetisch zwar , aber desto erboster sagte , solch ein blauer Himmel zur Unzeit , der , » eine Ewigkeit lang « , kein einziges gesegnetes Wölkchen aufkommen lasse , käme ihr gerade vor wie ein boshaftes Gesicht , das sich über die armen Geschöpfe auf Gottes Erdboden lustig mache ... Ihm war auch , als ob ihm diese zehrende Glut , unter welcher sich bereits die fruchtschweren Halme schlaff neigten und Blatt und Blüte die erste leichte Krümmung des beginnenden Verschmachtens annahmen , durch Poren und Nerven in die innerste Seele dringe , als höre auch er ringsum ein schadenfrohes Gekicher über die armseligen , machtlosen » Geschöpfe auf Gottes Erdboden « , die ihr Schicksal auf sich nehmen müssen , wie es kommt , gleichviel , ob sie sich wild aufbäumen oder schmerzvoll trauern . – Seine Hand brannte , und es war gut , daß er unter anderem auch eine Flasche mit frischem Wasser und Waschgerät in sein kleines Heim gestiftet hatte – nun brauchte er nicht in das Gutshaus zu gehen und Frau Griebel in die Hände zu laufen , was ihm durchaus nicht wünschenswert war ; aber er entging seinem Schicksal trotzdem nicht . – Gerade in dem Augenblick , wo er die Hand in das Wasserbad tauchte , kam die brave Dicke pustend und schwitzend das Gartentreppchen herauf , um » von wegen des Nachmittagskaffees « zu sehen , ob er da sei . Sie war nicht die Frau , die viel Federlesens mit einem » Schnitt ins Fleisch « machte . Sie schüttelte nur den Kopf bei der Bemerkung des Gutsherrn , daß er sich mit dem Taschenmesser verwundet habe , und sagte in ihrer trockenen Weise : » Wie Sie das fertiggebracht haben , Herr Markus , das ist mir wirklich unbegreiflich . Wenn ' s noch der Daumen oder Zeigefinger wäre , da ließe ich mir den Spaß gefallen – aber in den Ballen ? ! « – Die Schlußfolgerung : » Sie müssen doch recht ungeschickt gewesen sein ! « verschluckte sie sichtlich mit Mühe ... Dann ging sie fort , um altes , weiches Leinen und Arnika zu holen ; aber Herr Markus müsse Geduld haben und einstweilen im Wasser bleiben , bis sie nach dem Zeug gesucht habe – altes Leinen sei nicht nur so bei der Hand , und wo die Arnika sich befinde , wisse sie im Augenblick auch nicht ; man habe , Gott sei Dank , dergleichen seit Menschengedenken nicht gebraucht . Nun war es wieder still im Stübchen . Die Tür nach dem Altan war weit offen geblieben ; da blies dann und wann ein träger Hauch herein , ohne die Luft abzukühlen . Herr Markus sah im Ecksofa , und vor ihm lag ein kleines Reisebesteck , aus dem er ein Stück Heftpflaster entnommen – er wollte kurzen Prozeß machen , um Frau Griebels drohendem Verbinden der Wunde vorzubeugen – aber das hatte er nun schon wieder vergessen . Die Stirn in die Linke vergraben und die Augen geschlossen , war er wieder im Vorwerkgarten , und das schöne , angstvolle , tödlich erblaßte Gesicht war ihm nahe , als könne er den Hauch des Mundes