erziehen . Und wäre es mir nicht um Gretchen , so wiese ich Dich einfach aus meinem Hause — so aber . . . “ Bertha stutzte . „ Ja , so — daran dachte ich nicht — Gretchen ! “ „ Daß ich meine Tochter nicht hergeben werde , kannst Du dir denken , “ fuhr Leuthold fort und versank in den Anblick des schönen Geschöpfes , das auf dem Teppich saß und eine Menge unverständlicher Worte heraussprudelte . „ Sie ist der ganze Inhalt meines verarmten , verpfuschten Lebens , — meine letzten Hoffnungen ruhen auf ihrem lockigen Köpfchen — ich werde sie nie und nimmer von mir lassen ! Das Gesetz spricht sie Dir zu , wenn ich den Grund zur Scheidung gebe — Du siehst also ein , daß ich nicht den Anfang machen kann . Willigst Du aber in eine Trennung und überläßt mir Gretchen , so steht Deinem Abzuge aus meinem Hause nichts im Wege . Überlege Dir das . “ Bertha fragte kleinlaut auf den Teppich niederkniend : „ Gretel , soll Deine Mama fortgehen ? “ Das Kind , dessen Händchen noch aufgeschwollen waren , gedachte seiner Schläge zu gut , um sich eine Liebkosung abgewinnen zu lassen , und flüchtete , so schnell es konnte , zu den Füßen des Vaters . „ Es hat gewählt ! “ sagte Leuthold und nahm es auf den Arm . „ Natürlich , Du bist auch gewissenlos genug , mir mein eigen Fleisch und Blut abwendig zu machen , “ klagte Bertha . „ Was soll ich nun tun ? Von dem Kinde mag ich nicht fort und bei Dir mag ich nicht bleiben , — was soll ich nun tun ? “ Sie ging händeringend und schweren Schrittes im Zimmer auf und ab . Leuthold war mit Gretchen an das Fenster getreten und schaute mit bitter zusammengepreßten Lippen der breitschultrigen Gestalt des alten Heim nach , der rüstig über den Hof schritt . Ein Blitz des tödlichsten Hasses zuckte aus seinen Augen auf den Feind nieder , aber er traf nicht , und mit einem tiefen Seufzer lehnte Leuthold die feuchte Stirn an die Scheiben und sah zu , wie Heim sich mit dem heitersten Gesicht in den Wagen warf und noch behaglich vor der Abfahrt eine Prise nahm . Der Knecht kletterte schwerfällig auf den Bock und suchte Zügel und Peitsche zusammen ; die Pferde griffen aus , die Hühner flogen gackernd auseinander , ihr alter Freund , der Kettenhund , fuhr bellend aus seiner Hütte und die altmodische Kutsche des Hartwich ’ schen Hauses rasselte schnell von dannen . Wie nach großen Aufregungen die ermüdete Seele oft sklavisch der Tätigkeit der Sinne folgt , so hatte Leuthold in seinem Elend auf das Genaueste diesen an sich so geringfügigen Vorgang beobachtet . „ Der ist glücklich ! “ dachte er und schaute dem Federvieh zu , wie es die Haferkörnchen aufpickte , die den , vom Fressen geholten Pferden vom Maule gefallen waren . „ Glücklich der , dem es gegeben ist , sich beliebt zu machen , — die Menschen folgen seinen Spuren , wie das Getier da unten den Geleisen von Heims Wagen . Ist es ein Verdienst , das ihm alle Herzen gewinnt ? Pah , Unsinn — es ist ein Talent — und zwar eines , das seinem Besitzer am Meisten zu Gute kommt . Diese sogenannten Wohltäter der Menschen werden doch immer selbst am fettesten bei ihrem Geschäft ; wer ahmte ihnen nicht gerne nach , wenn er nur könnte ? Aber wem es nicht angeboren ist , der kann es nicht , Begabung ist Alles ! Der Eine kommt zur Welt mit den Eigenschaften , die ihn der menschlichen Gesellschaft angenehm und nützlich machen , der Andere mit Trieben , die ihn zum Gegenstand des Schreckens stempeln ! Was kann der Schoßhund dafür , daß ihn sein liebenswürdiges Naturell berechtigt , auf seidenem Kissen seine leckere Mahzeit einzunehmen , und was der Fuchs , daß er es nicht versteht , sich einzuschmeicheln , und sein armes Leben durch Raub und Diebstahl stiften muß ? Wer will ihm einen Vorwurf daraus machen ? Es liegt einmal in der Art , — und wir Menschen haben Alles mit den Tieren gemein , — warum nicht auch die Eigentümlichkeiten ihrer verschiedenen Arten ? Auch unter uns gibt es Schoßhunde , Füchse und Wölfe , Schmeichelkätzchen und Tiger ! Wie wir uns da ­ gegen wehren und von freier Selbstbestimmung faseln : die Art ist das allein Bestimmende — was kann ich dafür , daß ich zu der des Fuchses gehöre ? Ein Tor , der nach Moral in diesem blinden Treiben fragt ! Die Tätigkeit der Natur besteht in ewigem Schaffen , Vernichten und aus dem Vernichteten Wiederschaffen : Pflanzen , Tiere und Menschen , sie sind nur die Vollstrecker ihres Willens , die Werkzeuge ihrer geheimen Kräfte , erzeugender und zerstörender , oder wie der Moralist sie bezeichnet : guter und böser ! Was aber nennen wir gut ? Was uns nützt ! Was böse ? Was uns schadet ! Und diese engherzige , egoistische Moral soll uns absoluter Maßstab sein ? O welche Torheit ! Erzeugende und zerstörende Kräfte , sind sie nicht gleichberechtigte , gleich notwendige Faktoren in dem großen Haushalte der Natur ? Und sollten sie , die in den unbewußten Wesen so mächtig wirken , sollten sie im Menschen , der die zum Bewußtsein ge ­ kommene Natur darstellt , — ersterben ? Sollte unser armseliges zusammengeklügeltes Sittengesetz vermocht haben , uns von dem starken Bande loszureißen , das uns in die allgemeine Ordnung reiht ? Nein wahrlich , es ist elender Hochmut , das zu fordern . Die Natur hat keine Gattung hervorgebracht , ohne ihr in einer andern ihren Feind zu schaffen , in der menschlichen Gesellschaft wie in der Tier- und Pflanzenwelt . Die Schmarotzerpflanze , die ihrem Wirte die Nahrung entzieht , das Insekt , das seine Eier in dem