war gut gewesen , das Glück macht so gut . Und nun ? Und jetzt ? Der Wagen rollte schnell den Berg hinunter dem Hause zu , und nun hielt er . In halber Betäubung stieg sie aus und stand im Regen auf der Verandatreppe . Es war ihr , als sei sie zum ersten Male hier . Die kleinen Fenster , die alten grauen Mauern mit dem spitzen Dach – wie häßlich , wie fremd ! Die Blütenpracht des Gartens verregnet ; verflogen der Zauber , den Liebe gibt ; kahle , nüchterne , traurige Wirklichkeit ! Und auf des Hauses Schwelle hockte der Dämon des Eigennutzes , der Berechnung . Sie schritt durch den Gartensaal , die Treppe hinan und nach ihrem Zimmer . Auf dem Korridor kam Johanne ihr entgegen . 168 » Der Herr sind gleich nach dem Frühstück mit dem Wagen fort « , berichtete sie ; » der Herr haben einen Zettel auf den Nähtisch der gnädigen Frau gelegt . » Ich habe Kopfschmerzen , Johanne , stör mich nicht weiter « , sagte sie tonlos . In ihrem Zimmer angekommen , riegelte sie zuerst die Tür hinter sich zu , dann die zu seinem Zimmer . Und nun las sie den Zettel : » Das Barometer ist gestiegen , der Amtsrichter will partout auf den Brocken . Ich begleite ihn bis Il . , habe dort zu tun und hoffe nicht allzuspät zurück zu sein . Dein Franz . « Und unten ein Postskript des Gastes : » Zürnen Sie nicht , gnädige Frau , ich gehöre zu denen , die einen Berg nicht sehen können , ohne das dringende Bedürfnis zu fühlen , hinaufzukraxeln . Ich nehme den Brocken zuerst , um bei wiederkehrendem schönen Wetter mit Ruhe seinen Anblick von meinem Fenster aus ertragen zu können . Den Franz schicke ich Ihnen wohlbehalten wieder heim . « Gott sei Dank , er kam nicht so bald ! – Aber was nun ? Sie saß regungslos an ihrem Nähtischchen und starrte in den Garten hinaus , ohne dort etwas zu sehen . Stunde um Stunde verrann . Ein paarmal fuhr sie mit der Hand über die Augen – sie blieben trocken und brennend , und um den Mund lag ein starker Zug von Verachtung . 169 Gegen Abend klinkte es an der Tür . Sie wandte den Kopf nicht herum . » Gnädige Frau ! « rief die Dienerin . Keine Antwort , und die Schritte draußen entfernten sich . Trudchen Linden stand jetzt auf und ging zum Schreibtisch . Ruhig öffnete sie die hübsche Ledermappe , rückte einen Stuhl heran , ergriff die Feder und setzte sich zum Schreiben . Sie hatte lange genug überlegt , ohne zu stocken kamen die Worte aus ihrer Feder : » Ich will Onkel Heinrich bitten , daß er Dir alles in schonender Weise mitteilt . Ich selbst könnte nicht ruhig darüber sprechen – es ist die schmerzlichste Enttäuschung meines Lebens . Ich bitte Dich vorläufig nur , meiner Erklärung , daß ich auf einige Zeit aus Gesundheitsrücksichten irgendwo zurückgezogen leben müsse , beizustimmen . Es wird nicht lange Zeit brauchen zu einer Entscheidung . Gertrud . « Sie siegelte das Schreiben und trug es in das Zimmer ihres Mannes , auf den Schreibtisch . Das Päckchen Gedichte legte sie daneben , ebenso das Notizbuch . Was sollte sie damit ? Das Dichten galt nicht ihr – es war eine leidige Angewohnheit von ihm , das hatte erst gestern der Amtsrichter verraten . Es war hier als passendes Mittel angewendet , um die Täuschung vollkommen zu machen . Einer , der zarte Verse schreibt und dabei heimlich den Agenten um die Mitgift befragt – eine tolle 170 Zusammenstellung , komisch-tragisch , ein Lustspielmotiv , und sie die lächerliche Heldin ! Das Fragment des schrecklichen Briefes behielt sie zurück . Dann schrieb sie ein Billett an ihre Mutter , eins an Onkel Heinrich , nahm die Uhr aus dem Täschchen und griff zum Kursbuch . Wohin ? Der Berliner Schnellzug , der alle Verbindung in die weite Welt hinaus vermittelte , war nicht mehr zu erreichen . Also warten , bis morgen – . Und dann ? Irgendwohin – allein sein , nur allein ! Nur nicht mit Mama und Jenny zusammen , nur weit fort von hier ! Sie sprang plötzlich auf mit erschrecktem Gesicht , sie hatte eine Stimme gehört , seine Stimme . » Ist meine Frau zurück ? « Dann ein lustiges Pfeifen , ein paar Takte aus dem Boccaccio-Marsch – und eilige Schritte vom Korridor herauf . Nun drückte seine Hand auf die Klinke – . Verschlossen ! » Trudchen ! « rief er . Sie stand mitten im Zimmer , die Lippen zusammengepreßt , starr die Augen . Aber sie rührte sich nicht . Er nahm nicht an , daß sie drinnen war ; ruhig ging er in sein Zimmer . Sie hörte , wie er die Tür der Schlafstube öffnete . » Trudchen ? « klang es fragend . Nun wieder in seinem Zimmer . Er sprach mit dem Hunde , pfiff wieder ein paar Takte , schritt hin und her und nun blieb er stehen – jetzt riß ein Papier – jetzt las er . 171 » Gertrud ! Gertrud , ich weiß , du bist in dem Zimmer ! Öffne ! « Es klang ruhig und freundlich , aber sie verharrte wie zu Stein geworden auf ihrem Platze . » Ich bitte , öffne ! « scholl es jetzt befehlend . » Nein ! « antwortete sie laut und richtete sich empor . » Du bist in einem grenzenlosen Irrtum ! Man hat dir irgend etwas vorgeredet – laß mich doch mit dir sprechen , Kind ! « Sie kam einen Schritt näher . » Ich kann nicht ! « sagte sie . » Ich bitte dringend darum . Man hört doch auch einen Verbrecher , ehe man ihn verurteilt ! « » Nein ! « erklärte