sie künftig leben sollte , schlug die Augen nieder und lispelte ein verschämtes » Ja ! « , wie es dazumal comme il faut war . Glücklich war die Ehe nicht geworden . Der » selige Schumann « , trotzdem er mitten in der schönen Literatur saß , war entsetzlich materiell und geradezu gewesen und hatte absolut kein Verständnis für den himmelblauen Idealismus seiner jungen Frau . Blandine 164 litt klaglos , wie sie allen versicherte , stopfte seine zerrissenen Socken und ertrug schweigend die Zornausbrüche über angebrannte Saubohnen mit Speck , die , entsetzlich genug ! sein Lieblingsgericht ausmachten . Die Nachbarn liefen mitunter zusammen , so blitzte und donnerte es bei Bibliothekars , und oftmals fanden sie die junge Frau vor der Haustüre stehend , die sie nicht wieder zu öffnen wagte , nachdem sie geflüchtet war , und lachten sich heimlich schief ob deren poetischer Klage über den » rauhen Gatten , der die Harmonie ihrer Seele trübe « , denn so sprach sie ungefähr . Es wurde erst friedlicher , als ein Sohn geboren ward . Gelegentlich der Taufe kam der letzte große Krach . Blandine wollte ihn Leontes nennen und der Vater bestand auf Christian , ausgesprochen : » Krischan « . Auch hier mußte sie der rohen Gewalt weichen . Der » selige Schumann « aber fand schließlich zum allgemeinen Besten und weil er es satt hatte , angebrannte Saubohnen zu essen , einen Ausweg : er nahm seine alte Schwester wieder ins Haus , welche die Wirtschaft führen mußte , und Blandine wurde lediglich für das Geschäft verwandt , allwo sie stets mit dem kleinen Krischan zu finden war , der Ehegemahl höchstselbst ergab sich dem Studium der heimischen Bierbrauereien . Hier im Laden pries sie mit gewählten Worten ihre Bücher an , und Fremdwörter waren ihre schwache Seite . Ihre Sentimentalität wirkte hochkomisch , so daß es an Lesekunden nicht fehlte . Zahllose Histörchen gab es von ihr : so hatte sie eines Sommerabends in den Flitterwochen mit ihrem Gatten vor der Haustür gesessen , als hinter den Giebeln des alten Schlosses der Mond aufstieg . und sollte sich an ihn lehnend schwärmerisch gehaucht haben : » Geliebter , sieh wie Luna droben lächelt ! « Und er hatte gegähnt und die schnöden Worte gesprochen : » Ach , lat em lachen ! « Sie sprach auch von » Joethens Ephijenige « und Scotts » Quentchen Dhorwart « . Die » Beinkleider « des Herrn von Bredow gab sie nur unter holdem Erröten , selbst noch als sie bereits eine ältere Frau war . Keine Macht der Erde hätte sie dahin gebracht , dieses Buch zu lesen ; sie war überzeugt , es sei » uneßtheetisch « . Dagegen schwärmte sie für Werther , für die schwülstige Erzählungsart eines Miller , dessen » Siegwart « ihr 165 Tränen erpreßte , und diesen verwandte Erzeugnisse , besonders aber für Ritter- und Räubergeschichten . Je herzbrechender die Titel waren , desto dringender empfahl sie die Bücher dem Lesepublikum . Der Junge wuchs zwischen diesem Vater und dieser Mutter zu einem sonderbaren Kräutlein auf . Vollgepfropft von Empfindsamkeit einerseits und anderseits von Speck und Saubohnen , von dem einen » Leontes « angehaucht , von dem andern » Krischan « angebrüllt , wußte er bald selbst nicht mehr , was er vorstellte . Die Mutter wollte ihn mit wallendem blonden Haupthaar sehen , der Vater ließ ihn heimlich » ratzekahl « scheren . Auf dem Gymnasium rief man ihm die Bonmots seiner Mutter nach , über die er mit Fäusten quittierte , und schließlich kam ein Tag , wo man ihn vergeblich suchte . Erst nach einem Vierteljahr erfuhr man , daß er sich in Hamburg als Schiffsjunge auf einen Ostindienfahrer hatte anwerben lassen , was ja damals noch möglich war , jedenfalls um der Vielseitigkeit seiner elterlichen Erziehung zu entgehen . Er war fort , und ob er je wiederkehren würde , das konnte Gott allein wissen . Vater Schumann alterierte sich so , daß dieser Ärger , im Verein mit seinen Bierstudien , einen Schlagfluß zuwege brachte an demselben Tage , wo er erfuhr , welchen Weg sein Sohn eingeschlagen hatte . Blandine beklagte und beweinte ihr doppeltes Unglück und erzählte ihren Kunden in wohlgesetzten Worten von ihrer Verlassenheit und sagte , sie fühle , wie es im Gedichte heiße : 166 » O bitteres Los ! Wohl hab ' ich nie beim Scheiden So tiefes Weh , so harten Zwang gewußt , Als selbst den Trost des letzten Worts zu meiden . – « Und anderen gegenüber nannte sie sich Noibe , womit sie wohl Niobe meinen mochte . Sie verlieh ihre Bücher weiter , begann eine Lebensgeschichte von sich zu schreiben , die leider der Nachwelt verloren gegangen ist , und bedauerte nur immer und immer wieder , daß ihr Leontes sich durch diese Flucht eine klassische Bildung verscherzt habe , da er ja doch so große Talente besaß und schließlich auch namhafte » Stupendien « für die » Uneversität « gehabt haben würde , denn ein einziger Fußfall bei Serenissima würde genügt haben , ihm besagte » Stupendien « zu verschaffen . Blandine Schumann begann nun mit allerhand schönen Künsten ihr leeres Dasein zu schmücken ; sie zeichnete , dichtete und sang , und nach abgelaufener Trauerzeit spielte sie in dem Dilettantenverein » Thalia « Theater . Diese Zeit lag allerdings weit zurück ; als ich Blandine kennen lernte , war sie eine alte Frau , wie ich sie oben beschrieb . Sie zeigte mir einmal ein Blatt , eine Bleistiftstudie , ein ganz wunderliches Krickel-Krackel , darunter hatte sie geschrieben : » Felsreformation aus dem Erlental « . Erst als sie die nähere Erklärung dazu gab , erfuhr man , daß sie » Formation « gemeint hatte . Blandine , die mit dem Alter immer redseliger geworden war , verkaufte , als beharrlich keine Kunde von dem Sohne zu ihr drang , schließlich die Bibliothek – der Geschmack des