Sie verschluckte das Uebrige , indem sie einen feindseligen Blick auf die Muhme warf , die noch immer neben dem weinenden Mädchen stand . „ Nun , nun , “ bemerkte diese , „ Ihr könnt ’ s immer für Euch behalten , Jungfer Sanna , was geht ’ s mich an , ob die Tante gestorben ist oder nicht . Aber Ihr braucht darum dem armen Kinde nicht solchen Schrecken in die Glieder zu jagen mit der Todesnachricht ; es war noch Zeit , wenn sie es zu Hause erfuhr . “ „ Ich habe mit Ihnen gar nichts zu verhandeln ; ich thue , was mich meine Herrschaft heißt , “ erwiderte die alte Dienerin geringschätzig . „ O ja ! Dafür kenne ich Euch noch von früher “ , sagte die Muhme , der das Blut plötzlich hell in das Gesicht stieg ; sie sah ihre Freundin durchdringend an . „ Ich komme ein Stückchen mit Dir , Nelly , “ rief Lieschen , wie aus einer Erstarrung erwachend , und folgte der voran eilenden Freundin , während Sanna keine Miene machte , ihr zu folgen , vielmehr wie angewurzelt stehen blieb . „ Was meinen Sie denn ? “ fragte sie und schaute mit dem Ausdruck unversöhnlicher Feindschaft zu der Muhme hinüber , die eben das Kaffeeservice zusammensetzte . Wie diese beiden Frauen sich gegenüberstanden , war es unverkennbar , daß hier ein alter , lange verhaltener Haß in einem Augenblick wieder in vollen lodernden Flammen emporschlug . „ Was ich meine ? “ erwiderte die Muhme und trat , ihre ehrlichen Augen auf die große dunkle Gestalt richtend , furchtlos einen Schritt näher . „ Was ich meine ? Ei , Jungfer Sanna , das solltet Ihr doch nicht erst fragen ; ich seh es an Eurem Gesicht , daß Ihr es wißt , gar genau wißt – es hat doch gewiß oft genug an Eurem Kopfkissen geruckt und gezuckt und Euch nicht schlafen lassen in langen bangen Nächten , und hat auf Eurer Brust gelegen wie ein Alp , der nicht gewichen ist , und wenn Ihr hundertmal Euren Rosenkranz abgebetet habt und alle Heiligen angerufen – das war das Gewissen , Jungfer Sanna , und ein böses Gewissen hat Wolfszähne ; die fassen scharf und tief – “ Textdaten zum vorherigen Teil < < < > > > zum nächsten Teil zum Anfang Autor : W. Heimburg Titel : Lumpenmüllers Lieschen aus : Die Gartenlaube 1878 , Heft 47 , S. 769 – 774 Fortsetzungsroman – Teil 8 [ 769 ] „ O miserocordia ! “ rief Sanna und schlug die Hände mit einer leidenschaftlichen Geberde des Zornes zusammen ; „ das hab ’ ich davon , daß ich selbst hergelaufen bin ; die Frau Baronin hat Recht gehabt , wenn sie es stets verbot , daß man sich mit dem plebaglio , dem miserabile einlassen sollte . “ „ Was Eure Baronin sagt , ist mir ganz gleichgültig , “ erklärte die Muhme , „ und Eure italienischen Schimpfwörter könnt Ihr sparen ; die verstehe ich nicht , aber Eins muß ich Euch doch noch sagen , Jungfer Sanna , da es der Zufall will , daß wir zusammen kommen – ich habe mich lange darnach gesehnt , es zu thun : Ihr und Eure Baronin , Ihr tragt eine Sünde auf dem Gewissen , die himmelschreiend ist . Vielleicht habt Ihr gemerkt , es weiß Niemand darum , vielleicht habt Ihr auch richtig erkannt , daß es Eine giebt , die doch den Hergang kennt und weiß , wie es gekommen ist , daß ein junges blühendes Leben in ’ s Grab sinken mußte , ich sag ’ s Euch aber , und Ihr könnt ’ s der gnädigen Frau dort oben bestellen : Gott sieht eine Zeit lang durch die Finger , aber nicht ewig , und er läßt sich nicht spotten , und ich – ich , die alte Muhme aus der Papiermühle – ich bete noch jeden Abend zum lieben Gott , daß er mich einen Tag erleben läßt , wo ich es Eurer stolzen Frau in ’ s Gesicht sagen kann , daß sie eine – “ „ Cielo ! “ kreischte die Italienerin und focht mit den Händen in der Luft , „ welch eine verrückte Person ! Ich wundere mich , daß Sie nicht sagen , wir haben das hochmütige Ding gemordet . “ „ Das könnte ich mit vollem Recht behaupten , “ beharrte die Muhme , „ und wenn Keins hochmüthiger war als sie , so ständ ’ s wohl in der Welt . “ Das soll ich mir sagen lassen ? rief dunkelroth die alte Sanna , „ wollen Sie vielleicht nicht auch behaupten , daß wir ihr Gift eingegeben oder sie erdrosselt haben ? Wenn die Jungfer Lisett starb , so ist sie selbst schuld daran gewesen ; was hat sie sich einzubilden , der Herr Baron würde sie heirathen ! Was fängt sie Liebschaften an , die über ihren Stand gehen ! So ein Herr hat hundert Augen und sieht mehr als ein schönes Mädchen . “ „ So ? “ rief jetzt die alte Frau und setzte hastig das Präsentirbrett mit den Tassen , welchem sie eben hochgenommen , wieder hin – „ wollt Ihr den Baron Fritz auch noch verleumden ? Der ist besser gewesen als die ganze Sippschaft da droben “ – sie deutete nach dem Schlosse – „ zusammengenommen , und wenn er ein leichtsinniger Bursch ward , so ist ’ s abermals Eure Schuld . Was nun das Einbilden anlangt , so hat sich die selige Lisett gar nichts eingebildet ; sie ist des Barons Fritz ehrliche Braut gewesen und wäre , so wahr ich hier stehe , seine Frau geworden , wenn nicht falsche , elende Menschen , noch schlimmer als Räuber und Mörder , sie auseinander gerissen hätten . “ Sanna lachte rauh und höhnisch . „ Meinen Sie wirklich ? Und ich