bin ich ja ein mit Arbeit überhäufter Mensch « - » Aber wenn ich Sie bitte ? Und ist es nicht auch eine Arbeit , die sich lohnt , einer Frau , die sich weiterbilden will , zu helfen ? « Sie streckte ihm die Hand hin , die er nahm , um sie ausfürlich zu küssen . Er dachte nicht an eine schroffe Haltung und an ein plump beschämendes Ablehnen . Gerade hier mußte das ja mit einer gewissen Grazie gemacht werden . In diesem Augenblick hörte man deutlich draußen vor der Tür den kurzen Gewohnheitshusten des Doktors Dorne . Und ganz unwillkürlich änderten Allert und Julia ihre Stellung . » Mein Mann ! « sagte sie grenzenlos und sehr ärgerlich erstaunt . Und dann kam er auch schon herein und reichte Allert nebenbei die Hand und hatte einen hastigen Ausdruck in seinen hellen Augen und erzählte etwas zu ausführlich , daß er sich doch noch entschlossen habe , seine Arbeit für eine Stunde zu unterbrechen , um zu Hause zu Abend zu essen . Er lud Allert ein , mitzuspeisen . Der aber lehnte ab und ging . » Nimmst Du Herrn von Hellbingsdorf nicht etwas zu oft in Anspruch ? « fragte der Mann ängstlich . Er sah , wie schön seine Frau geschmückt war , und das beunruhigte ihn immer . » Aber nein . Er ist doch scharmant . Ich mußte ihm loyalerweise das mit der Amster sagen . - Und dann - er braucht ein wenig der zarten , letzten Abschliffe durch Frauenhand - Du weißt , ich erziehe gern ... « Er war verwundert ; gerade Allerts Formen hatte er so sicher und angenehm gefunden , und die Mutter war so fein - Menschen aus guten Kinderstuben . - Aber Julia sagte : » Schließlich ist die Mutter doch Berufsfrau . Und die Art Frauen haben weder Zeit noch Blick , ihren Söhnen die letzte Modellierung des Wesens zu geben . Das bleibt dann die Aufgabe , die uns ganz weiblichen Frauen zufällt . Und weißt Du - ich denke - zwar ist Ingeborg erst fünfzehn - aber Allert von Hellbingsdorf wäre doch mal eine Partie für sie « - Der Ehemann streichelte ihr ganz sacht die durchsichtig bekleidete Schulter . Ja , so war nun seine Frau - voller mütterlicher Instinkte , wo sie sah , daß sie lenken und veredeln konnte . - Er begriff selbst nicht mehr , was ihn so hergejagt hatte - - und nicht diese qualvolle Nervosität , die ihn immer antrieb , draußen zu husten . - Unterdes ging Allert voll Ingrimm an der Alster entlang , unter der Bahnüberführung hindurch , wo gerade ein gewaltiger , hellerleuchteter D-Zug über seinem Kopf hindonnerte , und dann wartete er an der Esplanade auf die Ringbahn . Ausdrücklich hatte er seinem Teilhaber erzählt : » Ihre Frau wünscht mich zu sprechen , ich fahre für eine Viertelstunde zu ihr hinaus . « Und trotzdem war ' s ja gerade , wie der Gatte unverhofft kam , als sei man ertappt . Ein scheußliches und , gottlob ! grundloses Gefühl . Aber was so eine unbedenkliche Frau alles anordnen kann : ein bißchen rosa Licht , ein bißchen sonderbar schöne Kleidung , uralter Aufwand von entgegenkommenden Blicken und Worten , dazu die Ritterlichkeit des Mannes , der nicht mit plumpkeuscher Tugendgeste seinen Mantel aus ihren Händen reißen mag - und die erste Szene ist gestellt ! Daraus dann nach und nach in sorgsamem Aufbau das vieraktige Sittenstück weiterzuentwickeln , würde sich Julia schon zutrauen . Das heißt , alle Sittenstücke sind ja eigentlich Unsittenstücke ... Heimfahrend dachte Allert ganz frauenfeindliche Sachen : Das sind so die Weiber , die einen auch ehescheu machen können ! Das hat sich doch einst aus Liebe oder meinetwegen bloß aus Verstand geheiratet . Wie auch immer : man hat sich die ersten Jahre gut vertragen . - Da sind die Kinder - man war sich jedenfalls klar und ist es sich noch , daß Interessen , Ehre , Empfindungen gemeinsamer Kult sein sollte . - Und doch ! Die Frau , vielleicht mannstoll veranlagt oder so schamlos eitel , daß sie sich am Verlangen und der Bewunderung der Männer nicht sättigen kann - die Frau macht aus ihm einen Narren . Und er - so ' n wissenschaftlich gebildeter Mann ! - Unruhig ist er wohl , will aber blind sein , läßt sich dumm machen - warum ? In der verfluchten Hörigkeit , in die jeder von uns hineingeraten kann ! Wer darf sich vermessen , er sei dagegen gefeit ? Das kommt ganz darauf an , was für ' ner Frau man in die Hände fällt ... Schade , daß es keine Statistik gibt über die Männer , die Junggesellen bleiben , weil sie bei ' ner verheirateten Frau zu genauen Unterricht hatten ... Und er ließ alle Riesen und Helden von Herkules und Simson an vor seinem Gedächtnis Revue passieren , von denen Sage und Geschichte erzählen , daß sie Frauenknechte und -opfer waren . Während er sich mit solchen unterhaltenden und erbitternden Schulbeispielen gegen die Ehe stärkte , fiel ihm noch ganz etwas anderes plötzlich ein - viel Naheliegenderes . - Seine Teilhaberschaft mit dem Doktor Dorne bekam einen starken Schlagschatten . Klug war der Mann , ein Chemiker von Rang . Geld hatte der Mann genug , um mit seinem Anteil dem Geschäft Aufschwung und neue Lebenskraft zu sichern . Aber grünseidene Strümpfe und Schuh und spinnwebene Kleider kosten Geld und - » Talente « kosten Geld , wenn man immer neue entdeckt und immer andere Lehrer dazu braucht . - - Und schließlich war Dorne bloß wohlhabend ; kein Krösus . Und dann ein Mann , der innerlich gehetzt ist ! Und es sich nicht eingestehen will , was ihn hetzt ! Hieß es nicht für einen Aufstrebenden : » Du sollst keinen Götzen haben neben dem Geschäft ? « ... Und Allert sah Gewölk heraufsteigen .