empfand er so recht die Kluft , die zwischen seinesgleichen und diesen Ausländern bestand . Vorübergehende blieben sie doch immer , und falls ihr Wesen überhaupt Wurzeln besaß , so ruhten die in ganz anderem , unbekanntem Boden . Tschun hatte früher oft sehr heftig den Wunsch gehegt , die ferne Welt der Fremden selbst zu sehen und das kennen zu lernen , was diese scheinbar Heimatlosen Heimat nannten . Und jetzt bot sich ihm plötzlich die Gelegenheit . Die Taitai erklärte , sie wolle ihn gern mitnehmen , und es solle ein großer Vorrat seidener Anzüge für ihn angefertigt werden , damit sie auf dem neuen Posten Staat mit ihm machen könne . Ein merkwürdiger Ort mußte das sein , dachte Tschun , wo niemand einen Boy hatte , sondern alle Diener , sogar die Ofenheizer , weiße Menschen sein sollten ! Er konnte sich das nicht recht vorstellen , denn alle Fremden , die er bisher gekannt , waren doch Herren , sogar die gramvolle Madame Angèle blieb immerhin ein höheres Wesen , das keine grobe Arbeit tat , sondern dazu einer chinesischen Amah bedurfte . - Aber während die Taitai noch mit ihm sprach , schrumpfte sein einstmaliger großer Wunsch immer mehr zusammen , wurde klein und kleiner , war plötzlich ganz fort . Er hätte selbst nicht recht sagen können , wie das zugegangen . Aber die Taitai schien ihm plötzlich viel fremder als damals , wo er sich zuerst zu ihr geflüchtet hatte . Sie sagte , daß sie ihn mitnehmen wolle , daß es ihr leid tun würde , ihn zu verlieren , doch er empfand , daß er nur mitkommen solle wie das Hündchen Tin chau oder die chinesischen Stoffe und Nippes - als eine Kuriosität , die andere nicht besaßen , eine Staffage , die sich gut ausnehmen würde auf dem malerischexotischen Hintergrund , den die Taitai allerwärts für sich und ihre tausend schillernden Gewänder zu schaffen liebte . Er kam sich ganz losgelöst von der Taitai vor , als habe er gar nicht die Jahre hier bei ihr gelebt . Er hätte unmöglich mit ihr und von allem Gewohnten fortreisen können ! So machte er der Taitai seine allertiefste Verbeugung und dankte für die Gnade , die sie ihm habe erweisen wollen , die er aber nicht annehmen könne , da seine Mutter in letzterer Zeit sehr alt und kränklich geworden sei , wo es sich für einen Sohn nicht zieme , sich außer Landes zu begeben . » Ach , das sind Ausflüchte , « sagte die Taitai ärgerlich , » wenn Ihr Chinesen etwas nicht tun wollt , habt Ihr immer kranke Mütter . « Ueber Tschuns junges Gesicht glitt das uralte , leise überlegene und zugleich nachsichtige Lächeln seiner Rasse , womit Ostasiaten antworten , wenn Leute kindlich unerfahrener Völkerschaften sich einbilden , sehr schlau zu sein und sie zu durchschauen . » Die Taitai weiß alles , « antwortete er ehrerbietig , » aber diesmal ist es doch wirklich so , wie ich sagte . « Und er sprach die Wahrheit , denn seit Neujahr war die Mutter tatsächlich noch viel hinfälliger geworden . Während der folgenden Tage schien die Gesandtschaft dann ganz leer geworden ; all die vielen Dinge , die den Abreisenden gehörten , waren endlich fertig verpackt in Kisten und Koffern ; nun wurden sie in langen Zügen von Maultierwagen zur Station gebracht , und von da würden sie per Bahn nach Tientsin und dann weiter zu Schiff über das große Wasser fahren . Der Ta-jen und die Taitai machten Abschiedsbesuche , und sie wurden von allen anderen Fremden der Reihe nach noch einmal zu großen Mahlzeiten eingeladen , denn , ob man sich nun geliebt oder gehaßt , Abschiedsfeste gab man jedem Scheidenden . Und während ihnen die Boys zum letzten Male mongolische Wildschweinsköpfe und Pekinger Riesenenten servierten , wurden auf den Ta-jen und die Taitai auch schöne Trinksprüche ausgebracht , die voll von Anerkennung , Bedauern ob ihrer Abreise und guten Wünschen waren . Auch der alte Bischof kam , um dem Ta-jen und der Taitai Adieu zu sagen . Er sah sorgenvoll aus , und Tschun hörte ihn beim Tee sagen : » Ich kann Sie zu Ihrer Abreise nur beglückwünschen , denn ich habe die Empfindung , daß wir hier in den ärgsten Sturm treiben , den die Fremden je in China erlebt haben . « » Wirklich ? Doch nicht etwa wegen dieser Boxer ? « frug der Ta-jen mit höflich unterdrücktem Unglauben . » Ja , « sagte der Bischof , » ich weiß wohl , daß es zum guten Ton gehört , über sie zu spotten , aber ich sehe in ihnen eine furchtbare Gefahr . « » In ihrer vermeintlichen Unverwundbarkeit ? « frug die Taitai lächelnd . » Nein , natürlich nicht in ihr , « antwortete der Bischof , » aber weil so blind an sie geglaubt wird . Dieses abergläubische Zutrauen hat schon die weitesten Kreise erfaßt und fanatisiert , und es wird sie , in der Zuversicht auf Gelingen , zu den wildesten Taten hinreißen . « » Aber die Autoritäten können doch nicht so verblendet sein , das zuzulassen ? « entgegnete der Ta-jen . » Sie werden sich im entscheidenden Augenblick wirklich schlimmen Ausschreitungen sicher widersetzen , denn sie müssen sich doch sagen , daß äußerstenfalls von den fremden Geschwadern leicht Mannschaften gelandet und nach Peking gesandt werden könnten . « » Die Autoritäten werden im entscheidenden Augenblick vielleicht gar nicht mehr können , wie sie wollen , « sagte der Bischof bedächtig . » Die Kaiserin soll ja zwar noch immer schwanken zwischen dem Einfluß der wenigen Vernünftigen , wie Liu ku nyi und Yung Lu einerseits und Prinz Tuan , Kang yi und den zahllosen sonstigen Boxergenossen andererseits . Ihre persönlichen Wünsche und Sympathien sind aber unzweifelhaft bei den letzteren . Und dazu kommt noch etwas , das , meiner Ansicht nach , bei ihr ausschlaggebend sein wird