Die wirren Qualen und Enttäuschungen ihrer Liebesgeschichte ertrug sie nicht länger , so flüchtete sie sich denn in den Rausch , wie ihn so stark nur der Wille zum Opfer einem Frauenherzen gibt . Das war jetzt ihr Erlebnis und es erfüllte sie ganz mit Andacht vor der eigenen Seele . Sterben war leicht . Sie wollte in das Meer hinausschwimmen weit , weit über die Sandbank hinaus . Sie wollte schwimmen , bis diese Müdigkeit kam , die sie kannte , in der wir nichts anderes wünschen , als uns willenlos und untätig auf dem Wasser auszustrecken . Ja , und dann würde es sich vollziehen , das dunkle Ruhevolle , und all die furchtbare Spannung des Fühlens und Wollens würde sich lösen . Sobald es im Hause still war , stand Lolo auf . Sie kleidete sich in ihren Badeanzug , hüllte sich in ihren Mantel und schlich hinaus . Draußen die Nacht schwarz und warm , am Himmel große , sehr helle Sterne . So hatte sie es erwartet , das war in Ordnung . Als sie in Wardeins Anwesen noch Licht im Fenster sah , wollte sie herangehen und hineinschauen aus unklarem Verlangen nach noch mehr Bitterkeit und Schmerz . Sie sah Doralice im Sessel sitzen und Hilmar neben ihr knien , allein das erschütterte sie nicht stark , sie hatte das erwartet , auch das mußte so sein . Ruhig stieg sie zum Meere hinunter . Dort legte sie ihren Regenmantel , ihre Schuhe ab und ging in das Wasser . Kleine laue Wellen sprangen an ihr empor . Sie begann zu schwimmen , ein unendliches Wohlbehagen durchrieselte ihren Körper . Schwarze Wellenhügel , in denen die Sterne sich spiegelten wie rege goldene Pünktchen , hoben sie sanft empor und ließen sie wieder sanft in schwarze , goldbestirnte Wellentiefen gleiten . All das Heiße , Enge , Drückende fiel von ihr ab , sie wußte nicht mehr , warum sie hier war , sie wußte nur , daß sie glücklich war und daß sie weiter hinaus mußte . Zuweilen legte sie sich auf den Rücken und schaute hinauf und es war ihr dann , als fiele sie in einen schwarzen Abgrund , in dem goldene Sterne durcheinander wirbelten . Und weiter ging es , einmal schien es ihr , als stünde dort schwarz in all dem Schwarzen wie eine Vision ein Boot regungslos auf dem Wasser . Ihr Schwimmen wurde eiliger , angestrengter , als gäbe es ein Ziel für sie , das sie zu erreichen hatte . Und dann plötzlich lähmend überkam sie das Bewußtsein der furchtbaren Weite um sie her , der furchtbaren Tiefe unter sich . Angst benahm ihr den Atem , alles wurde feindlich , alles war gegen sie und sie mußte kämpfen mit diesen Wellenhügeln , die ihr jetzt hart und kalt wie schwarzes Metall erschienen . Sie rief einige Male in die Nacht hinein und arbeitete dann weiter , schlug sich herum mit etwas , das sie niederdrücken und niederziehen wollte , und dann schien alles fort . » Nu haben wir den kuriosen Nachtfisch « , sagte Stibbe und hob Lolo in sein Boot hinein ; » dacht ' s mir , das ist die Marjell vom Bullenkruge . Wasser hat sie schon geschluckt . Nimm du sie , Andree , du weißt ja mit Marjellen umzugehen . « Andree nahm Lolo in Empfang , die wie leblos dalag , hüllte sie in seinen Mantel , redete ihr zu : » Immer nur das Wasser ausspucken , Fräuleinchen , immer nur ausspucken . « Ärgerlich machte Stibbe sich ans Rudern : » Jetzt schnell nach Hause « , brummte er , » sonst verfriert sie uns . Das sind so die städtischen Dummheiten , ins Wasser zu gehen ! Wen es will , den holt es sich schon selber . Wir wollen die Marjell zu Wardein bringen , dahin ist es näher . Laß die Städter dann ihre Dummheiten miteinander ausmachen . « Doralice war wieder allein in ihrem Zimmer , als die Männer zu ihr eintraten . Sie verstand nicht gleich . Da stand der Fischer Stibbe und noch einer und Stibbe trug jemand , er trug Lolo , die ganz bleich war und die Augen geschlossen hielt , ihr Haar schwer und feucht hing lang über den Arm des Fischers herab . » Die haben wir nun aufgefischt « , sagte Stibbe , » da weit draußen , die wollte nicht mehr zurück . Was ist denn das für ein Nachtfisch , sagte ich zu Andree , und wir sind ihr nachgefahren . Ach , die lebt schon , die lebt ganz gut . Nur Wasser hat sie geschluckt . Wo soll ich sie hinlegen ? Aha , da drin aufs Bett . Andree ist zum Bullenkrug hinauf , es der Mamsell zu sagen , damit sie sie holt . « Lolo wurde auf das Bett gelegt , Stibbe wiederholte noch einmal : » Die lebt ganz gut « , dann gingen die Männer . Der Lärm hatte Agnes herbeigerufen und sie übersah sofort die Lage , machte sich über Lolo her , entkleidete sie , hüllte sie in Decken , rieb sie , immer schweigsam und mürrisch , nur einmal bemerkte sie : » Sie macht die Augen nicht auf , nicht weil sie nicht kann , sondern weil sie nicht will . « Endlich beschloß sie einen heißen Tee zu kochen , Doralice sollte nur weiter reiben . Doralice kniete am Bett und rieb die Glieder des regungslos daliegenden Mädchens . Lolo seufzte , schlug die Augen auf und schaute Doralice ernst an . Das schmale Gesicht hatte in seiner Ruhe etwas Strenges , Ältliches . » Wie - wie ist Ihnen jetzt ? « fragte Doralice . - » Gut , « sagte Lolo mit einer Stimme , als antworte sie auf eine müßige , gleichgültige Frage . Aber Doralice beugte sich leidenschaftlich über sie , als wollte sie sie erwärmen und beschützen