Ökonomie selber betreiben oder lieber verpachten sollte . Aber fröhlich wurde er darum nicht . Und dann war Sylvester allein in der großen Stadt . Von seinen Schulfreunden blieben die meisten in Freising , und die wenigen , welche nach München kamen , stolzierten mit farbigen Bändern herum und lüfteten kaum die Mützen , wenn ihnen der unscheinbare Mang begegnete . Es wurden Versuche gemacht , den langen Sohn Erlbachs für katholische Verbindungen zu erwerben . Aber er hatte kein Verständnis dafür : weder für die trinkfesten Künste , noch für die politische Bedeutsamkeit dieser Gelbschnäbel . Und in ein Seminar wollte er auch nicht eintreten , trotz des lebhaften Wunsches seiner Mutter . Die alte Veronika wußte nichts von den pädagogischen Vorzügen dieser Anstalten , aber die Tracht ihrer Jünger gefiel ihr über die Maßen . Vor Jahren herbergte der Alumnus Stephan Freutsmiedel von Webling des öfteren in Erlbach . Und wenn er mit flatterndem Gewande durch die Dorfgasse schritt , schaute Veronika Mang ehrfürchtig durch das Fenster und malte sich im Geiste aus , wie stattlich dereinst ihr Sohn in diesem Kleide dahingehen werde . Sie mußte ihre Sehnsucht bezwingen , denn Sylvester sträubte sich gegen den Schmuck und saß lieber einsam und frei in seinem Kämmerlein . Hoch oben im vierten Stocke als Zimmerherr der königlich bayerischen Sekretärswitwe Kornelia Rottenfußer , welche sich oft über den freudenarmen Jüngling wunderte . Der blieb so manchen Abend daheim und las . In den ersten Tagen der akademischen Freiheit hatte er , zögernd und doch von einem unwiderstehlichen Wunsche angetrieben , Bücher gekauft , vor denen man ihn als Schüler eindringlich gewarnt hatte . Es waren die Werke ungläubiger Dichter , welche in jungen Herzen Zweifel und Unruhe erregen mußten . Nur wer im reiferen Alter gefestigten Glauben erworben habe , könne ihnen ungefährdet nahen , hatte der Professor gesagt . Die Namen Lessing , Wieland , Kleist leuchteten nicht am Freisinger Himmel , Schiller stand nicht in hohem Ansehen ; Goethe war ein Heide . Und nun erfreute sich Sylvester mit empfänglichen Sinnen an den Geschmähten . In seine Bewunderung drängte sich ein beklemmendes Gefühl . Warum hatten die Berater seiner frühen Jugend so feindselig geurteilt ? Er sah nichts von allem , was sie getadelt hatten , und er begriff nicht , wie sie in der Schönheit Schlechtes suchten , noch weniger , wie sie es fanden . Dazu kamen andere Enttäuschungen . Es lag nichts Vorlautes in seinem Wesen , und er wetzte nicht frühreifen Verstand an den Worten der Lehrer . Aber er fühlte sich unbefriedigt von einer Wissenschaft , die mit trockenen Schlüssen an die ewigen Geheimnisse herangeht und wieder auf halbem Wege stehen bleibt , um den Glauben anzurufen . Darin lag eine harte Probe für sein rechtschaffenes Gemüt , das sich gegen Selbsttäuschung sträubte . Und so hatte Sylvester über vieles nachzudenken , wenn er allein in seiner kleinen Stube saß . Auch darüber , wie schmerzlich die Einsamkeit für ein junges Herz ist . Da führte ihm das Schicksal einen Freund zu . Als er sein Zimmer gemietet hatte , fragte er bescheiden bei der Sekretärswitwe an , ob er täglich ein wenig auf der Geige spielen dürfe . Frau Rottenfußer sagte , ihr wäre es recht , und auch der alte Revoluzzer werde nichts dagegen haben . Wer das sei , der alte Revoluzzer , fragte Sylvester . Da zwinkerte Frau Rottenfußer mit den Augen und hielt die Hand an den Mund . » Net so laut ! Den alten Herrn mein ' ich , der neben Ihnen wohnt . « Sie schlich auf den Zehenspitzen vorwärts und bückte sich vor der nächsten Türe zum Schlüsselloche hinunter . » Er is schon daheim und hockt wieder am Fenster mit an Buch in der Hand . Ich frag ' ihn nachher gleich wegen dem Geigenspielen . « » Ich möcht ' ihn nicht stören , « sagte Sylvester . » Na , na ! Er is net so arg . Bloß daß er net unter d ' Leut geht . Wissen S ' , weil er bei da Revoluzzion dabei war . Mei Schwager hat ma ' s erzählt . Da san viele dabei g ' wesen , de später de schönsten Stellen kriegt hamm . Aber der Herr Schratt hats Maul net g ' halten , wie er scho Assessor war . Natürli hamm ' s ' n pensioniert und er mag nix mehr wissen von de Leut ' . Aber wie g ' sagt , er is gar net so uneben , und i frag ' n no heut . « Frau Rottenfußer meldete bald , daß der Revoluzzer gesagt habe , er höre gerne Musik , besonders wenn der Herr Mang kein Anfänger sei . Sylvester spielte nun häufig . Von seinem Zimmernachbar hörte er lange Zeit nichts mehr . Da ging er an einem Wintertage von der Universität nach Hause . Es hatte die Nacht vorher geregnet , und dann war Kälte eingetreten , so daß die Wege mit Glatteis überzogen waren . Plötzlich sah Sylvester vor sich einen alten Herrn , der bei jedem Schritte ausglitt und nun hilflos stehen blieb . Er stützte ihn und führte ihn sorgsam über die gefährlichen Stellen . Vor dem Wohnhause Sylvesters hielt der alte Herr und sprach seinen Dank aus . Da stellte es sich heraus , daß er der Revoluzzer der Frau Kornelia Rottenfußer war . Die erste Bekanntschaft war geschlossen , und wenn Sylvester nun musizierte , kam Schratt von seinem Zimmer herüber , hörte zu und gab durch seine Bemerkungen zu erkennen , daß er in der edlen Kunst wohl erfahren war . Das führte bald zu regerem Verkehre . Schratt fand Gefallen an dem offenen Wesen Sylvesters , und dieser fühlte sich hingezogen zu dem Alten , aus dessen Gesichte so fröhliche Augen blickten . Der trug eine unverwüstliche Jugend in sich herum , wie alle die Männer , welche in der politischen Sturmzeit das neue