seien , Landtruppen nach China zu senden , weil sie sie in den Philippinen brauchen . Die Engländer haben gerade genug mit den Buren zu tun . » Unsere Zähne sind leider in Afrika « , hat ihr grosser Mann geantwortet , als man neulich in ihn drang , den Chinesen die Zähne zu zeigen . Die Franzosen haben auch ein besonderes Interesse daran , dass es in China ruhig bleibt , denn in Ausstellungsjahren soll immer alles eitel Glück und Freude sein . Ausstellungen sind für Völker , was Verlobungen im Familienkreise sind ; da stellt man sich auch an , als sei alles herrlich und schön , alle Fehden werden für ein Weilchen begraben und man tut so , als sei Grund zu allgemeiner Freude . Aber die dunkeln , unerforschten Kräfte , die uns treiben , die unerbittliche Schicksalsmacht , die über uns steht und das werden lässt , was wir nachher Geschichte nennen , - die kehren sich nicht an Völker - und Familienfeste , nehmen keine Rücksicht auf das müde Ruhebedürfnis alternder Geschlechter - die führen uns unaufhaltsam weiter , wir wissen nicht wohin - und im dichten Nebel ragen dann plötzlich vor uns drohende Felsen aus dem Meere empor . 41 New York , 17. Juni 1900 . Mit Angst und Spannung heute früh die Zeitung geöffnet , Schlimmes erwartend , aber doch nicht dies Entsetzliche : » Die Gesandtschaften angegriffen , ein Gesandter ermordet « - und diese Mitteilung selbst - dunkel , gerüchtweise , wie Unheilsbotschaften sich im Osten stets verbreiten , so dass man noch tausendfach Unheimlicheres dahinter vermutet . Alle telegraphische Verbindung mit Peking ist abgeschnitten . Die Nachrichten sickern durch auf geheimnisvollen Umwegen . Es ist , als ob hinter einer verschlossenen Türe eine grausige Tragödie sich abspielte - plötzlich hört man Stöhnen , Blut rinnt über die Schwelle , man weiss nicht , was geschehen ist , fühlt nur , dass es Furchtbares , Unerhörtes sein muss , da , hinter der Tür - man möchte helfen , das Schloss sprengen , die Tür einstossen , eilen und retten - und man kann und kann nicht . Es ist wie ein quälendes Alpdrücken . 42 New York , 19. Juni 1900 . Die Taku-Forts sind eingenommen . Das muss doch die Chinesen einschüchtern ! Und nun wird doch sicher die Entsatzkolonne , die Admiral Seymour führt , bald in Peking anlangen oder vielleicht schon dort sein . Ein paarmal wurde ihre Ankunft schon gemeldet , dann aber widerrufen . Aber wie ist es denn nur alles möglich ? Das fragen wir uns immer wieder . Etwas Traumhaftes hat das Ganze , und man ringt , endlich erwachen und all den nächtlichen Spuk abschütteln zu können . Wenn ich an unsere stillen monotonen Pekinger Jahre zurückdenke , sage ich mir oft , » dies ist ja alles nur ein verrücktes Märchen , an das niemand glauben kann « . Über wie vieles wurde doch in China geklagt ! Über Hitze , Staub und Moskitos , Überarbeitung , Ärger durch das eigensinnige Tsungli-Yamen oder über die grossen Herren zu Hause , denen China ein Buch mit fünf Siegeln ist und die doch alles besser wissen wollen . Aber dass Gefährdung der persönlichen Sicherheit je zum Gegenstand gerechter Beschwerde gegen das Schicksal und die Chinesen werden könnte , wäre keinem in den Sinn gekommen . Unmöglich wäre es uns allen erschienen , und was wir jetzt hören , klingt kaum glaublich - - aber wenn ich dann die Zeitungen mit den gross und fettgedruckten Telegrammen sehe und höre , wie alle Menschen nur von China reden - dann weiss ich , dass das Abenteuerlichste , Wildeste und Unwahrscheinlichste in unsern Tagen Wahrheit geworden ist . Wir haben die Chinesen nur als arme , gedrückte Menschen gekannt ! Knechtung , Erpressung und Ungerechtigkeit , wie auch grosse verheerende Naturkatastrophen schienen sie geduldig zu tragen ; vielleicht sahen sie in ihnen nur die verhältnismässig gleichgültigen Begleiterscheinungen des einen grossen Übels , des Lebens . Jahrhundertelang sind sie gezüchtet worden in einem System , dessen Erpressung , Ungerechtigkeit und Betrug so recht auf der ewigen Trägheit und Feigheit der grossen Massen beruhen . Jeder hatte dort immer Mächtigere zu versöhnen , umzustimmen , zu erkaufen . Die einzige Erleichterung und Rettung vor der ungeheuren Last war schlaue Überlistung der Bedrücker . Wie so oft in menschlichen Verhältnissen , knechtet dort der Stärkere den Schwächeren und wird dafür von ihm hintergangen . Leicht zu befriedigen schienen mir eigentlich die Chinesen , verlangten nicht mehr , als dass die paar Kupfermünzen , die sie täglich verdienten , ihnen nicht von einem ihrer Peiniger abgerungen würden ; dass dies aber oft vorkommen muss , sahen sie alle als alte Weltenregel an , in die man sich philosophisch fügt , wenn man sie nicht listig zu umgehen weiss . Arme , durch Bedrückung schlau und gemein gewordene Menschen , deren Geist viel mehr nach kleinen Schlichwegen , spitzfindigen Verdrehungen und Betrügereien als nach grossen Taten zu sinnen schien . Und sie alle sollen mit einemmal zu rasenden Kämpfern geworden sein , die es mit den Herren der Welt aufnehmen wollen ? Ein Rätsel im rätselreichen China . Seltsam klingt es uns auch jetzt , in hiesigen Zeitungen zu lesen , dass diese selben so elend und stumpf dahinlebenden Chinesen eigentlich Wesen von erstaunlich nervöser Anlage seien , die von Fanatikern hypnotisiert wurden zu wildem Fremdenhass und blindem Glauben an eigene Unverwundbarkeit und Siegesgewissheit . Mir aber will es scheinen , dass diese Hypnotiseure vor allem ihre Kraft an den Fremden in Peking ausgeübt haben müssen , sie in wunderbaren Sicherheitswahn wiegend . Miss Tatiana besucht mich häufig und hält lange Reden , in denen sie alle Ministerien der verschiedensten Länder zur Verantwortung zieht . Silberstein traf bei mir mit ihr zusammen und meinte nachher : » Das ist eine Dame , die einen Band Junius-Briefe schreiben sollte . « Die beiden verhandelten lange über die chinesischen Ereignisse ,