verziehen , daß er seine Braut vor mir bevorzugte . « Damit erachtete sie ihren Standpunkt für bewiesen und schloß die Verwarnung mit einem huldvollen Lächeln . Wie sie auf der Terrasse anlangten , brach eben die Musik an , verstärkt von hundertstimmigem , dröhnendem Gesange . Sie kannten des Liedes Worte und Weise , und da der Text zufällig ihr eigenes Gefühl nicht übel auslegte , fielen sie frisch und frei mit Mund und Fuß in den Takt : » Wenn Kraft und Mut in tapfern Seelen flammen . « Zugleich schlenkerten sie die verschlungenen Hände zum Schwung wie die Sennen beim Tanz . Dabei schaute Conrad seiner Gefährtin ins Antlitz , Cathri dagegen blickte vor sich hin , gänzlich im Singen befangen . Daß ihre Bahn sie mitten durchs Volk führte , kümmerte sie nicht , denn sie wußten sämtliche Gegenwärtigen durch gemeinsames Empfinden auf die hohe Note der Güte gestimmt ; auch steuerten sie der roten Sonnenscheibe entgegen , so daß sie vor Glut und Glanz keinen Körper unterschieden . Als sie aber unversehens auf Anna stießen , die mit dem Waffenrock auf den Bruder harrte , prallten sie auseinander wie zwei auf einem Ehebruch Betroffene . Anna sah eins um das andere mit einem nämlichen Blick unsäglichen Leidens an , dann hielt sie stumm und ergeben dem Bruder den Waffenrock dar , während dieser sich des zerfetzten Wamses entledigte . Da sie jedoch aus Unaufmerksamkeit den linken Ärmel des Waffenrockes zur Erde hangen ließ , ergriff den jetzt Cathri hinterlistig , als ob sie der Jungfer Reber behilflich sein wollte . » Ja , wer bedient jetzt eigentlich meinen Bruder ? ich oder jemand anders ? « fragte Anna tonlos und biß sich auf die Lippen . » Herr Reber , wählt , wer soll Euch bedienen ? « nahm Cathri die Frage mit fröhlichem Lachen auf , als ob es sich um einen belanglosen Scherzstreit handelte . Aber beider Frauen Blicke , die sich wie giftige Dolche kreuzten , verrieten ihm ihren Haß , so daß er sich wohlweislich in einem großen Bogen um die begehrte Entscheidung drückte . » Beide « , antwortete er , sich zum Schmunzeln zwingend , und dünkte sich wunder was für einen Salomo . Doch wie er nun arglos den linken Arm in den Rockärmel schob , ließ Anna beleidigt den rechten Ärmel fahren und trat zurück , der Gegnerin den Platz räumend . Sie hatte auch eine Halsbinde und einen Hut mitgebracht , die sie jetzt mechanisch zur Hand nahm . Beides holte ihr nun Cathri mit unglaublicher Dreistigkeit aus den Händen , nicht anders , als ob Cathri die Herrin und Anna ihre aufwartende Magd gewesen wäre . Anna ließ zwar alles widerstandslos geschehen , schaute auch ergeben zu , wie die Fremde sich vielweserig um den Bruder zu schaffen machte . Aber so erniedrigt , so trübselig sah sie drein , so völlig des Mutes und der Hoffnung bar , als ob sie sich in die nächste Waldhöhle verkriechen möchte , um dort zu verenden . Endlich , als Cathri mit vernichtender Siegermiene von dannen geschritten war , die Stirne sprühend von bräutlichem Stolz , die Schultern gehoben vom Vorgefühl der nahen häuslichen Allmacht im » Pfauen « , und gravitätisch den Nacken hintenüberwerfend , als ob sie einen Herrschermantel nachschleppte , öffnete Anna die bleichen Lippen , die ein krampfhaftes Zittern umzuckte , ehe sie das Wort zu gestalten vermochten : » Und ich ? « sagte sie mit entfärbtem Klang , » ich bin nun abgesetzt ? « » Du hast ja deinen Doktor « , tröstete er zwischen Scherz und Ernst . Und da sie ihm traurig und vorwurfsvoll in die Augen schaute wie ein frierender Bettler , dem ein Geiziger statt eines warmen Kittels einen kupfernen Batzen gespendet hat , umschlang er sie zärtlich : » Sei kein Kindskopf « , schmälte er . Er hatte ihr eigentlich etwas ganz besonders Liebreiches zugedacht , etwas , das ihrem kranken Herzen Balsam wäre , denn sie beelendete ihn wie damals die sterbende Johanna vom Schulmeister , als sie ihm die magern Knöchlein um den Hals wand und flüsterte : » Weißt du noch , Conrad , damals vor zehn Jahren ? « - Allein er fand das gewünschte Wort nicht , und je länger er suchte , desto weiter floh es ihn . Zum Ersatz dafür preßte er sie an seine Brust . Sie ließ einige Augenblicke schweigend den Trost seiner Umarmung auf sich wirken , wobei sie ein klein wenig auflebte ; hernach sagte sie etwas gefaßter : » Ich habe denn also nach der Mutter geschickt ; sie werde gleich kommen . « » Hat sie schon etwas erfahren ? « Sie antwortete nicht , wich ihm auch mit den Augen aus . Da wurde er ernst , schwieg und sann : » Wußtest du eigentlich « , fragte er , » daß die Mutter vor Zeiten schwermütig war ? « » Ja ; warum ? « » Nichts , es schoß mir nur so durch den Kopf . « Das Gespräch stockte . » Ich muß nun wieder hinauf in die Schlafstube , um nach dem Vater zu sehen « , ermahnte sie sich . Dabei seufzte sie , indem sie eine Meldung unterdrückte , die ohne ihre Erlaubnis über die Zunge gleiten wollte . Endlich nach mehrfachem Wechsel zwischen Seufzen und Verstummen überquoll ihr die Stimme . » Er macht mir Sorge « , klagte sie . » Sorge ? wieso ? « fragte er erstaunt . Sie zauderte mit der Antwort . Doch nachdem sie einmal einen Zipfel der Wahrheit abgedeckt , mußte sie sie auch hervorziehen . » Es ist nicht recht mit ihm « , gestand sie . » Es reut ihn wieder zur Hälfte . Er beschwert sich über dich , er nimmt dirs nachträglich übel , was er dir versprochen hat . Du habest ihn an die Wand gedrückt und ihm das Messer an