dem Spital kam , hatte er keinen Heller , keinen Bissen Brot . Es blieb ihm nichts übrig , als an die Thüren seiner Freunde und Bekannten , später auch Fremder zu pochen . Da lernte er tief in die Menschenherzen blicken . Er sah die Härte , die Selbstliebe , die Vergötterung des Mammons , die da wohnten . Alle die häßlichen Eigenschaften der Menschen enthüllten sich ihm nackt , denn wer verstellt sich vor einem Bettler ? Sein edles Herz litt sehr unter diesen Erfahrungen . Mehr über die Andern , als über seine eigene Not grämte er sich . Wie diesen Menschen helfen , emporhelfen , ging ihm im Kopfe herum . Er sprach an allen Pforten , an die er bittend klopfte , ein paar tiefe , aus der Seele kommende Mahnworte . Manche Leute hörten auf ihn , manche ließen ihn stehen und schlugen ihm die Thür vor der Nase zu , manche verlachten , ja mißhandelten ihn . Aber einige lauschten ihm , luden ihn ein , näherzutreten und gaben ihm willig Gehör . Er erwarb sich Freunde , Gönner , Anhänger . Man gab ihm so viel , daß er viele seiner herrlichen Ansichten in kurzen Schriften niederlegen , drucken und veröffentlichen lassen konnte . Er redete auch dann und wann in besonders dazu gemieteten Lokalen , die von Zuhörern dicht besetzt waren . Eine edle Frau , die sich sehr für seine Ansichten begeisterte , gab ihm die Mittel , eine Zeitschrift zu gründen . Man abonnierte darauf , viele , weil er und seine Lehre plötzlich Mode geworden war , andere , weil sie die tiefen Wahrheiten derselben ergriffen . Eines Tages schossen die Begüterten seiner Anhänger eine Summe zusammen , die es ihm ermöglichte , diese Wohnung hier zu mieten und sich ganz seinen reformatorischen Bestrebungen hinzugeben . Ich stand eben vor dem Abiturientenexamen , es ist zwei Jahre her , als ich seine Lehre verkünden hörte und von ihr so gepackt wurde , daß ich sofort hierherkam und mich ihm mit Leib und Seele hingab . Auch Paulus , der Sohn reicher Eltern , verzichtete auf alle Vorteile und die Liebe seiner Familie , und folgte ihm . Er hat in allen Kreisen warme Anhänger ; man nennt ihn einen neuen Messias , er aber will nur Johannes sein . Er lehrt die Liebe , die Lauterkeit , die Gemeinsamkeit in allem . Er ist überaus gütig , und behält nichts von den Geldern , die für ihn fortwährend einlaufen , für sich . Alles verwendet er zu wohlthätigen Zwecken , so z.B. erhält er uns beide , mich und Paulus « . In diesem Augenblick trat der , von dem sie sprachen , herein . Johanne , noch überwältigt von dem eben Vernommenen , ergriff seine Hand und zog sie an ihre Lippen . Er fuhr liebkosend über ihre Wange . » Willst du nun arbeiten , Kind ? « Sie setzte sich an den Schreibtisch und er , die Hände auf dem Rücken verschränkt , schritt auf und nieder . Er diktierte ihr etliche Briefe . Er nannte alle Leute : du . Einige der Antworten waren an hochgestellte Persönlichkeiten gerichtet . Eine Prinzessin hatte angefragt , ob es etwas Uebles zu bedeuten habe , daß ihr Theeglas zersprungen sei . Ein junger Kaufmann glaubte den Geist seines Vaters gesehen zu haben und erlaubte sich an den Meister die Frage , wie er sich in Zukunft bei ähnlichen Erscheinungen zu verhalten habe . Zwei Schulmädchen beschworen Johannes , sie als Jüngerinnen anzunehmen . Ein Herr bat um die Adresse des Tuchlagers , von dem der Meister den Stoff zu seiner Kutte bezöge . Mehreremale kräuselten sich Johannens Lippen zu einem Lächeln während der Diktate . Johannes zürnte ihr nicht darob . » Es giebt seltsame Gesellen , aber die ewige Liebe nimmt alle auf . Ihr gilt der Kern , nicht die Form . Dieses alles ist gutes Material , verwendbar für mich « . Er spricht wie ein Gott , der Schöpfungen in der Hand hält , dachte das junge Mädchen . Und er ist auch eine Art Gott . - Später kam Paulus herein . Er setzte sich neben Angelus , der über ein Bündel Rechnungen vertieft war . » Soll ich dir helfen ? « » Nein , ich danke dir « . Paulus langte einen Stoß Zeitschriften herab . Er blätterte sie flüchtig durch und machte hie und da eine Bemerkung mit dem Blaustift in sein Notizbuch . So arbeiteten sie einträchtig neben einander . Plötzlich klopfte es , und eine junge , elegante Dame trat ein . » Ich grüße euch « . Ihre Hände drückten die der Freunde . » Meine neue Sekretärin « stellte der Meister Johanne vor . » Ich hoffe , du wirst dich hier sehr glücklich fühlen « sagte die Dame zu dem jungen Mädchen . Dann ließ sie sich nieder und zog ein Päckchen Blätter heraus . » Gefallen sie dir ? « Es waren Lichtdrucke nach einer Photographie des Meisters , die sie selbst ausgeführt hatte . Johannes betrachtete sie interessiert . » Ich finde sie sehr ähnlich , nur hast du mir eine gar zu pathetische Pose gegeben « . » Du darfst eine annehmen « entgegnete das Fräulein kurz « . » Zeig « bat Paulus , und zog Johannes eins der Blätter aus der Hand . Angelus sah ihm mit glänzenden Augen über die Schulter und reichte das Blatt dann Johanne hinüber . Es stellte Johannes in seiner gewöhnlichen Kleidung dar , die eine Hand wie segnend erhoben , die andere auf die Brust gelegt . » Gefällt es dir ? « fragte die junge Dame , den Kopf nach Johanne wendend . » Sehr « . » Dann behalte es « . In ihrer Stimme lag ein herrischer Tonfall . » Ich habe vorläufig dreitausend Stück bestellt . Man wird sie , da du selbst Sonnabend nicht reden darfst und Professor