werden , war es mir gar nicht zu thun . Am liebsten wäre es mir gewesen , mit dem Manne meiner Wahl das Leben in ländlicher Zurückgezogenheit zu verbringen ; aber dennoch waren mir seine eben geäußerten Entschlüsse lieb . Denn dieselben bewahrten ihn vor dem Makel des Verdachtes , welchen mein Vater gegen ihn gehegt , und der ihn sicherlich auch in den Augen der Welt getroffen hätte . » Ja , ganz ausgesöhnt « - fuhr mein Vater fort . » Denn aufrichtig : ich glaubte , es sei Ihnen hauptsächlich darum zu thun .... nun , nun - Sie brauchen nicht so wütend zu schauen - ich meine : nebenbei darum zu thun , sich ins Privatleben zurückzuziehen , und da hätten Sie sehr unrecht gethan . Auch meiner Martha gegenüber - die ist nun schon einmal ein Soldatenkind , eine Soldatenwitwe - und ich glaube kaum , daß sie einen in Civilkleidern auf die Dauer lieb haben könnte . « Jetzt mußte Tilling lächeln . Er warf mir einen Blick zu , welcher deutlich sagte : Ich kenne Dich besser , und antwortete laut : » Das glaube ich auch : sie hat sich eigentlich nur in meine Uniform verliebt . Im September desselben Jahres fand unsere Trauung statt . Mein Bräutigam hatte sich für die Hochzeitsreise einen zweimonatlichen Urlaub erwirkt . Unsere erste Etappe war Berlin . Ich hatte den Wunsch geäußert , einen Kranz auf das Grab von Friedrichs Mutter niederzulegen und unsere Reise mit diesem Pilgergang zu eröffnen . In der preußischen Hauptstadt hielten wir uns acht Tage auf . Friedrich machte mich mit seinen dort lebenden Verwandten bekannt und alle erschienen mir als die liebenswürdigsten Leute von der Welt . Freilich - wenn man eben die rosafarbenen Brillen trägt , durch welche man während der Honigwochen die Außenwelt zu betrachten pflegt , da findet man alles lieb und schön . Zudem wird neuvermählten Paaren allseitig mit heiterer und freundlicher Zuvorkommenheit begegnet : alles hält sich für verpflichtet , auf ihre ohnedies so blühenden Pfade immer neue Rosen zu streuen . Was mir an den Norddeutschen besonders wohlgefiel , war die Sprache . Nicht nur , weil dieselbe den Accent meines Mannes aufwies - eine seiner Eigentümlichkeiten , in welche ich mich zuerst verliebt hatte - sondern weil sie mir , im Vergleich zu der in Österreich üblichen Redeweise , ein höheres Bildungsniveau zu bekunden schien ; oder vielmehr , nicht nur schien , sondern in der That bekundete . Grammatikalische Verstöße , wie solche die Umgangssprache der besseren wiener Kreise verunstalten , kommen in der guten berliner Gesellschaft nicht vor . Die preußische Verwechselung des Dativ und Accusativ : » Gieb mich einen Federhut « bleibt auf die unteren Klassen beschränkt , während die in Wien üblichen Kasus-Fehler : » Ohne Dir « - » Mit die Kinder « häufig genug in den ersten Salons gehört werden . » Gemütlich mögen wir immerhin unsere Sprache nennen und dieselbe von den Ausländern auch so befunden werden lassen - eine Inferiorität stellt sie jedenfalls vor . Wenn man Menschenwert nach der Bildungsstufe mißt - und welchen richtigeren Maßstab gäb ' es wohl , als diesen ? - so ist der Norddeutsche um ein Stückchen mehr Mensch , als der Süddeutsche - ein Ausspruch , der im Munde eines Preußen sehr » arrogant « klänge , und aus der Feder einer Österreicherin sehr » unpatriotisch « erscheinen mag ; - aber wie selten gibt es eine ausgesprochene Wahrheit , die nicht irgendwo oder irgendwen verletzte ... Unser erster Besuch in Berlin - nachdem wir auf dem Friedhofe gewesen - galt der Schwester der Verstorbenen . Aus der Liebenswürdigkeit und geistigen Bedeutendheit dieser Frau konnte ich schließen , wie liebenswürdig und bedeutend Friedrichs Mutter gewesen sein mußte , wenn sie Frau Kornelie von Tessow glich . Letztere war die Witwe eines preußischen Generals und besaß einen einzigen Sohn , welcher damals eben Lieutenant geworden war . Einem schöneren Jüngling wie diesem Gottfried von Tessow bin ich in meinem ganzen Leben nicht begegnet . Rührend anzusehen war es , wie Mutter und Sohn an einander hingen ; auch darin schien Frau Kornelie Ähnlichkeit mit ihrer verstorbenen Schwester gehabt zu haben . Wenn ich den Stolz sah , welchen sie augenscheinlich in Gottfried setzte , und die Zärtlichkeit , mit welcher dieser seine Mutter behandelte , so freute ich mich schon in Gedanken auf die Zeit , wo mein Sohn Rudolf erwachsen sein würde . Nur eines konnte ich nicht begreifen , und ich äußerte dies auch zu meinem Manne : » Wie kann eine Mutter ihr einziges Kind , ihr Kleinod , einen so gefährlichen Beruf ergreifen lassen , wie den militärischen ? « » Es gibt einfach Gedanken , liebes Herz , « antwortete mir Friedrich , » die niemand denkt , naheliegende Erwägungen , die niemand anstellt . Ein solcher Gedanke ist die Gefährlichkeit des Soldatenberufes . Den läßt man nicht aufkommen : es liegt - so meint man - eine Art Unanständigkeit und Feigheit darin , diese Erwägung in Betracht zu ziehen . Es wird als so selbstverständlich und unvermeidlich angenommen , daß diese Gefahr bestanden werden muß und eigentlich fast immer glücklich bestanden wird ( die Prozente der Gefallenen verteilen sich auf die anderen ) , daß man an die Todeschance gar nicht denkt . Sie ist zwar da - aber das ist sie ja für jeden Geborenen , und keiner denkt an den Tod . In dem Verjagen lästiger Begriffe vermag der Geist Großes zu leisten . Und schließlich : was kann ein preußischer Edelmann wohl für eine angenehmere und angesehenere Stellung haben als die eines preußischen Kavallerieoffiziers ? « Tante Kornelia schien auch an mir Gefallen zu finden . » Ach , « seufzte sie einmal - , » daß meine arme Schwester die Freude nicht erleben sollte , solch eine Schwiegertochter zu besitzen und ihren Friedrich so glücklich zu sehen wie er es jetzt an Deiner Seite ist . Es