wunderte es ihn eigentlich nicht . Was war ihm Hedwig , wenn er vor Lydia auf den Knieen lag ? Und was war ihm Lydia , wenn er Hoffnung hatte , mit seiner schönen Nachbarin hier eine süße , köstliche Nacht ... eine Nacht berauschenden Minnespiels , genießen zu dürfen ? Und was würde ihm dieses Weib sein , wenn er morgen ein anderes fände , das ihm noch größere , feinere , heftiger lockende Reize entgegenbrächte - ? Er suchte ja langst nicht mehr im Weibe ein Weib ... ein besonderes , individuelles , ihm congeniales Weib - er suchte nur noch das Weib , welches sich von jenem einem Weibe gerade soviel geborgt hatte , daß es ihm für eine mehr oder weniger große Spanne Zeit genügen konnte . Und doch ... jenes eine Weib - waren die Tage schon vorüber , da er geträumt hatte , daß er es finden würde ? Waren sie wirklich schon vorüber oder ... oder träumte er jetzt noch zuweilen denselben dummen , einfältigen Traum ? Das wäre doch zu geschmacklos . Die Jugend mit dem geschmeidigen Gehirn im Schädel und dem frischen , unausgefahrenen Pumpwerk des Herzens - ja ! die besitzt wohl das Recht und die Kraft , zu abstrahiren ... Idealschemen zusammenzukneten : fehlt ihr doch noch die ganze massive Fülle des Lebens , der Erfahrung an den Objekten . - Aber wie im spätgewordenen Menschen noch so Mancherlei rudimentär bleibt ... liebliche Erinnerungen aus den Kindheitstagen animalischen Erdenlebens - so nimmt der ältergewordene Einzelmensch nicht minder ... ganz unwillkürlich ... noch dieses und jenes Moment aus seiner Kindheit in die späteren Tage mit hinüber : ein Ideal , eine harmlose Abstraktion ... einen Traum , der einmal so frisch und so voll und so saftig gewesen ... und der sich nun - o ! alle Farben und Formen des Lebens allmählich hat abstehlen lassen müssen ... Adam beugte sich vor und legte den Rest seiner Cigarette auf den Aschenteller . Der Herr ihm gegenüber erhob sich jetzt plötzlich mit einem halblaut zu seiner Dame geknurrten » Verzeih ! « und ging nachlässig-langsamen Schrittes hinaus . Adam mußte die Situation benutzen . » Sie haben einen ganz vorzüglichen Geschmack , mein gnädiges Fräulein - « begann er mit unwillkürlich ein Wenig stockender , undeutlich verschleierter Stimme . Die Dame schien Adams Anrede vollständig überhört zu haben . Sie klopfte mit dem Löffel sehr energisch an ihr Kaffeeglas und bestellte bei dem Kellner , der herangestürzt kam , noch einen Eiskaffee . » Mein Kind ! Ich bitte Dich ! Thu ' doch nicht so ! Du hast Dich eben ' mal versehen ! ... Dieser Fatzke ! Dieses anlackirte Rhinoceros - - kannst Du Dich denn nicht losmachen ? Komm ! Es ist viel gescheiter , wenn wir beide heute zusammenschlafen - « Adam hatte schon etwas lauter und zudringlicher gesprochen . Die Apathie der Dame ärgerte ihn . Aber das kleine Weib rührte und regte sich nicht . Es saß sehr steif , sehr abgewandt , sehr unnahbar da . Jetzt kam das Getränk . » Noch ein Eiskaffee ! « Die schöne Sünderin beugte sich graziös über die beiden zarten , sauberen Strohröhrchen und zog sie zwischen die schmalen , dünnen , blaßrothen Lippenlinien . Gerade dabei erhielt Adam einen kurzen , äußerst liebenswürdigen und aufmunternden Seitenblick . Der Herr Doctor hatte die Belagerung schon abbrechen wollen . Aber seine Sache schien doch gar nicht so ungünstig zu stehen . Wenn nur der Mensch ... der unbequeme Bursche noch ein paar Sekunden bleiben wollte , wo er war . » Ihr Weiber scheint doch manchmal recht dumme Kerls zu sein ! Auf den Ersten Besten fallt Ihr ' rein ! ... Also ! ... Du gehst mit mir - nicht wahr - ? « » Wie soll ich ihn denn los werden - ? Heute muß ich schon ... morgen - wir können uns ja irgendwo treffen - « » Ach was morgen ! Heute ! Es ist übrigens schon längst heute , mein Kind - und wir thun sehr gut , wenn wir dieses ominöse heute recht früh anfangen ... mir wäre es recht , wenn wir es auch - - « Adam hielt plötzlich inne . Er hatte zufällig nach dem nächsten Billard hinübergesehen und bemerkt , daß dort der Ritter der Dame stand , anscheinend dem Spiele zusah , in Wahrheit aber seine Auserwählte und ihren neuen Galan scharf beobachtete . » Der Würfel ist gefallen , Kind - Dein Herr und König hat schon Lunte gerochen - die Sache wird sich sofort entscheiden - « » Um Gottes Willen - ! « Jetzt kam der gute Mann affektirt-nachlässig , die Hände in den Hosentaschen , im Gesicht einen Ausdruck furchtsamer Verbissenheit , nach seinem Stuhle zurückgeschlendert . Er setzte sich langsam , nachdrücklich nieder , griff nach seinem Glase und würdigte die Dame seines Herzens keines Blickes . Adam aber Hub an , also zu ihm zu sprechen : » Gestatten Sie , mein Herr , daß ich mich vorstelle ! Mein Name ist Doctor Mensch . Ich sehe , daß Sie geradeso ein Anhänger der sogenannten freien Liebe sind - wie ich . Das heißt : wohl ebenfalls nur in der ... Praxis - denn theoretisch werden Sie aus gewichtigen , socialen Gründen die freie Liebe ebenso sehr verwerfen - wie ich es thue . Nun ist aber einer der Hauptparagraphen dieser praktisch angewandten freien Liebe , daß das Weib den Mann verlassen darf , sobald es seiner überdrüssig geworden ist . Nun ist aber die hier momentan zwischen uns sitzende junge Dame Ihrer so ziemlich überdrüssig geworden , wie sie mir soeben gestanden hat , und hätte Lust , mir ihre Gunst zuzuwenden . Ergo werden Sie nur consequent sein , mein Herr , wenn Sie die Dame sofort freigeben und - mir überlassen . - Nicht wahr ? - Sie begreifen - ? « Auf diesen feierlichen Appell schien der