Frau , « erwiderte Schlichting im Brustton der Überzeugung , ganz überwältigt von so viel Güte und Geheimnis . » Womit kann ich Ihnen dienen ? « Dabei rückte er seinen alten Strohsessel so nahe , daß sich fast ihre Knie berührten . » Schließen Sie das Fenster , es weht kalt vom Wasser herüber . Die Abendluft ist nicht gesund . « Schlichting sprang von seinem Rohrsessel auf und eilte ans Fenster . Er mußte sich halb über die Frau beugen , um hm zu gelangen ; dabei streifte er ihre Schulter und der Duft des vollen dunklen . Haares umwehte ihn . Mit zitternder Hand schloß er das Fenster . Wie blutiger Flammenschein lohte das Abendrot über den Himmel hin und rieselte durch die tiefschwarzen Wipfel der Maximiliansanlagen . » Es wird so schnell Nacht . Soll ich nicht Licht machen ? « Er wurde ganz verwirrt und seine Stimme schwankte unsicher , als ihm einfiel , daß am Ende kein Tropfen Öl mehr in der Lampe und auch die letzte Stearinkerze aufgebraucht sei . » Ich bin blamiert , « dachte er . » O nein , verhandeln wir nur im Dunkeln ... Also hören Sie . Ich bin hilflos . Sie ahnen vielleicht , wie wenig ich auf meinen Mann rechnen kann in vielen wichtigen Stücken . Nicht wahr , das überrascht Sie eigentlich nicht ? « Nun setzte sie etwas höher , aber leiser ein , wie aufseufzend : » Du lieber Gott , man muß die Männer nehmen , wie man sie bekommt ... Da war mir der Baron Drillinger manchmal eine rechte Hilfe . Sie verstehen das , nicht wahr , Herr Schlichting ? « Verstehen ? Vorläufig verstand er gar nichts . Es war ihm alles wie ein Traum , ein sehr pikanter , aber noch mehr verworrener Traum ... Wie vom Ewigweiblichen gehetzt , ohne seinen Willen und sein Zuthun ... Aber Schlichting nickte eifrig im Dunkeln ; sie rückte unruhig mit ihrem Stuhl . » Der Baron ist unser Hausfreund ... Sagten Sie etwas ? « Nein , er sagte nichts , der gute Schlichting , nur hatte ihm der Ausdruck » Hausfreund « sonderbar ins Ohr geklungen , verdächtig , fast unangenehm . Die große , schöne , edle , herzensgute Frau - und » unser Hausfreund « ; es hatte etwas Banales , Gemeines für sein Gefühl ; er gab sich in diesem Augenblick keine Rechenschaft warum , wieso - aber es war seine Empfindung . Der bescheidene Mann hätte nicht an des Barons Stelle sein mögen . Und doch glich es einer Abbitte , als er weich erwiderte : » O nein , gnädige Frau , ich sagte nichts . Ich begreife , das heißt , ich suche alles zu begreifen . « » Sie sind immer lieb , « fuhr sie fort und griff nach seiner Hand , die flach und unbewußt trommelnd auf dem Tischrande lag , und zog einen Finger nach dem andern , wie spielend , in ihre behandschuhte Rechte ; und indem sie jetzt seine ganze Hand mit ruhigem Drucke festhielt , sprach sie hastig mit vorgebeugtem Haupte und fest auf ihn gerichteten Augen , die durchs Dunkel Phosphoreszierten : » Sie sollen nur helfen , daß er unser Hansfreund bleibe , es ist notwendig für unser aller Frieden und Glück . Er hat plötzlich sein Verhalten geändert . Ich habe ihm heute in aller Frühe geschrieben , ich habe ihm Boten geschickt , ich habe ihm nachmittags telegraphiert , umsonst , ich bin bis zu dieser Stunde ohne Antwort . Und es handelt sich um eine wichtige Angelegenheit . Er ist hier , er ist nicht verhindert , mir zu antworten . Er schweigt mit Willen . Er hat eine krankhaft reizbare Natur . Wer weiß , was geschehen ist , um ihn gegen uns aufzuhetzen ! Und oft fehlt ihm so ganz das Talent , seiner Stimmungen Herr zu werden und sich fremden Einflüssen zu entziehen . Ach , daneben hat er so vortreffliche , so einzige Eigenschaften ... Den Vormittag ist er bei dem Bankier Weiler gesehen worden , mittags hat er in sehr übler Laune im Café Paul gespeist - dann habe ich seine Spur verloren , keine meiner Anfragen wurde beantwortet . In seine Wohnung kann ich persönlich nicht dringen ; seine Hausdame hat die stärksten Vorurteile gegen mich und würde mich nicht empfangen . Das ist eine alte , bigotte Jungfer , die schon seit Menschengedenken das Drillingersche Hauswesen wie ein Drache bewacht und immer ihren Willen durchgesetzt hat . Vielleicht hat auch sie wieder ihre Hand im Spiel , wer weiß ! O diese gestrenge Jungfer Brigitta ist mir schrecklich aufsässig . Der Baron selbst fürchtet sich oft vor ihr . Das weiß ich bestimmt , aus seinem eigenen Munde ... Und in meiner entsetzlichen Ratlosigkeit hab ' ich an Sie gedacht ... An Sie , Herr Schlichting , den lieben , guten Lehrer meiner Kinder , wende ich mich wie an einen heiligen Nothelfer ! « Und mit leidenschaftlichem Druck zog sie seine Hand an sich und legte sie auf ihre Brust : » Fühlen Sie , wie ' s hier klopft ? Ich bin in einer entsetzlichen Herzensangst . Ich liebe ihn als meinen besten Herzensfreund und kann ihn nicht missen . Es war mir ein furchtbar schwerer Schritt , zu Ihnen zu kommen und Ihnen das zu sagen - aber ich wußte mir niemand , zu dem ich so viel Vertrauen hätte ... Ich bin von Feinden umgeben ... Ich habe heute in aller Frühe einen Drohbrief erhalten ... Man will meinen Mann öffentlich bloßstellen ... Ich habe einen andern Brief erhalten , der voll hämischen Eifers von einer neuen Liaison des Barons mit einer bekannten Künstlerin berichtet , und in Ausdrücken , o , in Ausdrücken ... Alles hat sich wider mich verschworen ... Und noch viel anderes ist mir zugetragen worden : er soll sich in einer sehr schwierigen finanziellen