du vergissest , daß auch die verschuldeten Bauern , die Debitoren und Konkursiten , arme Leute aller Art , mit dem Notar zu tun haben , das muß man dir ja nicht sagen ! Und diese haben bei den Notarwahlen die Mehrheit , wie anderwärts ! « » Auch wieder wahr ! Hör jetzt , da Vorteil und Nachteil sich so gleichmäßig gegenüberstehen , so schlag ich vor , die Parteien unter uns auszuwürfeln ! « » Kellnerin , den Würfelbecher ! « Als das Geräte da war , ergriff es Julian und schüttelte es . » Wie soll es nun gelten ? Ich denke , wir schließen alle Nebenparteien aus und spielen nur um die zwei Hauptlager ! « » Also Demokrat oder Altliberaler ! Da reicht ein Wurf hin ; wer die meisten Augen wirft , wird das , was vorher bestimmt wurde , der andere nimmt den andern Namen an . « » So sagen wir , der Gewinnende wird Demokrat , der Verlierende Altliberaler ! Soll es gelten ? « » Fest soll es gelten ! « » Trink vorher den Rest , a tempo , prosit ! « » Drauf los , prosit ! « Julian schüttelte nochmals die drei Würfel und stürzte den Becher auf den Tisch . Es lagen achtzehn Augen , alle drei Sechser . » Es ist schon fertig ! « rief Isidor . » Nein , du wirfst auch , du kannst ja ebensoviel werfen und dann stechen wir ! « sagte der Bruder Julian . Der andere warf , aber nur dreizehn Augen . » Prosit Anstich , Herr Demokrat ! « rief er und der andere , Julian , rief : » Prosit Anstich , Herr Altliberaler , vulgo Zopfius ! « X Die Brüder , so einig sie waren , trennten sich nur insofern vor der Welt , als jeder denjenigen Volks- oder Bürgerkreisen nachging , die seinem Parteinamen entsprachen . Da sie noch wenig politischen Verstand und Gedankenvorrat besaßen , so fiel es ihnen nicht schwer , sich mehr durch ihre Anwesenheit als durch Reden bemerklich zu machen und dagegen mit einer den Sprachführern gewidmeten schmeichelhaften Aufmerksamkeit deren Wohlgefallen zu erwerben . Nach und nach erwiesen sie sich nützlich durch vorkommende mindere Schreibarbeiten , die sie bereitwillig besorgten , und durch vertrauliche Mitteilungen aus dem Lager der Gegenpartei , von Absichten und Beschlüssen , drolligen oder nachteiligen Vorfällen , persönlichen Reibungen und dergleichen , was sie einander jeweilig ungesäumt zuraunten . Das gab ihnen unter ihren Leuten dann den Ruf rühriger und gut unterrichteter Politiker , wenn sie vorsichtig und ganz wie beiläufig die Neuigkeit an den Mann brachten . Es ist übrigens anzunehmen , daß der letztere Zug nicht sowohl aus bösartiger Falschheit , als aus dem leichtsinnigen Spiel hervorging , das sie mit dem Parteiwesen trieben . Noch andere , unschuldigere Ränke übten sie fleißig . Wenn sie in eine öffentliche Zusammenkunft , einen Verein oder auch nur sonst ins Wirtshaus gingen , sorgten sie dafür , daß ihnen ab und zu dringliche Geschäftsbriefe und Telegramme aus ihren Kanzleien nachgesandt oder daß sie persönlich hinausgerufen wurden . Das belächelten zwar erfahrene Unterstreber , aber mit Achtung und Wohlwollen . Sie hielten es für etwas durchaus Tüchtiges , quasi Staatsmännisches , und verrieten das ihnen bekannte Geheimnis keineswegs an die Menge . Die Brüder gediehen auf das beste und gewannen jeder an seinem Orte , täglich an Ansehen und Beliebtheit im Volke . Die sicheren Hoffnungen auf die Ämter ihrer beiden Vorgesetzten erfüllten sich allerdings nicht . Der eine , der hatte abgehen wollen , ward plötzlich eifersüchtig und besann sich anders ; derjenige , der nach Ablauf seiner Amtsdauer gestürzt werden sollte , machte verzweifelte Anstrengungen und empfahl sich persönlich in den Häusern der Stimmberechtigten , so daß er mit knapper Mehrheit wieder bestätigt wurde . Sein Substitut Julian , der sich unbefangen beworben , erhielt aber so viel Stimmen , daß er durch die Ziffer schon eine Anwartschaft unter den hervorragenden Kandidaten bekam . Die zwei jungen Männer säumten unter solchen Umständen nicht länger , sich außerhalb ihrer Notariatskreise umzutun und erworbene Freundschaften zu benutzen , und so währte es nicht zu lange , bis jeder in einer fruchtbaren , wohlhabenden Gegend des Landes zum Notar erwählt worden , Isidor , der Altliberale , im Norden , und Julian , der Demokrat , im Osten von Münsterburg . Im Zeisig herrschte Freude . Frau Amalie Weidelich rief : » Zwei Landschreiber zu Söhnen ! « und der Vater Jakob sagte : » Ja , du hast ' s erreicht , was die Ehre betrifft ! Aber mit dem Einkommen der Notare soll es nicht mehr glänzend stehen ! Wir werden noch weiter opfern müssen ! « » Ei , da sorg du nicht ! « eiferte die Mutter , » diese Sorte bleibt nicht lang auf dem Fleck stehen ! « » Jedenfalls , « fuhr Jakob Weidelich unbeirrt fort , » braucht jeder alsbald ein Haus , einen anständigen Wohnsitz ; denn mit einer Landschreiberei kann man nicht bei Bauersleuten zur Miete wohnen ! Das wird auch Geld kosten ! « Die Söhne beruhigten den Vater . Zu einem artigen Haus oder gar einem mäßigen Landgute zu kommen , ergebe sich die vorteilhafteste Gelegenheit aus dem amtlichen Geschäftsleben selbst bei Anlaß von Konkursabsteigerungen , Erbverkäufen und anderen Fällen von Handänderungen , wo ein gewandter Notar , wenn er die Augen auftue und etwas wage , ja zunächst bei der Anrichte stehe . Vater Weidelich verstand sich nicht recht auf solche Geschäftsläufe ; von den alten Landschreibern seines Gedenkens hatte man dergleichen Praxis nicht vernommen ; doch war er selber kein Gewinnverächter und fand es schließlich um so besser , wenn hier das biblische Wort gelte : Dem Ochsen , der da drischt , sollst du nicht das Maul verbinden . Die gute Mutter vermochte kein Wort mehr zu sagen , so gerührt , so betroffen war sie , die Söhne in eigenen