und eine neue Lehrmethode , und beide können nichts schaden , Herr Kandidat . Jetzt wollen wir uns freuen , daß das Kind so weit ist , und auf guten Fortgang hoffen . « Damit begleitete sie den Herrn Kandidaten zur Tür hinaus und ging rasch nach dem Studierzimmer , um sich selbst der erfreulichen Nachricht zu versichern . Richtig saß hier Heidi neben Klara und las dieser eine Geschichte vor , sichtlich selbst mit dem größten Erstaunen und mit einem wachsenden Eifer in die neue Welt eindringend , die ihm aufgegangen war , nun ihm mit einemmal aus den schwarzen Buchstaben Menschen und Dinge entgegentraten und Leben gewannen und zu herzbewegenden Geschichten wurden . Noch am selben Abend , als man sich zu Tische setzte , fand Heidi auf seinem Teller das große Buch liegen mit den schönen Bildern , und als es fragend nach der Großmama blickte , sagte diese freundlich nickend : » Ja , ja , nun gehört es dir . « » Für immer ? Auch wenn ich heimgehe ? « fragte Heidi ganz rot vor Freude . » Gewiß , für immer ! « versicherte die Großmama ; » morgen fangen wir an zu lesen . « » Aber du gehst nicht heim , noch viele Jahre nicht , Heidi « , warf Klara hier ein ; » wenn nun die Großmama wieder fortgeht , dann mußt du erst recht bei mir bleiben . « Noch vor dem Schlafengehen mußte Heidi in seinem Zimmer sein schönes Buch ansehen , und von dem Tage an war es sein Liebstes , über seinem Buch zu sitzen und immer wieder die Geschichten zu lesen , zu denen die schönen bunten Bilder gehörten . Sagte am Abend die Großmama : » Nun liest uns Heidi vor « , so war das Kind sehr beglückt , denn das Lesen ging ihm nun ganz leicht , und wenn es die Geschichten laut vorlas , so kamen sie ihm noch viel schöner und verständlicher vor , und die Großmama erklärte dann noch so vieles und erzählte immer noch mehr dazu . Am liebsten beschaute Heidi immer wieder seine grüne Weide und den Hirten mitten unter der Herde , wie er so vergnüglich , auf seinen langen Stab gelehnt , dastand , denn da war er noch bei der schönen Herde des Vaters und ging nur den lustigen Schäfchen und Ziegen nach , weil es ihn freute . Aber dann kam das Bild , wo er , vom Vaterhaus weggelaufen , nun in der Fremde war und die Schweinchen hüten mußte und ganz mager geworden war bei den Trebern , die er allein noch zu essen bekam . Und auf dem Bilde schien auch die Sonne nicht mehr so golden , da war das Land grau und nebelig . Aber dann kam noch ein Bild zu der Geschichte : da kam der alte Vater mit ausgebreiteten Armen aus dem Hause heraus und lief dem heimkehrenden reuigen Sohn entgegen , um ihn zu empfangen , der ganz furchtsam und abgemagert in einem zerrissenen Wams daherkam . Das war Heidis Lieblingsgeschichte , die es immer wieder las , laut und leise , und es konnte nie genug der Erklärungen bekommen , welche die Großmama den Kindern dazu machte . Da waren aber noch so viele schöne Geschichten in dem Buch , und bei dem Lesen derselben und dem Bilderbesehen gingen die Tage sehr schnell dahin , und schon nahte die Zeit heran , welche die Großmama zu ihrer Abreise bestimmt hatte . Heidi nimmt auf einer Seite zu und auf der anderen ab Die Großmama hatte während der ganzen Zeit ihres Aufenthalts jeden Nachmittag , wenn Klara sich hinlegte und Fräulein Rottenmeier , wahrscheinlich der Ruhe bedürftig , geheimnisvoll verschwand , sich einen Augenblick neben Klara hingesetzt ; aber schon nach fünf Minuten war sie wieder auf den Füßen und hatte dann immer Heidi auf ihre Stube berufen , sich mit ihm besprochen und es auf allerlei Weise beschäftigt und unterhalten . Die Großmama hatte hübsche kleine Puppen und zeigte dem Heidi , wie man ihnen Kleider und Schürzchen macht , und ganz unvermerkt hatte Heidi das Nähen erlernt und machte den kleinen Frauenzimmern die schönsten Röcke und Mäntelchen , denn die Großmama hatte immer Zeugstücke von den prächtigsten Farben . Nun Heidi lesen konnte , durfte es auch immer wieder der Großmama seine Geschichten vorlesen ; das machte ihm die größte Freude , denn je mehr es seine Geschichten las , desto lieber wurden sie ihm , denn Heidi lebte alles ganz mit durch , was die Leute alle zu erleben hatten , und so hatte es zu ihnen allen ein sehr nahes Verhältnis und freute sich immer wieder , bei ihnen zu sein . Aber so recht froh sah Heidi nie aus , und seine lustigen Augen waren nie mehr zu sehen . Es war die letzte Woche , welche die Großmama in Frankfurt zubringen wollte . Sie hatte eben nach Heidi gerufen , daß es auf ihre Stube komme ; es war die Zeit , da Klara schlief . Als Heidi eintrat mit seinem großen Buch unter dem Arm , winkte ihm die Großmama , daß es ganz nahe zu ihr herankomme , legte das Buch weg und sagte : » Nun komm , Kind , und sag mir , warum bist du nicht fröhlich ? Hast du immer noch denselben Kummer im Herzen ? « » Ja « , nickte Heidi . » Hast du ihn dem lieben Gott geklagt ? « » Ja . « » Und betest du nun alle Tage , daß alles gut werde und er dich froh mache ? « » O nein , ich bete jetzt gar nie mehr . « » Was sagst du mir , Heidi ? Was muß ich hören ? Warum betest du denn nicht mehr ? « » Es nützt nichts , der liebe Gott hat nicht zugehört , und ich glaube es auch wohl « , fuhr Heidi