allsonntäglich zu einer Stunde im Gitarrenspiel von seinem unfernen Schuldorfe in die Stadt , und zweifle ich nicht , daß diese Stunde ihm die angenehmste der Woche gewesen sei . Da zwitscherte denn die Dorl mit ihrem Lerchenstimmchen die Arien , welche der modischen Lektüre entsprachen : » vom kühnsten aller Räuber , den der Kuß seiner Rosa weckt « , oder » von dem Robert , den Elise an ihr klopfendes Herz ruft « . » Jungfer Ehrenhardine « schüttelte gar weise den Kopf . Denn wenn auch die Kleine diese Bedenklichkeiten mit der kindlichen Unschuld las und sang , ohne es zu wissen , tat sie es aus Langeweile , der recht eigentlichen Mutter weiblicher Schuld . Sie bewunderte meine Gelassenheit bei der Nachricht , daß ein Trauerfall in der landesherrlichen Sippe laute Lustbarkeiten für die Donnerstagsgesellschaft während des Sommers verbiete . » Ich möchte Sie nur ein einziges Mal tanzen sehen , Fräulein Hardine , « sagte sie seufzend , » oder nur ein einziges Mal selber wieder tanzen , wie sonst mit dem gnädigen Herrn Papa . « Der Faber hatte zum Weihnachtsangebinde eine schöne Granatschnur geschickt und als Gegengeschenk eine Perltasche für sein Verbandzeug erhalten . » Einen Tabaksbeutel hätte ich viel lieber gestrickt , « meinte die Dorl . » Aber er raucht ja nicht ; er kennt ja kein Vergnügen , als seine gräßlichen Messer und Zangen . « Im übrigen studierte und praktizierte Siegmund Faber unverdrossen weiter , rechnete auch ebenso unverdrossen auf das blutige Übungsfeld eines Operateurs . » Es wird eine Weile währen , ehe wir zueinander kommen , « sagte lachend die Dorl , » aber ich kanns ja abwarten . « » Das Kind hält sich musterhaft , « versicherte mein Vater und die Mutter konnte dem Lobe nicht widersprechen . Muhme Justine aber bemerkte kopfwiegend : » Man soll den Jungfernkranz nicht rühmen , bis man ihm die Hochzeitsmütze überstülpt . « Die zweite Trennung vom Hause war allerseits kein halber Tod , nachdem die erste so ungefährlich abgelaufen . Auch von dem zweiten Reckenburger Aufenthalt würde nichts Neues zu berichten sein . Als er sich zum Ende neigte , machte mir die Gräfin den Antrag , auch den Sommer hindurch und für alle Zeit bei ihr zu bleiben . Ich sagte rundweg » nein « . Denn wohl mutete das tätige Treiben auf Reckenburg mich freudiger an als die stille Beschränkung des Elternhauses , nimmermehr aber würde ich mein Heimatsrecht und meine Heimatspflicht in demselben freiwillig aufgegeben haben . Der Gräfin hingegen , obgleich sie mich ungern entbehrte , muß ich nachrühmen , daß mein Freimut sie nicht verletzte , ja daß diese rücksichtslose Ehrlichkeit es war , der ich die raschen Fortschritte in ihrem Vertrauen zu danken hatte . Ich ging schon in dieser Zeit unangemeldet bei ihr aus und ein , und der Riegel wurde nicht mehr vorgeschoben , wenn sie mich im Vorzimmer wußte . Wie bedeutend diese Fortschritte waren , sollte ich jedoch erst am Vorabend meiner zweiten Heimreise , der heuer mit dem solennen Prinzenfeste zusammenfiel , gewahr werden . Die Gräfin war den Tag über so guter Laune , wie ich sie noch niemals gesehen hatte . Sie erhielt eine ihrer geheimnisvollen Dresdener Korrespondenzen , die sie lächelnd las und wieder las . Ich bemerkte , daß sie ein Miniaturbild mit Wohlgefallen betrachtete und dann sorgfältig verschloß . » Schön - schön - wie er ! « hörte ich sie murmeln , und dann ein andermal : » Jung Blut hat Mut ! « Ja als ich nach der üblichen Mittagsruhe bei ihr eintrat , kam ich auf den sträflichen Gedanken , Hochgräfliche Gnaden haben sich im festlichen Champagner einen Spitz getrunken . Sie saß mit halbgeschlossenen Augen im Lehnstuhl und trällerte ganz munter ein Liebesliedchen , als dessen Dichterin die schöne Aurora von Königsmark genannt worden ist : » Die Liebe zündet Herzen durch der Augen Kerzen , Im Anfang ists ein Scherzen , dann folget Pein . « Der Eindruck war mir widerlich ; ich machte ein Geräusch und die Alte bemerkte mich . Noch murmelte sie : » Sie zwingt den Mut , sie dringt ins Blut , « dann schlug sie das Hauptbuch auf und wir rechneten noch eine Stunde miteinander , um die laufenden Geschäfte vor der Reise abzuschließen . Nach dem Souper folgte ich ihr zum Abschied in ihr Kabinett . » Du bist siebzehn Jahr alt , Eberhardine , « sagte sie , » und es könnte sich auch in deiner kleinen Stadt eine Gelegenheit finden , bei welcher eine standesmäßige Toilette geboten ist . Ich habe dir eine solche bestimmt , die für mich angeschafft , aber nicht benutzt wurde . Sie wird sich für dich zweckentsprechend arrangieren lassen . Du findest den Karton in deinem Zimmer . Öffne ihn erst , wenn du heim kommst , daß der Stoff sich nicht unnötig zerdrücke . « Ich küßte die Hand mit aufrichtigem Dank . Immerhin war es ja ein Akt des Heroismus , sich von einem in Reckenburg eingeführten Gegenstande zu trennen . Heimlich aber mußte ich darüber lächeln , daß der Anzug einer angehenden Matrone fast ein halbes Jahrhundert später für ein junges Mädchen arrangiert werden sollte , das sie um mehr als Kopfeshöhe überragte . Die Gräfin fuhr fort : » Du bist weder schön noch passioniert genug , Eberhardine , um jugendliche Wallungen zu entzünden . Deines Herzens bin ich sicher . Hüte dich aber vor einer vernunftsmäßigen Versorgung nach dem Zuschnitt deines elterlichen Lebens . Ich sehe Höheres für dich voraus . Deine Turnüre ist jetzt comme il faut ; Geist und Körper zeigen die Kraft , welcher die Stammütter großer Geschlechter bedürfen . Ich wiederhole es : du bist nicht bestimmt , Neigung zu wecken und zu befriedigen , du bist bestimmt , Achtung und Vertrauen zu fesseln , nachdem die Leidenschaft ausgeschäumt . Nicht heute oder morgen allerdings ; aber du zählst erst siebzehn und ich