unsererseits ihnen schuldig sind . Aber die Höhe des Weges ist erreicht ; da ist der knospende Wald , und alle ausgewachsenen Bäume schütteln im leisen Morgenwind altväterlich gutmütig die Häupter über das vorwitzige Gesindel der Sträucher und Büsche , welches die Zeit nicht erwarten konnte , welches über Nacht grün geworden ist . Natürlich standen Hans und Moses am Rande des Waldes still und blickten zurück auf den Weg , auf das Heimatstal und die Stadt Neustadt . Keine Spur mehr von Nebel , nach keiner Seite hin ! Alles klar und licht und frisch und sonnig ! Man konnte die Ziegel auf den Dächern drunten im Tal zählen ; - es schlägt eben sechs , und es ist so wunderlich , damit Abschied auch von den Glocken nehmen zu müssen . Wie verschieden waren die Gedanken der beiden jungen Männer , welche an demselben Baumstamm lehnten ! Licht und Schatten sind nicht so verschieden wie das , was durch die Seelen von Hans Unwirrsch und Moses Freudenstein zog . Der eine der Jünglinge hielt das Haupt gesenkt und bedeckte die Augen mit der Hand , der andere sah scharf hinab und lächelte . Sie standen beide und fühlten einen großen Hunger in ihrer Seele : alles , was in verschiedener Weise seinen Anfang genommen hatte , mußte auch in verschiedener Weise seinen Fortgang nehmen . In einer langen Reihe wechselnder Bilder zog die Kinderzeit vor Hans vorüber . Alle die Gestalten , die ihm auf seinem Lebenswege bis jetzt entgegengetreten waren , glitten vorüber , und es fehlte niemand unter ihnen , nicht der Lehrer Silberlöffel aus der Armenschule , nicht die arme kleine Sophie , welche doch beide schon so lange tot waren . Auch Moses hatte seine Toten drunten im Tal ; aber er verscheuchte jeden Gedanken daran , und für die Lebenden hatte er nichts als jenes feine , böse Lächeln . Er haßte die Stadt Neustadt und hielt den guten Professor Fackler für einen albernen Pedanten . Der Professor Fackler würde aber auch die Art , wie sein früherer klügster Schüler den träumenden Hans durch eine spöttische Bemerkung aus dem Traum emporriß , für höchst unpassend erklärt haben . Aber es war geschehen - ein Blick , ein Wort , und die Bilder der Kindheit , der ersten Jugend , verflüchtigten sich , die Gestalten lösten sich auf ; Hans Unwirrsch hörte wieder die Lerche in der Luft , den Fink im Wald und vor allem das scharfe Lachen des Freundes neben sich . Noch ein Blick hinab ins Tal und dann vorwärts - hinein in den Wald , hinein in die weite Welt , das neue Leben . Bald war die weiteste Grenze früherer Wanderungen und Ausflüge überschritten , unbekannte Täler durchwanderte man , unbekannte Höhen wurden erstiegen , unbekannte Kirchtürme lugten bald rechts , bald links hervor . Da mußte wohl das drückende Gefühl des Abschieds mehr und mehr schwinden und dem wonniglichen Gefühl der Wanderfreiheit Platz machen . Mehr und mehr merkte Hans Unwirrsch , daß er geschaffen sei , Wunderdinge zu erleben und sie , wie der Oheim Grünebaum sich ausdrücken würde , » richtig und gerecht zu taxieren « . Was erlebte der närrische Bursch alles an dem ersten Reisetage ! Wie sperrte er den Mund auf vor den allergewöhnlichsten Dingen ! Wie lächerlich , närrisch und tölpelhaft erschien er dem scharfen , nüchternen Moses ! Nicht vor jedem Wirtshause , das ihnen am Wege mit langem Arm winkte , hielten die beiden fahrenden Schüler an , aber mancher Lockung konnten sie doch nicht widerstehen ; die heißesten Mittagsstunden verbrachten sie jedoch wieder in einem Wald , abseits von der Landstraße . Auf dem weichen Rasen lagerten sie , und während Moses in seinem Taschenbuch allerlei Berechnungen anstellte , fiel Hans über einer Taschenausgabe des Virgil in einen Halbschlaf , in welchem er das ferne Posthorn für die römische Tuba nahm , die der Reiterei der Bundesgenossen das Zeichen zum Vorrücken gab . Aufgerüttelt , starrte er sehr verblüfft um sich und wußte während mehrerer Minuten nicht , wo er sich befand ; - er hatte zuletzt ganz fest geschlafen und von dem berühmten Schäferstudenten Chrysostomo und der schonen Marzella geträumt . Moses Freudenstein aber beglückte ihn mit einer Vorlesung über die Träume und ihr Verhältnis zum Gangliensystem ; - er war über seine finanziellen Verhältnisse wieder einmal im reinen und daher zu allen Bosheiten und philosophischen Deduktionen aufgelegt . Im Lauf des Nachmittags wurde er sehr lebendig und nahm dadurch aufs innigste an den Schwärmereien und Entzückungen seines Gefährten teil , daß er sie auf die schändlichste Weise durch die verständigsten und trockensten Bemerkungen über den Haufen warf oder zu werfen suchte . Er , Moses Freudenstein , träumte nicht von der schönen Marzella und dem Schäferstudenten , und die Wolken für allerlei Tiere oder gar schöne Göttinnen zu halten , hielt er ganz unter seiner Würde . Von der schlafenden Prinzessin Dornröschen und dem Zauberer Merlin behauptete er nie ein Wort gehört zu haben , und der Alte mit dem langen weißen Bart und dem langen Stab , der auf dem Waldwege daherkam , war ihm ein verdammter , alter Topfbinder und weiter nichts . Für ganz verruchten Unsinn erklärte er Hansens und der Romantiker » Waldeinsamkeit « ; er war frech genug , zu behaupten , daß ihm bei dem lieblichen Wort stets ganz übel zumute werde . So hatte Hans Unwirrsch Augenblicke , in denen er mit dem Freund , Reisegefährten und Studiengenossen gar nicht harmonierte , wo er sich sogar über ihn ärgerte und ihn von seiner grünen Seite so weit als möglich wegwünschte ; aber diese Augenblicke gingen stets sehr schnell vorüber , und nachdem am Abend im Wirtshaus einige naseweise Gesellen den Versuch gemacht hatten , den klugen Moses an seiner Adlernase zu ziehen , und nur durch das energische Verhalten des guten Hans davon abgehalten worden waren , wurde das freundschaftliche Verhältnis zwischen den beiden angehenden Studenten fernerhin kaum noch durch