sein eigen nennen , war ihm das Kind , das er geliebt , ehe er wußte , daß es sein Kind war , wie ein kurzer schöner Traum wieder verschwunden . Er hatte es ziehen lassen , weil ihm sein Gerechtigkeitsgefühl sagte , daß er kein Anrecht habe an diesem Wesen , für das er nichts gethan , als ihm zum Dasein verholfen . Sollte es denn wirklich sein Schicksal sein , Liebe zu säen und Gleichgültigkeit zu ernten ? Nein , nein ! nicht Gleichgültigkeit ! wenn auch nicht Liebe , wie er sie fühlte , wie er sie wollte , aber auch nicht Gleichgültigkeit ! Empfand sie denn nicht herzliche Freundschaft , aufrichtige tiefe Hochachtung für ihn ? Hätte sie nicht Jahre des Lebens darum geopfert , ihm sein Kind wieder zu schaffen ? Wo war er jetzt ? Sie hatte sich so daran gewöhnt , ihn in allen trüben Stunden ihres Lebens an ihrer Seite zu sehen , daß sie ihn nun , wo er zum ersten Male fern blieb , schmerzlich vermißte . Und doch , welche Ansprüche hatte sie denn an eine Liebe , die sie hundertmal zurückgewiesen , die sie durch ihre Liebe für einen Anderen so tief , so tief beleidigt hatte ? Die junge Frau war so in diesen Gedanken verloren , daß sie nicht hörte , wie es leise an ihre Thüre pochte . Die Thür wurde geöffnet und ein altes , schnauzbärtiges Gesicht schaute herein . Hinter dem schnauzbärtigen Gesicht stand die hohe Gestalt eines Mannes . Gnädige Frau ! sagte der Schnauzbart , ein guter Freund , der eben angekommen ist , wünscht wo möglich noch heute Abend seine Aufwartung zu machen . Wer ist es ? fragte die Dame , sich erstaunt von ihrem Sitze emporhebend . Da trat die hohe Gestalt in das Zimmer . Oldenburg ! rief die Dame . Oldenburg ! Sind Sie es denn wirklich . Ja , Melitta ! sagte der Baron , die ausgestreckte Hand der Dame ergreifend und an seine Lippe führend . Ich bin es wirklich . Der alte Diener hatte während dieser Begrüßung , sich die Hände reibend und das Paar mit einem Blick betrachtend , in welchem sich Angst und Hoffnung malten , dagestanden . Als er den unverkennbaren Ausdruck freudiger Ueberraschung auf dem schönen Antlitz der geliebten Herrin bemerkte und die Thräne , die in ihrem Auge erglänzte , als der Baron sich über ihre Hand beugte , traten ihm selbst die Thränen in die Augen . Er ging mit geräuschlosen Schritten aus dem Zimmer , schloß leise die Thür - und wer den alten Mann weiter beobachtet hätte - aber es beobachtete ihn Keiner , würde gesehen haben , daß er vor der Thür die Hände faltete und mit zitternden Lippen ein heißes Gebet in den grauen Bart murmelte - ein Gebet , das Gott für diese Begegnung zwischen seiner Herrin und dem Manne , den er von Allen allein ihrer würdig achtete , dankte und ihn anflehte , er möge in seiner unendlichen Gnade noch jetzt in der elften Stunde - Alles , Alles zum Besten wenden ! Der Baron war , nachdem der alte Baumann das Zimmer verlassen , mit langen Schritten , wie es seine Gewohnheit war , wenn er ein Gefühl , das ihn zu überwältigen drohte , niederkämpfen wollte , schweigend auf- und abgegangen . - Melitta hatte sich auf das Sopha gesetzt , da eine Erregung , die vielleicht nicht minder groß war , als die Oldenburg ' s , ihr die Kraft zum Stehen raubte . Nach einigen Augenblicken kam der Baron , nahm neben ihr auf dem Sopha Platz und sagte mit einer sanften Stimme , in der auch nicht die mindeste Spur der rauhen Heftigkeit seines Wesens zu entdecken war : Und Sie fragen mich nicht , Melitta , was mich durch Nacht und Nebel hierher in diese Berge , in dies Städtchen und in dies Zimmer geführt hat ? Nein ! erwiderte Melitta , ihm voll und klar in die Augen sehend ; nein ! weiß ich es doch , ohne daß ich frage . Ich danke Dir , Melitta ! Weiter antwortete er nichts ; aber die ganze Seele des Mannes lag in den wenigen Worten . Ja , und noch mehr , fuhr Melitta fort ; ich hatte nur eben noch lebhaft an Sie gedacht , - an den treuen Freund , der mir noch stets in jedem Unglück mit Rath und That zur Seite stand , so oft ich auch seinen Rath verschmähte und die Opfer , die er mir brachte , mit Undank belohnte . Opfer - Undank ; sagte Oldenburg , und es schwebte ein wehmüthiges Lächeln auf seinen Lippen ; das sind Worte , Melitta , die ohne Bedeutung für uns - ich will sagen für mich sind ; es wenigstens jetzt sind , wie ich auch früher darüber gedacht haben mag . Endlich findet sich einmal jeder in sein Schicksal , und wenn der gefangene Löwe seine Verzweiflung ausgetobt hat und seine Kraft an den Eisenstäben seines Käfigs erlahmt ist , legt er sich in die Ecke und ist für die Zukunft so fromm , wie ein Lamm . Doch lassen wir das ! ich bin nicht hierher gekommen , um für mich zu plaidiren und eine Sache , die durch alle Instanzen verloren ist , noch einmal hervorzusuchen ; ich bin nicht meinethalben hier , sondern Deinethalben . - Ich erfuhr in Grünwald , wohin mich Geschäfte riefen , daß Julius gefährlich erkrankt sei , daß Du Dich mit ihm nach Fichtenau auf den Weg gemacht habest . Ich fürchtete sogleich das Schlimmste und bin Tag und Nacht gereist , um Dir zu helfen , wenn ich konnte . Glücklicherweise ist unsere Angst unnöthig gewesen ; ich habe unten Birkenhain gesprochen , der eben von Dir kam . Er hat mich vollständig beruhigt und meint , daß Du , sobald Du Dich erholt , in Gottes Namen zurückreisen