Man erkannte mich natürlich nicht , und ich gab mich auch nicht zu erkennen . Das war vor acht Tagen . Mein Bruder Robert war eben davongegangen wie ich , wie du . Über dich schüttelte man die Köpfe ; denn dunkle , verworrene Gerüchte waren über dich in das vergessene Tal gedrungen . In toller Angst und Hast kam ich hierher - ich vernahm , was unserm Robert geschehen war ; aber ich hatte gelernt , mich zu beherrschen . Mit lächelnder Miene ging ich umher , ließ mich von dem Hauptmann Faber überall vorstellen ; der junge reiche Amerikaner war überall ein gern gesehener Gast . Für manche Sünde meines Lebens habe ich durch die innere Qual dieser letzten acht Tage reichlichst gebüßt ; - nun verzeihe mir , verzeihe mir , Eva , meine Geliebte , meine Braut , mein Alles . Zu deinen Füßen knie ich hier , verzeihe mir , verzeihe alles , was der tolle Fritz vom Eulenbruch durch Vergessen , Zweifel und Mißtrauen gesündigt hat ; ich liebe dich , habe dich immer geliebt und nie an ein anderes Weib gedacht ! « Weinend hob Eva den Freund auf : » Sei ruhig , Herz . Ich lasse dich nicht . Die Sterne haben uns auseinandergeführt , die Sterne haben uns von neuem vereinigt . Nicht wahr , nun soll uns nur der Tod scheiden ? « » Nur der Tod ! « rief Friedrich Wolf . » Sag es noch einmal , sag es mir wieder , daß du mit mir gehen willst , daß du mir immer zur Seite stehen willst ! « » Immer , immer ! Deine Sterne sind die meinigen . « » So laß uns gehen ! Morgen , heute , in dieser Nacht ! « » Und dein Bruder ? « » Dürfen wir ihm jetzt entgegentreten ? Wir wollen schon für ihn sorgen . In der rechten Stunde wollen wir ihn dann zu uns rufen . « » Du sollst entscheiden . « » Er hat auch seine Sterne . Mögen sie ihn gut und sicher führen , wie sie uns geführt haben . Fürchtest du dich aber auch nicht vor dem Meere , du Süße , Liebe ? « Eva Dornbluth schüttelte den Kopf : » Hab ich mich vor der Welt gefürchtet ? Die ist ein noch ganz anderes , viel wilderes Meer . « Der rote Wolf zog von neuem das Mädchen aus dem Winzelwalde an seine Brust ; dann warf er jubelnd und triumphierend die Hand empor : » Westward ho ! Gesegnet seien unsere Sterne ! « Elftes Kapitel Das Hinterhaus von Nummer zwölf in der Musikantengasse erfährt eher etwas Merkwürdiges als das Vorderhaus Es war spät in der Nacht , und doch war noch Licht in der Werkstatt des Schreiners Tellering , im Hinterhaus von Nummer zwölf in der Musikantengasse . Der Kanarienvogel im Bauer hatte sein Köpfchen unter die Flügel gezogen und schlief sanft ; aber Hobel und Hammer in den Händen von Johannes und Ludwig Tellering , Vater und Sohn , waren noch nicht zur Ruhe gekommen , obgleich sie ein saures Tagewerk hinter sich hatten . Der alte und der junge Handwerksmann waren beschäftigt , einen Sarg zu zimmern ; und ein Sarg ist ein kurioses Stück Arbeit , welches keinen Aufschub duldet . Für die Wiege darf der Mensch als Mensch und Hausvater lange vorher , ehe sie gebraucht wird , sorgen , und die junge Braut und Frau darf sie in errötender Erwartung der Dinge , die da kommen sollen , unter ihrer Aussteuer in das Haus des Mannes bringen . Wenn aber jemand bei Lebzeiten seinen Sarg bestellen wollte , so würde das mit Recht die Verwunderung der Nachbarn und Mitlebenden erregen , und das Exempel des Kaisers Karl des Fünften würde zur Rechtfertigung solcher Schrulle durchaus nicht ausreichen . In Gedanken zimmert der fromme Christ leider freilich oft genug einen hübschen , festen , bequemen Sarg im voraus für geliebte Anverwandte , die sehr reich , oder andere , welche zu mürrisch und alt sind ; aber hat man jemals wohl davon gehört , daß ein liebender Neffe einem alten Erbonkel solch ein schwarzes , solides , mit Silber beschlagenes Ruhebett zum Geburtstag oder bei einer andern festlichen Gelegenheit als Zeichen seiner Verehrung und Liebe dargebracht habe ? Weder die alten noch die neuen Schriftsteller , weder die Klassiker noch die Epigonen melden von einem solchen Faktum . Übrigens ist es immer eine traurige Arbeit , einen Sarg zu machen , in Gedanken sowohl wie in der Wirklichkeit ; man kann in keiner fröhlichen Stimmung dabei sein , und so arbeiteten auch in dieser Mitternacht Vater und Sohn ernst und eifrig nebeneinander fort und sahen kaum von ihrer Arbeit auf . Jeder dachte dabei das Seinige , und ob die Gedanken aus einem grauhaarigen oder braungelockten Kopfe entsprangen , einerlei , sie waren recht melancholisch gefärbt , obgleich weder Meister Johannes noch Ludwig viel von dem Schläfer wußten , welchem sie das letzte Ruhebett bauten . Neben der Werkstatt befand sich die Schlafkammer der Frauen der Familie . Die hübsche , lustige Luise schlief so sanft und friedlich wie der kleine Vogel im Bauer ; sie lächelte im Traum und vernahm nicht das mindeste von Hobel , Hammer und Säge . Wachend lag aber die Mutter Anna , sie horchte schlaflos der fortschreitenden Arbeit des Mannes und Sohnes . Solch eine alte Frau hat mehr Sorgen als ein junges Ding von sechzehn Jahren ; die Jungen und Gedankenlosen wissen gar nicht , wie glücklich sie sind . Die beiden Fenster der Werkstatt gingen auf den Hof hinaus ; das einzige Fenster der Kammer der Frauen sah in die enge schwarze Gasse , durch welche man gehen mußte , um zu dem Klosterhof von Sankt Nikolaus , um zu dem Giebel des Sternsehers Heinrich Ulex zu gelangen . Wir kennen den Weg bereits . An das Fenster der Schlafkammer klopfte plötzlich jemand ganz