wieder sprang sie empor und eilte , wie von Dämonen verfolgt , in dem Gemache auf und ab . O , mein Gott , mein Gott ! rief sie , die Hände ringend . Sie eilte auf die Thür zu , als wollte sie entfliehen , aber , ehe sie dieselbe erreichte , brach sie zusammen . Oswald fing sie in seinen Armen auf ; er trug sie nach dem Sopha ; er bedeckte ihre kalten Hände , ihre bebenden Lippen mit glühenden Küssen ; ein Freudenschrei entrang sich seiner gepreßten Brust , als die starre Gestalt sich endlich wieder zu regen begann . Sie richtete sich halb empor und ihre Augen mit dem Ausdruck unendlicher Liebe auf ihn heftend , sagte sie leise - leise und fest , wie ein Kranker , der seinen Arzt fragt , ob Leben oder Tod das Ende sein wird - Oswald , höre mich an ! liebst Du mich jetzt , in diesem Augenblick , so , wie Du glaubst , daß Du ein Weib auf Erden lieben kannst ? Ja , Melitta ! Nun denn , Oswald , so liebe ich Dich - jetzt und immerdar . Das Gewitter war vorübergebraust ; schweigend ruhte der regenerquickte , duftende Wald ; und über dem Wald erglänzte aus dem purpurnen Abendhimmel der Venus leuchtender Stern . Fünfzehntes Capitel Als Oswald am nächsten Morgen nach einem kurzen , unruhigen Schlaf erwachte , war es ihm , als hätte sich ein trüber Lethestrom über die Erinnerungen des vergangenen Tages gewälzt . Was sich ereignet hatte bis zu dem Augenblicke , wo ihm das Venusbild in der dämmrigen Waldkapelle entgegenschwebte - er hatte es vergessen ; was nachher geschehen war , als er Melitta , die ihm bis in die Nähe des Wagens durch den Wald das Geleit gegeben , zum letzten Male in seine Arme gepreßt hatte - er wußte es nicht mehr . Aber die Küsse , die er gegeben und empfangen , brannten noch auf seinen Lippen ; aber der süße Athem , der sich mit dem seinen vermischt , umkoste ihn noch ; aber die liebetiefen Augen , die in den seinen geruht , sie strahlten ihm noch immer . O , diese Augen , diese zärtlichkosenden leidenschaftblitzenden Augen ! wie zwei helle Sterne , die selbst das Frühroth nicht verlöschen kann , schimmerten sie und leuchteten sie , und verfolgten ihn allüberall . Er sah sie , wenn er die eigenen Augen schloß : er sah sie , wenn er aus dem Fenster , in dem er lehnte , in den hellen Morgenhimmel schaute ; er sah sie , wenn er den Blick in die blauen Schatten senkte , die zwischen den hohen Bäumen lagen , unten in dem stillen , thaufrischen Garten . Es war ihm , als ob er sich todt weinen könnte , als ob er laut aufjauchzen müßte vor seligem Schmerz und schmerzlicher Seligkeit , als ob sein ganzes Wesen sich auflösen , wie ein Ton in der Harmonie des Alls verklingen müßte . Daß er einen Körper hatte , erschien ihm wie Hohn . Er schlich sich auf den Fußspitzen in die Kammer der Knaben : er wollte wenigstens ein liebes Antlitz , Bruno ' s Antlitz sehen . Das erste Frühroth drang durch die geschlossenen Gardinen : im Zimmer war es auffallend kühl . Bruno hatte wieder einmal nach seiner Gewohnheit das Fenster die ganze Nacht hindurch offen gelassen . Oswald schloß es , denn die Morgenluft wehte herein und Bruno ' s Gesicht war von einem unruhigen Traum erhitzt . - Wieder lag er da , wie in jener Nacht , als Oswald ihn zum ersten Mal erblickte - mit über der Brust verschränkten Armen , düstern Trotz auf dem dämonisch-schönen Angesicht . Aber als Oswald ihn heute auf die Stirn küßte , öffnete er nicht , wie damals die Augen , ihn voll Traumseligkeit anzulächeln ; öffnete er nicht , wie damals die Lippen , ihm das rührende Wort zuzuflüstern : ich habe Dich lieb ! die dunklen Brauen zogen sich nur noch finsterer zusammen , und schmerzlich zuckte es um den stolzen Mund . - Zu jeder andern Zeit würde Oswald dies für einen Zufall angesehen haben ; aber jetzt in seiner augenblicklichen weichen Stimmung schmerzte es ihn innig . - Zürnt er dir noch , dachte er , daß du ihn gestern zu Hause ließest ? Ahnt er , daß seit gestern ihm nicht mehr all ' deine Liebe gehört ? und doch , liebe ich ihn jetzt nicht nur noch mehr ? Er streichelte dem Knaben sanft das dunkle Haar aus der finstern Stirn ; er hüllte die leichte Decke fester um den schlanken Leib und schlich wieder aus dem Gemach mit viel weniger leichtem Herzen , als er es betreten hatte . Eine bange Ahnung von schwerem Leid , das ihm selbst und Bruno und auch ihr ! aus all ' der Himmelslust erwachsen werde , durchbebte ihn . Er eilte in den Garten hinab , um im Freien freier athmen zu können , und schweifte umher in den dunklen Laubengängen und zwischen den Beeten , und schüttelte den Thau von den Zweigen in sein heißes Gesicht und schaute mit den düstern verwachten Augen in die frommen Kinderaugen der Blumen . - An den Gemüsebeeten fand er den Gärtner beschäftigt . Es war doch wenigstens ein Mensch . Oswald sehnte sich darnach , die Stimme eines Menschen zu hören . Er redete den Mann an ; er erkundigte sich , was er nie zuvor gethan , nach seinen Verhältnissen : ob er verheiratet sei ? ob er Kinder habe ? ob er die Kinder liebe ? Der Mann gab ihm schiefe , halbe Antworten ; redseliger wurde er , als er auf seine Pflanzungen zu sprechen kam , die bei dem köstlichen Wetter , wo herrlichster Sonnenschein mit warmem Gewitterregen abwechselte , gar üppig gediehen . Aber Oswald hörte nur mit halbem Ohre hin und verließ plötzlich mit einem flüchtigen